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Supermärkte und Coronavirus:"Mein Job ist systemrelevant"

Coronavirus - Einkauf in Berlin

Ein Kunde kauft mit Mundschutz und Handschuhen am frühen Morgen in einem Supermarkt im Berliner Ortsteil Friedenau ein.

(Foto: dpa)

Kunden, die Regale leer räumen und nur mit Mundschutz einkaufen, gehören momentan zum Alltag von Farina Kerekes. Die Kassiererin erzählt, was sie erleben muss und warum sie findet, dass viele sich "unsolidarisch verhalten".

Interview von Fabian Müller

Hamsterkäufe, gestresste Kunden, überarbeitete Angestellte: Was gerade im Einzelhandel passiere, nennt Farina Kerekes, 30, eine "Schande für die Gesellschaft". Kerekes arbeitet im Einzelhandel im Ruhrgebiet. Sie und ihre Kollegen könnten die Regale kaum wieder auffüllen, schon werde ihnen Desinfektionsmittel, Seife oder Klopapier aus den Händen gerissen, erzählt die Einzelhandelskauffrau am Telefon.

SZ: Frau Kerekes, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Farina Kerekes: Meine schlimmsten Befürchtungen sind übertroffen worden. Es ist noch viel schlimmer als es in der letzten Woche war. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute jetzt, wo die Schulen geschlossen wurden, noch panischer sind und noch mehr auf Vorrat kaufen. Das Klopapier, das wir am Montag geliefert bekommen haben, war innerhalb von 15 Minuten ausverkauft. Wir mussten es nicht einmal in das Regal stellen. Das wurde einfach von der Palette runtergenommen und war weg.

Interview am Morgen 18.03.2020

Farina Kerekes, Supermarktkassiererin.

(Foto: oh)

Wie erleben Sie die Kunden?

Es gibt die Kunden, die mit einem reden wollen: über die leeren Regale, warum die Leute so viel einkaufen. Und die Kunden, die passiv aggressiv auftreten und eine komische Grundstimmung mit in den Laden bringen. Die haben dann auch schon Gummihandschuhe und Atemschutz an.

Hat sich der Umgang mit Kunden verändert?

Wir können nicht mehr so serviceorientiert arbeiten. Einfach, weil wir nicht mehr hinterherkommen. Die Leute sind sehr hektisch, es ist, als wäre übermorgen Weihnachten. Alle, die noch entspannt waren, werden angesteckt. Ein Teufelskreis.

Können Sie die Anspannung verstehen?

Ich kann verstehen, dass Leute Angst haben. Gerade, wenn sie zur Risikogruppe gehören. Was ich nicht verstehen kann, sind die Hamsterkäufer. Das sind Menschen, die sich unsolidarisch verhalten.

Sie haben täglich mit Hunderten Kunden Kontakt. Wie schützen Sie sich?

Ich desinfiziere regelmäßig meine Hände, versuche, mir nicht ins Gesicht zu fassen und mir oft die Hände zu waschen. Wir empfehlen unseren Kunden, bargeldlos zu bezahlen. Das machen aber nicht viele.

Im Einzelhandel müssen viele gerade Überstunden machen.

Wir sind eh überlastet, jetzt sollen die Öffnungszeiten verlängert werden. Wo soll das hinführen?

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Es gibt Berichte von Kunden, die hustend an der Kasse stehen, von unfreundlichen Beschwerden. All das bekommen Sie ab.

Der Beruf der Einzelhandelskauffrau ist in der Gesellschaft nicht hoch angesehen, auch nicht hoch vergütet. Viele verdienen Mindestlohn, haben oft nur Teilzeitstellen. Man wird oft respektlos behandelt. Aber es ist eine wichtige Arbeit. Ich habe jetzt gelernt: Mein Job ist systemrelevant. Ich fände es nur fair, wenn er entsprechend angesehen wird.

© SZ.de/mxh
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