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China:Wenn der Glaube ins Wanken gerät

Menschen in Macau nach Ausbruch des Coronavirus

Die meisten Bewohner der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau erledigen nur noch mit Gesichtsmasken ihre täglichen Einkäufe. An der Grenze drängen sich Festlandchinesen zur Einreise. Sie fürchten, dass Macau bald die Grenzen schließen könnte.

(Foto: Anthony Kwan/Getty Images)

Viele Chinesen zweifeln angesichts der Ausbreitung des Coronavirus am Krisenmanagement ihrer Regierung. Sie werfen ihr Lügen vor - und sprechen über ein neues Gefühl der Unsicherheit.

Von Lea Deuber, Peking

Kein Wort zu China oder dem Coronavirus steht in der Filmkritik zu der Fernsehserie Tschernobyl, die ein Onlineportal in diesen Tagen im chinesischen Netz veröffentlicht hat. Dafür zitieren die Autoren ausführlich aus dem Skript der britischen Miniserie: "Wenn Menschen Fragen stellen, die nicht gut für sie sind, sollte man ihnen sagen, dass sie an ihre Arbeit denken und den Rest dem Staat überlassen sollen." Der Artikel ist wie viele andere Veröffentlichungen zu dem Thema inzwischen gelöscht. Jeder Hinweis auf den Unfall in der Sowjetunion vor fast 35 Jahren wird nun aus den sozialen Netzwerken gefischt. Die Serie kann auf Videoplattformen vielfach nicht mehr kommentiert werden. Die Nuklearkatastrophe und der Ausbruch des Coronavirus in China sind in ihrer Schwere nicht miteinander zu vergleichen. Auf der Suche nach einer Analogie für das, was in diesen Tagen im Land passiert, blicken in China nun aber viele Menschen zurück auf die Tage im Frühjahr 1986. Anderes Land, gleiche Lügen, schreiben sie in den sozialen Netzwerken.

Wuhan wie Tschernobyl? Es ist ein Vergleich, der Peking nervös macht. Die Kommunistische Partei ist getrieben von der Angst, dass ihr die Macht eines Tages entgleiten könnte, wie einst dem Regime in Moskau. Die Kommunistische Partei stellt sich gerne als Regierung dar, die alles im Griff hat. Parteichef Xi Jinping betont stets die florierende, stabile und harmonische Gesellschaft im Land. Harmonisch ist in diesen Tagen aber nicht viel. Weltweit gibt es nun fast 6000 Infizierte. Die Zahl der Todesopfer stieg auf mindestens 132. Im Netz werden Aufnahmen aus überfüllten Krankenhäusern geteilt. Ärzte, die nach Wuhan geschickt werden, verabschieden sich von ihren Angehörigen, als würde man sich nie wiedersehen. Reisende aus den isolierten Regionen werden behandelt wie Aussätzige. Menschen in Supermärkten kämpfen um die letzten Schutzmasken. An einigen Übergängen nach Hongkong und Macau drängen sich Menschen, weil sie versuchen, noch in die chinesischen Sonderverwaltungszonen zu gelangen, bevor diese ihre Grenzen dichtmachen. Selbst die Peking-freundlichen Parteien in Hongkong sprechen sich jetzt dafür aus, sich von den Festlandchinesen abzuschotten.

Selbstverständlich herrscht nicht überall im Land Chaos. Ein Großteil der Menschen verbringt die Festtage zu Hause und geht nur raus, wenn es wirklich nötig ist. Doch die vergangenen Tage haben viele Menschen verunsichert. Der von Peking propagierte Glaube, dass das chinesische System effizient und stark sei, womöglich den westlichen Demokratien überlegen, gerät mit Blick auf das Missmanagement Pekings bei vielen Menschen ins Wanken.

Die Fehleinschätzung einer Lokalregierung reicht, um einen nationalen Notstand auszulösen

In der Sowjetunion gaben die Behörden den Nuklearunfall 1986 erst zu, als es unwiderlegbare Beweise außerhalb der Regierungskreise gab. In Wuhan wussten die Behörden bereits am 8. Dezember von einem ersten Infizierten. Die offizielle Warnung folgte aber erst am 30. Dezember, drei Wochen später. Am 20. Januar teilte die Regierung wiederum mit, dass sich die Krankheit auf Städte außerhalb von Wuhan ausgebreitet hat. Tage zuvor hatten bereits Thailand und Japan Krankheitsfälle gemeldet. Ein "patriotisches Virus" sei das. Da dieses nur Ausländer befalle, spotteten die Menschen in China. Auch das Wissen, dass das Virus sich von Mensch zu Mensch überträgt, veröffentlichten die Behörden nur verzögert. Zur gleichen Zeit reisten Millionen Menschen quer durchs Land auf dem Weg in den Urlaub. Während es zunächst so aussah, als hätte China etwas aus dem Ausbruch des Sarsvirus 2003 gelernt, scheint nun das Gegenteil richtig.

Der Bürgermeister von Wuhan sagte in einem Interview im Staatsfernsehen, dass die Lokalregierung nicht rechtzeitig über den Ausbruch informieren konnte, weil ihr die Genehmigung gefehlt habe. Durch die hierarchische Bürokratie werden in China Probleme häufig erst bekannt, wenn sie die Zentralregierung erreicht haben. Zu diesem Zeitpunkt sind sie dann nicht selten schon ein ernst zu nehmendes Problem. Niemand ist zudem gerne der Überbringer schlechter Nachrichten. Probleme werden geschönt oder zurückgehalten in dem Versuch, sie zu lösen, bevor sie auf höheren Ebenen auffallen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen sind somit auch das Symptom eines politischen Systems, in dem die Fehleinschätzung einer Lokalregierung reicht, um innerhalb von Tagen einen nationalen Notstand auszulösen.

Die KP hat weitreichende Macht über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In zehn Tagen wollte die Regierung ein Krankenhaus mit 1000 zusätzlichen Betten bauen. Die Aufnahmen davon gingen um die Welt. In Deutschland kann man schon mal so lange auf einen heimischen Internetanschluss warten. Aber nicht nur, dass eine der wichtigsten Zeitungen kurz darauf verkündete, das Krankenhaus sei schon nach 16 Stunden fertig gewesen. Eine Geschichte, die gelogen war und für neuen Zorn in der Bevölkerung gesorgt hat. In derKrise zeigt sich auch, was es bedeutet, wenn es keine zivilgesellschaftlichen Akteure gibt, denen die Menschen Vertrauen schenken. In Deutschland äußerte sich nach Bekanntwerden des Ausbruchs das Robert-Koch-Institut. Im Notfall rücken hierzulande das Technische Hilfswerk oder Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz an. Chinas Regierung ist zwar über Nacht in der Lage, Dutzende Bagger für den Bau eines Krankenhauses heranzuschaffen. Oder eine Provinz zu isolieren, in der mehr Menschen leben als in Spanien.

Doch in den vergangenen Tagen hat sich das nur vermeintlich als Stärke entpuppt. Das Neujahrsfest ist in China ungefähr so wie in Deutschland Weihnachten, Ostern und Sommerferien zusammen. Die Entscheidung, das Fest für 50 Millionen Menschen de facto abzusagen, erweckte bei vielen den Eindruck, dass wohl mindestens eine Zombieapokalypse anstehen müsste. Wieso sonst würde die Regierung zu so drastischen Maßnahmen greifen.

In den sozialen Netzwerken lässt sich in diesen Tagen ungewöhnlich viel über die neue Unsicherheit der Menschen lesen. Um die Zensur zu umgehen, nennen die Menschen den Parteichef Xi Jinping nun einfach Donald Trump.

© SZ vom 30.01.2020
Workers in protective mask disinfects a waiting hall following the outbreak of a new coronavirus at the Nanjing Railway Station, in Nanjing, Jiangsu

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