Kohl und die Wiedervereinigung "Standfest, als andere wankelmütig waren"

Kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit lässt die CDU Helmut Kohl hochleben. Der Altkanzler richtet derweil nach Jahren des Schweigens versöhnliche Worte an Wolfgang Schäuble.

Von Thorsten Schmitz, Berlin

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hat auf einem Empfang anlässlich des Vereinigungsparteitages der CDU vor zwanzig Jahren am Freitag in einer Rede in Berlin dazu aufgerufen, sich zu erinnern, "wo wir herkommen und wohin die CDU und wohin Deutschland geht". Die CDU, in diesem Fall, ist am Freitag in den äußersten Westen der Hauptstadt gegangen. Die Veranstaltung der Christdemokraten fand im Palais am Funkturm statt, weit weg von den Mauer-Erinnerungsorten wie Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie.

Kohl zeigte sich besorgt über die "zunehmende Beschönigung der DDR".

(Foto: dpa)

Der sichtlich gealterte Kohl, dem das Sprechen zeitweise schwerfiel, genoss den Applaus, als er im Rollstuhl ins Palais gefahren wurde und wippte mit dem Fuß zur klassischen Auftaktmusik. Er sagte dann, es sei die CDU (in gewissem Sinne also auch er selbst) gewesen, die die Revolution in der DDR als "historische Chance" begriffen habe. SPD und Grüne hätten damals "kläglich versagt".

Zudem tat Kohl Kassandrarufe ab, dass das Wählerpotential der Christdemokraten schwinde. Ohne die Grünen zu erwähnen, die sich derzeit im Umfragehoch befinden, sagte er, die CDU sei kein "Auslaufmodell", sondern bleibe ein "Zukunftsmodell". Konservativ und fortschrittlich seien keine Gegensätze, "sondern zwei Seiten einer Medaille".

Kohl sprach sich indirekt gegen die Abschaffung der Wehrpflicht aus und sagte offenbar in Anspielung auf die Diskussion über das Buch des früheren Bundesbankvorstandsmitglieds Thilo Sarrazin: "Wir dürfen die Diskussion über Bildung und Integration nicht auf Migration beschränken."

Zum Schluss sprach er über Wolfgang Schäuble, dem er "mit großer Herzlichkeit" Genesungswünsche ins Krankenhaus sandte. Das sei nicht nur irgendeine Floskel, sagte Kohl. Schäuble habe mehr als viele andere Einsatz bei der Wiedervereinigung gezeigt. Die langjährigen Weggefährten Kohl und Schäuble haben seit zehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Hintergrund ist die damalige CDU-Spendenaffäre, die Kohl den Ehrenvorsitz seiner Partei kostete. Anschließend sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kohls Ziehtochter, die sich zehn Jahre nach dem Mauerfall entschlossen hatte, aus Kohls Schatten zu treten. Sie lobte Kohl und sagte das, was sie bei ein paar Geburtstagsfesten in vergangenen Jahren zu Kohls Ehren so (oder so ähnlich) schon öfter gesagt hatte. Dass ohne ihn die Einheit nicht vorstellbar wäre. Dass er einen Traum wahr gemacht habe. Dass er Standfestigkeit bewiesen habe, als "andere wankelmütig waren".

Es ist dieselbe Frau, die im Dezember 1999 mit einem kühlen Artikel auf der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ihrem Übervater in den Rücken gefallen war. Mitten in der Spendenaffäre hatte die damalige CDU-Generalsekretärin ihrer Partei die Abnabelung von Kohl empfohlen. Der damalige Alt- und Ehrenvorsitzende wurde durch Merkels Zeitungsbeitrag zum Geächteten der eigenen Partei.

Heute wird Kohl längst wieder hofiert, von der Kanzlerin, die natürlich kein Wort über die Spendenaffäre verliert, wie auch von der eigenen Partei. Sein Terminkalender ist voll, heißt es aus seinem Büro. So voll offenbar, dass die Bild-Zeitung, die ein großes Einheitsinterview mit dem Einheitskanzler führen wollte, nur zehn Fragen stellen durfte und von Kohl auf eine Fortsetzung des Interviews vertröstet wurde. Dafür durfte der Bild-Chefredakteur in der zweiten Reihe gleich hinter dem Alt-Kanzler sitzen.

Kohl gibt heute zu, dass nicht längst alle Landschaften in Ostdeutschland erblüht seien: "Sicher geht alles langsamer, als wir es uns damals vorgestellt haben." Was ihm aber Sorge bereite, sei nicht das Tempo, in dem die Einheit vollzogen werde, sondern: "Die zunehmende Beschönigung der DDR. Um es klar zu sagen, die DDR war ein Unrechtsstaat. Wer etwas anderes behauptet, der hat aus der Geschichte nichts gelernt, aber auch gar nichts gelernt." Gemeint ist damit auch Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident. Dieser hatte vor kurzem betont: "Die DDR war kein vollkommener Rechtsstaat. Aber sie war auch kein Unrechtsstaat."

Lothar de Maizière war nicht bei der Veranstaltung. Merkel lobte ihn ausführlich. Er habe maßgeblich Anteil an der Einheit. Man kann sich auch täuschen, aber als die Kanzlerin so sprach, konnte man in Kohls Gesicht Unmut ablesen.