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Bundestagswahl:Es gibt eine Ungleichheit der Aufmerksamkeit und des Respekts

Ich glaube, wir müssen subtilere, nicht ohne Weiteres messbare Dimensionen der Ungleichheit mehr beachten. Ich nenne sie "Ungleichheit der Aufmerksamkeit" und "Ungleichheit des Respekts". Wie Tim Wu in "The Attention Merchants" betont, ist Aufmerksamkeit eine der wichtigsten Währungen im Zeitalter des Internets. Nun, wie viel Aufmerksamkeit widmeten die liberalen Medien bis vor Kurzem den "abgehängten" Regionen und sozialen Gruppen? Wie viele informierte und mitfühlende Reportagen wurden über den Rust Belt in der New York Times oder über postindustrielle Teile Englands im Guardian veröffentlicht? Und zwar ehe die populistische Schockwelle Tausende Großstadtreporter auf ihre kühnen Safaris ins dunkelste Michigan oder ins County Durham katapultierte.

In Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" schreit Linda, die Frau des überforderten Willy Loman: "Er ist ein Mensch, und es passiert ihm gerade etwas Schreckliches! Also gebührt ihm Aufmerksamkeit. Er darf nicht ins Grab fallen, wie ein alter Hund. Aufmerksamkeit! Aufmerksamkeit schulden wir dem Menschen."

Ungleichheit der Aufmerksamkeit geht in Ungleichheit des Respekts über. Der Ausdruck "Umverteilung des Ansehens" wurde bei der polnischen Rechten fast schon sprichwörtlich. Er ist auf den ersten Blick vielleicht seltsam, aber er erfasst tatsächlich etwas Wichtiges. Umverteilung hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern auch mit Respekt.

Unsere Gesellschaften haben eines der zentralen Versprechen des Liberalismus nicht eingelöst - das Versprechen, das der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin als "gleicher Respekt und gleiche Sorge" für jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft zusammenfasste. Am Ende von Alexander Paynes schönem Film "Nebraska" kauft der Sohn eines verbitterten, erschöpften alten weißen Arbeiters seinem Vater einen neuen Pick-up. Der alte Mann fährt langsam durch die Straßen der Kleinstadt, wo er aufgewachsen ist, und genießt - nur dieses eine Mal - die bewundernden Blicke seiner alten Freunde. Er genießt die Aufmerksamkeit. Den Respekt.

Typische Aussage: "Ich erkenne mein Land nicht mehr"

Dies geht über in die kulturelle Dimension - die in Deutschland, aber nicht nur hier, so wichtig ist. "Ich erkenne mein Land nicht mehr" ist die typische Aussage eines rechtspopulistischen Wählers. "On est chez nous" (Wir sind bei uns) war der Ruf jener, die Marine Le Pen und ihre Partei Front National unterstützten. Einwanderung ist hier offensichtlich der Schlüssel, vor allem in Bezug auf die (reale oder imaginäre) Bedrohung durch den Islam. Kürzlich gaben in einer polnischen Umfrage 42 Prozent der Befragten an, islamistischer Terrorismus sei eine große Gefahr für Polens nationale Sicherheit - und das, obwohl es im Land so gut wie keine Muslime gibt.

Es ist aber nicht nur Einwanderung. Es geht auch um Themen wie Abtreibung, um Homo-Ehe und um das, was als "politische Korrektheit" denunziert wird, und so viel bedeutet wie: "Es gibt so viele Dinge, die man früher so sagte, und auf einmal nicht sagen darf". Und dann kommen die schimpfenden Trumps, Le Pens oder AfD-Leute daher, und der Wähler ruft: "Endlich sagt das einer!" Alle anderen ethnischen, religiösen und kulturellen Gruppen scheinen Identitätspolitik betreiben zu dürfen - nur die, "echten" Engländer, Amerikaner, Polen oder Deutsche nicht. Sie fühlen sich angegriffen und ignoriert. Populismus ist ihre Identitätspolitik.

Das ist natürlich nicht die ganze Geschichte. In Europa ist auch EU-, und vor allem Euro-Feindlichkeit, eine große Triebkraft für den Populismus. Die AfD begann als eine Anti-Euro-Partei. Doch die soziale und kulturelle Dimension wird von den meisten populistischen Strömungen geteilt, sei es in Europa oder außerhalb. Also sollten wir Linda Loman folgen und aufmerksam sein. Mit einer falschen Diagnose finden wir nie die richtige Medizin.

Timothy Garton Ash, 62, ist Professor für europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow der Hoover Institution an der Universität Stanford. Er ist Träger des Aachener Karlspreises 2017.

Aus dem Englischen von Alexandra Berlina.

© SZ vom 29.09.2017/ewid
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