bedeckt München 15°

China und Indien:Blutige Eskalation im Himalaja

Was friedlich aussieht und eigentlich Touristen anzieht, entpuppt sich gerade als Streit-Hotspot zwischen Indien und China: die Region Ladakh.

(Foto: Prakash Singh/AFP)

Bei einem Zusammenstoß von Truppen aus China und Indien im umstrittenen Grenzgebiet werden mindestens 20 Soldaten getötet. Es ist der schwerste Vorfall zwischen den Atommächten seit vier Jahrzehnten.

Von Lea Deuber und Arne Perras, Peking/Singapur

Erstmals seit 45 Jahren sind an der indisch-chinesischen Grenze wieder Soldaten gestorben. Laut dem indischen Militär wurden 20 Armeeangehörige getötet. Zunächst hatte die indische Seite von drei Getöteten gesprochen. Am Dienstagabend teilte ein Armeesprecher dann mit, 17 weitere Soldaten seien gestorben, nachdem sie bei dem Vorfall von Montagnacht schwer verwundet wurden und Temperaturen unter Null Grad und großer Höhe ausgesetzt waren. Den indischen Angaben zufolge gab es auch auf chinesischer Seite Opfer. Peking bestätigte dies nicht, doch twitterte der Chefredakteur der staatlichen chinesischen Global Times ebenfalls, Chinesen seien umgekommen.

Der tödliche Zwischenfall ist eine weitere Eskalation im umstrittenen Grenzgebiet von Ladakh im westlichen Himalaja. Dort gibt es keine demarkierte Grenze zwischen den beiden asiatischen Atommächten. Beide entsandten hochrangige Armeevertreter, um die Lage zu entschärfen.

Seit Mitte April beobachtet die indische Armee im umstrittenen Grenzgebiet chinesische Truppenbewegungen. Indische Medien berichteten unter Berufung auf Militärquellen, Pekings Truppen hätten Geländegewinne von bis zu 60 Quadratkilometern erzielt. China beharrt darauf, nur seine Souveränität im Himalaja zu schützen. Anfang Mai kam es bei Zusammenstößen zu schweren Handgreiflichkeiten, Schüsse fielen damals angeblich nicht - ebenso wenig Montagnacht.

Seit Juni gibt es Gespräche zwischen hohen Offizieren beider Seiten, bis zum Wochenende drangen aus Peking wie aus Delhi eher positive Signale durch. Es sah so aus, als könnte ein Rückzug auf den Status quo vor den Prügeleien stattfinden. China sprach gar von "Konsens" über weitere Schritte. All dies steht nach dem gewaltsamen Zusammenstoß im Galwan-Tal wieder in Frage.

Brahma Chellaney, Experte für strategische Studien am Centre for Policy Research in Delhi sprach im indischen Fernsehen von einem Wendepunkt der Beziehungen. "Nach diesem Vorfall wird Chinas Verhältnis zu Indien nie mehr so sein wie vorher", sagte er. Das klang düster, denn schon jetzt herrscht großes gegenseitiges Misstrauen. In Abkommen sichern sich die Seiten zu, Streitigkeiten entlang der Grenze friedlich zu lösen. Immer wieder haben sich die Großmächte aber vorgeworfen, den anderen durch angeblich unzulässige Patrouillen und Übertritte der umstrittenen Grenzlinie zu provozieren.

Peking und Delhi werfen sich gegenseitig Provokationen in der strategisch wichtigen Region vor

Unklar blieb, wie die Soldaten starben. Lokale Quellen sprachen davon, sie seien totgeprügelt worden, die indische Armee bestätigte dies zunächst nicht. Sie versicherte aber, Montagnacht seien, wie in den Jahrzehnten zuvor, keine Schüsse gefallen. Angeblich sollen bis zu 20 indische Soldaten noch in Gefangenschaft sein.

Peking bezichtigte am Dienstag Indien als Aggressor. In einer Pressekonferenz des Außenministeriums sagte ein Sprecher zwar, es lägen ihm keine Informationen über Todesopfer vor. Er sprach aber davon, dass Indiens Streitkräfte am 15. Juni den Konsens, also die zuvor gemeinsam getroffenen Zugeständnisse, zwischen beiden Seiten "ernsthaft verletzt" hätten.

Indische Soldaten hätten die Grenze zweimal illegal überschritten und chinesische Einheiten aktiv angegriffen, was zu einem ernsten physischen Konflikt zwischen beiden Grenzkräften geführt habe. "China hat heftigen Protest gegen das Verhalten der indischen Seite eingelegt und fordert diese erneut ernsthaft auf, sich an den gemeinsamen Konsens zu halten und nicht für weiteren Ärger zu sorgen", sagte der Sprecher. China und Indien hätten vereinbart, bilaterale Probleme durch Gespräche zu lösen und dazu beizutragen, Frieden in die Grenzregionen zu bringen.

Der einflussreiche Chefredakteur der Staatszeitung Global Times , Hu Xijin, schob auf seinem Weibo-Kanal eine weniger friedlich klingende Warnung hinterher: Indien solle Chinas bisherige Zurückhaltung nicht als Schwäche missverstehen. "Indien sollte nie arrogant gegenüber China sein. China will keinen Konflikt mit Indien, hat aber auch keine Angst davor."

Das Galwan-Tal zählt zu den strategisch bedeutsamen Gegenden im Grenzgebiet, denn es liegt in Nähe einer Straße, die Indien seit Jahren für militärische Zwecke ausbaut und fast fertiggestellt hat. Sie führt von Leh 255 Kilometer weit zum äußersten indischen Stützpunkt Daulat Beg Oldi, DBO genannt, wo auf 5065 Metern eines der höchsten Flugfelder der Welt liegt. Indien hat die Landebahn, die lange ungenutzt war, 2008 wieder in Betrieb genommen.

Doch wenn es stimmt, dass chinesische Soldaten nun vorgerückt sind, wie Indien behauptet, und wenn die Volksarmee Stellungen unweit des Gebirgshighways nach DBO hält, so wäre dies im Kriegsfall strategisch äußerst ungünstig für Indien. Auch am Pangong Tso, einem Bergsee weiter östlich, rückten chinesische Truppen im Mai vor und verweigern nach indischen Berichten bisher den Rückzug.

Delhi hatte seine Frühjahrsmanöver in Ladakh wegen der Corona-Krise abgesagt. Doch der Grenzkonflikt ruft düstere Erinnerungen wach. Der Grenzverlauf wurde nie abschließend festgelegt, die abziehenden Briten hinterließen Peking und Delhi eine ungelöste Frage mit viel Konfliktpotenzial. In Indien sitzt die Schmach noch tief über den indisch-chinesischen Krieg 1962, als das Land keinen Sieg davon tragen konnte. Indien solle nicht seine Lehren aus der Geschichte vergessen, schrieb Chefkommentator Hu. Er hoffe, so die unverhohlene Drohung, China müsse Indien nicht noch weitere Lektionen erteilen.

© SZ vom 17.06.2020
June 11, 2020, Rio De Janeiro, Rio de Janeiro, Brazil: Activists from the non-governmental organization (NGO) Rio de Pa

SZ PlusBrasilien
:Sie tanzen und sie sterben

Gar nicht so lange her, da war Brasilien noch ein aufstrebender Gigant. Aber die Kombination von Bolsonaro und Corona ist im wahrsten Sinne tödlich.

Von Christoph Gurk

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite