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Impfen gegen Corona:Chile drückt aufs Tempo

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens bekommt ihre Impfdosis im Bicentenario-Park in Santiago.

(Foto: Martin Bernetti/AFP)

Das südamerikanische Land impft schneller als so manches europäische. Die Regierung setzt auf einen Mix von Impfstoffen, um rasch voranzukommen. Gerne springt bei Engpässen China ein - und das hat Folgen.

Von Sebastian Schoepp

Chile hat zwischen 3. und 10. Februar, also innerhalb einer Woche, fast 1,3 Millionen Menschen gegen Covid geimpft. Am Donnerstag waren es schon 1,5 Millionen. Damit gehört das südamerikanische Land, gemessen an der Einwohnerzahl, zu den Spitzenreitern auf der Welt. Sogar an der Universität Oxford wurde dieses Tempo als "eindrucksvoll" bezeichnet, wie der Leiter der renommierten Datenabteilung Our World in Data, Max Roser, twitterte, das Land habe allen Grund, diesen Erfolg "zu feiern wie eine Fußball-WM". Bei verabreichten Einzeldosen belegt Chile, immer gemessen an der Bevölkerungszahl, einen Platz unter den Top sechs. Bei der täglichen Impfgeschwindigkeit liegt das Land sogar vor den USA und Europa. Nur Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate sind laut Oxford-Statistik schneller.

Laut Chiles Gesundheitsminister Enrique Paris ist Grundlage für den Erfolg ein "sehr robuster Impfplan". Jeder Impfling und jede Risikogruppe seien genau registriert, deswegen sei schnell klar, wenn eine Person einer bestimmten Gruppe noch fehle. Diesen Menschen werden Angebote gemacht, die Impfung selbst ist gratis und freiwillig, aber in Chile ist die Impfbereitschaft nach den langen Monaten des Lockdown groß. Bis 19. Februar, so der ehrgeizige Plan, sollen alle Personen über 65 geimpft sein. Weitere Risikogruppen, chronisch Kranke und Sanitätspersonal, sollen im ersten Trimester dran sein; bis Juli, also dem südlichen Winter, will man 15 der 19 Millionen Chilenen geimpft haben.

Die Regierung ist zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen, denn Chile ist ein Land mit einer relativ kleinen Bevölkerungszahl, die sich zudem im Großraum Santiago konzentriert. Vor allem aber setzt Chile auf einen bunten Mix aus Impfstoffen, gekauft wird, was auf dem Markt ist, Pfizer, Astra, Sinovac. Früh begann man mit den Verhandlungen, auch für den russischen Impfstoff Sputnik V wurde ein Vertrag geschlossen. "Wir haben eine Vereinbarung erzielt, dass wir künftig diesen Impfstoff bekommen", kündigte Minister Enrique Paris an.

So sieht sich die Regierung in der Lage, flexibel zu handeln. Als Mitte Januar Pfizer bekannt gab, dass es Verzögerungen bei der Lieferung gebe, beschleunigte Präsident Sebastián Piñera Verhandlungen mit seinem chinesischen Kollegen Xi Jinping. Für China ist das eine hervorragende Gelegenheit, seinen ohnehin schon großen Einfluss in Lateinamerika auszubauen.

Das schnelle Tempo zieht Impftouristen aus der Nachbarschaft an

Auch andere Länder, zum Beispiel Brasilien, verimpfen chinesische Importware, obwohl Präsident Jair Bolsonaro anfänglich dagegen war, die Brasilianer seien keine Versuchskaninchen. Aber ohne China hätten viele Schwellenländer angesichts der Lieferschwierigkeiten anderer Anbieter gar keine Chance, an Impfstoff zu gelangen.

Der chinesische Stoff werde in Chile selbst getestet, versprach die Regierung. Dazu wurde ein Abkommen zwischen Sinovac und der Universidad Católica von Santiago getroffen. Der Plan ist, 60 Millionen Dosen in drei Jahren zu beziehen. "Sinovac könnte eine vorherrschende Rolle spielen bei der ersehnten Immunität der Bevölkerung", sagte der führende Immunologe der Universität, Alexis Kalergis. Astra Zeneca etwa liefert nur fünf Millionen Dosen.

2020 stand die Regierung in Santiago noch stark in der Kritik, weil Chile enorme Ansteckungszahlen aufwies. Der strenge Lockdown ließ Demonstrationen wieder aufflammen, die im Vorjahr als soziale Proteste begonnen hatten. Protestierende warfen Präsident Piñera vor, er wolle eine Diktatur einführen, vor allem die Ausgangssperre erinnerte viele Chilenen an die Pinochet-Diktatur, die sich dieses Mittels weidlich bedient hatte. Nun jedoch, da immer mehr Menschen geimpft sind, macht die Regierung an Boden gut.

Das hat sich in den Nachbarländern herumgesprochen, weshalb eine Art Impftourismus eingesetzt hat, vor allem aus dem schwer gebeutelten Peru, wo ein Fernsehsender fälschlicherweise berichtete, man bekomme in Chile einfach so eine Impfung. Chile ist auch aus sozialen und politischen Gründen seit Längerem Ziel einer großen Auswanderungswelle. Das Gesundheitsministerium teilte nun mit, Leute mit Touristenvisum bekämen keine Impfung. In den Nachbarländern Argentinien und Bolivien wird vor allem Sputnik V verimpft, aber lange nicht in dem Tempo wie in Chile. Angesichts der Ankunft von immer mehr Migranten im Norden von Chile sollen nun Soldaten die Grenzen zu Bolivien und Peru bewachen.

© SZ/jael
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