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Bundeswehr:Wehrmacht ist Vorbild dafür, wie es nie wieder sein darf

Wehrmachtssoldaten brennen im Jahr 1941 während des Überfalls auf die Sowjetunion ein Dorf nieder

(Foto: SZ-Photo)

Von der Leyen hatte allen Grund für ihre Feststellung, dass die Wehrmacht "in keiner Form traditionsstiftend" sein könne. Niemand in der Bundeswehr sollte sich auf deren Werte berufen.

Kommentar von Kurt Kister

Wieder einmal hat die Bundeswehr eine Traditionsdebatte, und immer noch geht es um die Wehrmacht. Das erinnert an Goethes berühmten Satz: Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten. Es sind die Geister einer Vergangenheit, die auch die Berufsarmee des Jahres 2017 noch heimsuchen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte allen Grund für die Feststellung, dass die Wehrmacht "in keiner Form traditionsstiftend" für die Bundeswehr sein dürfe. Sie hatte am Mittwoch in einem Aufenthaltsraum der Kaserne im elsässischen Illkirch eine Maschinenpistole, Stahlhelme und Sinnsprüche aus jenen Zeiten gesehen, in denen die Deutschen noch regelmäßig Frankreich überfallen haben. Es ist wirklich grotesk: Im französischen Elsass trinken die Urenkel der einstigen Besatzer ihr Bier unter zumindest optischen Reminiszenzen an die Zeit, als das Elsass dank der Wehrmacht zu Großdeutschland zählte.

Dass die Wehrmacht für die Bundeswehr in keiner Form traditionsstiftend sein kann, haben so oder ähnlich alle Verteidigungsminister seit Hans Apel (der übernahm 1978 das Amt) gesagt. Die Minister davor, von Theodor Blank bis Georg Leber, taten sich schwerer mit der eindeutigen Ablehnung der Tradition der Wehrmacht - auch weil jeder dieser Minister selbst dort gedient hatte. Und es gab bis in die Siebzigerjahre unter den Berufssoldaten, zumal in der Generalität, viele Kriegsgediente.

Die Wehrmacht galt vielen Westdeutschen als eine "normale" Armee, die von der politischen Führung "missbraucht" worden sei. Dass die Wehrmacht allerdings auch ein williges Instrument des Vernichtungskriegs war, ist längst belegt. Vor allem im Osten, aber nicht nur dort, hat sich die Wehrmacht schwerster Verbrechen schuldig gemacht. Das reicht von der aktiven Beteiligung am rassistisch motivierten Völkermord über den Tod Millionen russischer Kriegsgefangener bis hin zu blutigen Besatzungsregimes. Dass nicht alle so waren, dass es Widerstand, gerade im Militär, gab und dass auch auf Seiten der Alliierten Kriegsverbrechen begangen wurden, hebt nicht die Grunderkenntnis auf: Niemand in der Bundeswehr darf und sollte sich auf Werte, militärische Taten oder Rituale der Wehrmacht berufen - auch nicht beim Pils.

Dass 1963 in westdeutschen Kasernen der Waffentaten von Kreta oder Demjansk gedacht wurde, hing damit zusammen, dass die Oberstleutnante von damals oft die Oberleutnante von 1943 waren. Auch die Gesellschaft war damals völlig anders, die deutschen Untaten wurden gerne verschwiegen, und zur Entrüstung führte eher, dass den Auschwitzmördern der Prozess gemacht wurde - auf Betreiben eines sozialdemokratischen, jüdischen Generalstaatsanwalts in Hessen. Dass die innere Führung, der Versuch, die Armee zu demokratisieren, in Teilen der Bundeswehr als inneres Gewürge verhöhnt wurde, war leider normal.

Aber zwischen jenen Zeiten und heute liegen Jahrzehnte, diverse Wehrstrukturreformen, der Übergang von der Wehrpflicht- zur Berufsarmee sowie das Ende des Ost-West-Konflikts, unter dessen Auspizien die Bundeswehr lange betrieben wurde. Die Armee hat sich in dem Prozess sehr verändert, auch wenn das etliche Linke nicht glauben und etliche Rechte bedauern. Noch nie gab es in Deutschland eine Armee, die mehr in die Gesellschaft integriert war oder die stärkerer politischer und öffentlicher Kontrolle unterlag.

Dennoch ist die Bundeswehr nicht nur eine tarnfarbene Behörde, sondern auch eine hierarchische Organisation mit einem eigenen Wertekanon (Tapferkeit, Dienstpflicht, Opferbereitschaft) und durchaus auch dem Willen und der Fähigkeit, tödliche Gewalt auszuüben. Weil das so ist, entwickeln Soldaten ein besonderes Gruppenbewusstsein ("Wir tun Dinge, die andere nicht tun"). Dieser Korpsgeist kann in manchen Einheiten, die sich als Elite fühlen, zu absurden Aufnahmeriten oder falsch verstandener Härte führen. Auch die erfundene Verbindung mit vermeintlichen militärischen Eliten der Vergangenheit ist ein Teil dieses speziellen Bewusstseins. Leider kann dieser Korpsgeist auch Verwirrte anlocken wie etwa jenen in Illkirch stationierten Oberleutnant, der ein spaltungsirres Dasein lebte.

Korpsgeist gab es in der Wehrmacht auch. Dieser Korpsgeist führte von der frühen Unterwerfung unter die Nazis über die Angriffskriege in ganz Europa bis zur Vernichtung der Armee selbst. Jeder Kompaniechef, jeder Bataillonskommandeur und jede Wehrministerin sollte dies auch heute noch den Soldaten und Soldatinnen immer wieder erklären. Die Wehrmacht bleibt Vorbild darin, wie eine deutsche Armee nie wieder werden soll.

© SZ vom 05.05.2017/lalse/odg

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