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Bundespräsident: Tag der Deutschen Einheit:"Auch der Islam gehört zu Deutschland"

An einer Stelle überzieht er es leicht mit der Idee, sich als Chefintegrator der Republik zu erfinden. Wohlwollend zählt er die Berufsgruppen auf, in denen Migranten arbeiten: die Ärztin, den Deutschlehrer, den Gemüsehändler - und eben auch "die Ministerin". Die bundesweit einzige Ministerin mit Migrationshintergrund ist derzeit die in Niedersachsen für Integration zuständige Aygül Özkan. Wulff hat seine Parteifreundin als Ministerpräsident selbst in das Amt gebracht.

Bei seiner Rede in Bremen setzt er auf Ausgewogenheit, er will es allen recht machen, nicht anecken. Kein Ruck, keine neuen Ideen, dafür Mut machen, Zuversicht ausstrahlen. In Wulffs Augen steht das Land in der Integrationsfrage besser da, "als es die derzeitige Debatte vermuten lässt". Andererseits gebe es "Nachholbedarf", womit er Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in den Muttersprachen und islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern meint. Von der Analyse kann sich keiner gestört fühlen.

Immerhin, so viel will er dann doch sagen: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christliche-jüdische Tradition. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Das scheint bei manchen noch nicht angekommen zu sein. Beifall jedenfalls gibt es an dieser Stelle nicht.

Der Fairness halber muss allerdings gesagt werden, dass auch nicht applaudiert wird, als Wulff bierzelttauglich verkündet: "Wer unser Land, unsere Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen - das gilt für fundamentalistische ebenso wie für rechte oder linke Extremisten." Ihm gehe es darum, "dieses Land zu einem Zuhause zu machen - für alle." Wohl deshalb besteht der häufigste Satz in Wulffs Rede aus jenen drei Wörtern, die die friedliche Revolution von 1989 geprägt haben: "Wir sind das Volk."

Beethoven verdrängt Wulff

"Dieses Land ist unser aller Land, ob aus Ost oder West, Nord oder Süd und egal welcher Herkunft", sagt Wulff. "Hier leben wir, hier leben wir gern, hier leben wir in Frieden zusammen - hier stehen wir ein für Einigkeit und Recht und Freiheit." Wer wollte das nicht unterschreiben?

Kaum hat Wulff sein Pult verlassen, treten Sängerinnen und Sänger auf die Bühne, die ein Stück aus Ludwig van Beethovens Oper "Fidelio" vortragen wollen. Der Bundespräsident kann froh drüber sein. Der schnelle Wechsel kaschiert den etwas müden Applaus, den er für die Rede bekommt.

Die äußerst hohen Erwartungen konnte Wulff nicht erfüllen. Das war wohl auch nahezu unmöglich. Zumindest aber ist die Rede kein Reinfall geworden. Er hat das Richtige gesagt. Mehr war heute nicht drin.

Warum es nicht möglich war, das auf den Höhepunkt der Sarrazin-Debatte zu sagen, bleibt sein Geheimnis. Diese Rede werden viele so schnell vergessen haben, wie die letzten Reden seines zurückgetretenen Vorgängers Horst Köhler. Für Wulff und seine Präsidentschaft bedeutet das: Da ist noch Luft nach oben.