Bundeswehr:Auf Reserve

Das kann die Bundeswehr in der Coronakrise leisten

Freiwillige Helfer der Bundeswehr nehmen im Oktober 2014 in Appen (Schleswig-Holstein) an einer Übung zur Bekämpfung des Ebola-Virus teil.

(Foto: Bodo Marks/dpa)
  • Die Bundeswehr soll nach dem Willen vieler Politiker eine wichtige Rolle im Kampf gegen das Coronavirus einnehmen.
  • Allerdings ist der Sanitätsdienst nicht vom Sparkurs nach dem Ende des Kalten Krieges verschont geblieben.
  • Es mangelt nicht nur an Betten, sondern auch am Personal: Die Bundeswehr greift jetzt auch auf Reservisten zurück.

Von Mike Szymanski, Berlin

Die Anforderungen an die Bundeswehr in der Corona-Krise könnten größer kaum sein. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hält es für "unabdingbar", dass die Truppe mit ihren Ärzten, Laboren und Kapazitäten an Krankenhausbetten einspringt. Berlin will sogar auf dem Gelände der Messe Berlin ein Krankenhaus nur für Covid-19-Patienten mit einer Kapazität von bis zu 1000 Betten aufbauen - mit Hilfe unter anderem der Bundeswehr. Dies bestätigte der Senat, ohne genau sagen zu können, wo der Beitrag der Bundeswehr liegen solle. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte am Wochenende klargemacht: Die Bundeswehr werde in der Krise helfen. "Was immer jetzt gebraucht wird", sagte sie.

Genauso stellt sich die Frage: Was kann die Bundeswehr tatsächlich leisten?

Die Krise wirft ein Schlaglicht auch auf den Sanitätsdienst der Bundeswehr mit seinen heute nur noch etwa 20 000 Männern und Frauen. Bislang stand der Sanitätsdienst weniger im Fokus der Öffentlichkeit. Bemängelt wurde, wenn Kampfjets der Bundeswehr nicht fliegen, Panzer nicht rollen oder U-Boote nicht tauchen. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist aber genauso wenig vom Sparkurs nach dem Ende des Kalten Krieges verschont geblieben: Nur noch knapp 2000 Betten halten die verbliebenen fünf großen Bundeswehrkrankenhäuser in Deutschland vor, in die auch Zivilisten gehen.

Mobile Rettungszentren, Container- und Zeltanlagen, in denen in kürzester Zeit kleine Krankenhäuser samt Labor und Intensivstation entstehen können, besitzt die Bundeswehr nur sechs, von denen aber meist vier in Auslandseinsätzen oder Übungen gebunden sind. Selbst wenn die Bundeswehr solche Rettungszentren jetzt aktivieren sollte, stellt sich immer noch die Frage, wer darin dann die Patienten versorgen soll. Denn das Personal dafür stellen für gewöhnlich die Bundeswehrkrankenhäuser, und dort ist - jetzt in der Coronakrise - jede Medizinerin und jeder Mediziner, jede Pflegerin und jeder Pfleger unabkömmlich.

"Bereits vor der Krise bestand bei der Sanität erheblicher Investitionsbedarf", sagt etwa der Grünen-Politiker Tobias Lindner. Erst seitdem mit der Annexion der Krim durch Russland die Landes- und Bündnisverteidigung wieder in den Blickpunkt geraten ist, wird deutlich, wie hohl die Strukturen auch im Sanitätsdienst geworden sind. Erste Investitionen wurden schon bewilligt, etwa geschützte Krankentransportfahrzeuge sollen angeschafft werden. Nun aber stellt die Pandemie das Gesundheitswesen in Deutschland vor ganz andere Probleme: Es braucht Betten auf Intensivstationen - und Personal. Die Bundeswehr greift jetzt auch auf jene Leute zurück, die sich gerne mal als "größter Fanclub" der Truppe bezeichnen: die Reservisten.

"Die Reserve ist seit Jahren wichtiger geworden"

Das sind jene Männer und Frauen, die ihre aktive Dienstzeit schon hinter sich haben, zivile Jobs haben und doch regelmäßig wieder einrücken. Weil die Bundeswehr sie braucht, dies gilt in diesen Tagen ganz besonders. Nach Angaben des Reservistenverbandes vom Dienstag hätten sich bereits mehr als 1000 Reservisten gemeldet, von denen etwa 700 im Sanitätsdienst einsetzbar seien. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Männer und Frauen, die etwa in ihrem zivilen Leben als Ärzte arbeiteten, sondern um zusätzliches Personal.

So meldete sich beispielsweise eine Lehrerin, die aufgrund des Unterrichtsausfalls derzeit freigestellt ist und vor ihrem Lehramtsstudium als Krankenschwester im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig war. Oder es geht um Reservisten, die Pfleger und Ärzte von solchen Aufgaben entlasten, die nicht direkt mit Patienten zu tun haben.

Für den Bundestagsabgeordneten Patrick Sensburg (CDU), Präsident des Verbandes der Reservisten, steht fest: "Die Reserve ist seit Jahren wichtiger geworden." Er freut sich, dass sich in diesen Tagen so viele meldeten, um in den Krankenhäusern der Bundeswehr oder in den Laboren der Truppe auszuhelfen. Er weiß aber auch, dass dieser Beitrag am Ende ein überschaubarer bleiben wird.

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Wenn es für die Reserve eine Lehre aus der Corona-Krise geben, dann wohl auch diese: "Auch in der Reserve brauchen wir mehr Personal mit pflegerischer und medizinischer Ausbildung." Hier müsse in den Planungen ein neuer Schwerpunkt entstehen. Der Reservistenverband hatte zu diesem Thema eine Frühjahrstagung geplant, aber diese musste wegen der Krise auch abgesagt werden.

Die Bundeswehr hat erkannt, wie wichtig Reservisten für sie sind. Mit der Zahl der Aktiven wächst auch die Zahl der Dienstposten für Reservisten: Gab es 2018 noch 3800 Stellen, so waren es 2019 bereits 4500. Reservisten können mittlerweile auch in Teilzeit aushelfen. Neu ist auch: Jeder Soldat, der bei der Bundeswehr gedient hat, egal ob als freiwillig Wehrdienstleistender, als Soldat auf Zeit oder als Berufssoldat, wird noch sechs Jahre "grundbeordert" sein. Das macht es einfacher, sie oder ihn in Zukunft zum Reservistendienst heranzuziehen.

© SZ vom 18.03.2020/mkoh
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