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Brigitte Böhnhardt im NSU-Prozess:"Du bist unser Kind, wir lieben dich"

Die Mutter des Neonazis Uwe Böhnhardt schildert vor Gericht den langsamen Abstieg ihres Sohnes. Dass dieser als Mitglied einer rechten Terrorgruppe möglicherweise Menschen ermordet hat, kann oder mag sie sich nicht vorstellen. Stattdessen wirft sie den Behörden Versagen vor.

Beate Zschäpe hat ihren Laptop zugeklappt, sie schaut besonders aufmerksam in Richtung Zeugenstuhl. Dort nimmt heute Brigitte Böhnhardt Platz, die Mutter von Zschäpes Freund Uwe, der sich vor zwei Jahren zusammen mit Uwe Mundlos umgebracht hat. Sie ist 65 Jahre alt, war Lehrerin und versucht nun, das Unerklärliche irgendwie begreiflich zu machen: wie ihr Sohn im Untergrund landete und zum Mitglied einer rechten Terrorbande werden konnte.

Das Wort "Terror" oder "Mord" kommt der Mutter zunächst aber gar nicht über die Lippen, auch kein Wort über die Opfer. Stattdessen holt Brigitte Böhnhardt weit aus und schildert den Leidensweg einer Familie, deren Sohn zum Schulversager wurde und Ärger mit der Polizei bekam.

Brigitte Böhnhardt, eine verletzte, verzweifelte, aber auch eine ziemlich selbstgerecht wirkende Frau, erzählt ihre Version. Dem Staat, der Polizei, überhaupt den Behörden, das wird schnell klar, traut sie überhaupt nicht mehr über den Weg. Sie deutet auch an, dass Beamte ihrem Sohn etwas untergejubelt haben könnten. Es ist ihre Art, mit der monströsen Geschichte des NSU umzugehen.

Brigitte Böhnhardt nennt ihren Sohn Uwe einen "Nachzügler", weil er der dritte Sohn war. Die Eltern hätten ihn ein bisschen verwöhnt, und als Kind sei er ein "ganz normales, aufgewecktes Kerlchen" gewesen. In der Schule habe es schon früh Probleme gegeben, das Lernen fiel ihm nicht leicht. Als dann in der fünften Klasse auch noch Russisch auf den Stundenplan kam, sei es schwierig geworden, "Sprachen haben ihm nicht gelegen" Und es seien noch Disziplinprobleme dazugekommen.

"Wir wurden als Eltern vollkommen alleingelassen"

Als der "Leistungsabfall", wie sich die Mutter professionell ausdrückt, in der sechsten Klasse immer größer wurde, blieb Uwe Böhnhardt sitzen. "Wir haben das nicht als Schande angesehen", sagt die Mutter. Eher als Chance. Tatsächlich hätten sich die Noten dann erst mal verbessert, "wir waren richtig glücklich und stolz, dass er das so gepackt hatte".

Zschäpe schaut die Zeugin aufmerksam an, ihr Blick aber ist verhangen, wirkt düster oder sogar traurig.

Die Mutter ihres Freundes fährt nun fort mit dem, was sie einen "Einbruch" nennt. Der kam im Schuljahr 1991/92. Sie geht kurz auf die Schulreform nach der Wiedervereinigung ein. "Die Klassen wurden alle auseinandergerissen, und es wurde getrennt in gute und weniger gute Schüler." Viele seien frustriert gewesen, auch ihr Sohn, der nun voll in der Pubertät steckte. Er habe gespürt, dass kein Klassenzusammenhalt da war und die Lehrer nicht so richtig Interesse gehabt hätten. Schließlich kam heraus, dass Uwe Böhnhardt oft "bummelte". So nennt seine Mutter das Schulschwänzen. Die Lehrer hätten die Eltern gar nicht informiert, obwohl das ihre "verdammte Pflicht" gewesen wäre, sagt die Mutter.

Uwe Böhnhardt hing in einer Clique mit älteren Jugendlichen herum, die auch Diebstähle begingen und den Jüngeren bei der Polizei als Schuldigen vorgeschoben haben sollen, weil er noch nicht voll strafmündig war. Die Schule besuchte er kaum noch. Es sei auch keine mehr bereit gewesen, ihren Sohn aufzunehmen. "Wir wurden als Eltern vollkommen alleingelassen." Schließlich kam Uwe Böhnhardt in eine Förderschule, "ein Sammelbecken von Problemfällen". Dort brach er an einem Wochenende ein und musste auch diese Schule verlassen.

Die Mutter sei immer wieder auf Ämtern gewesen, gebracht habe das nichts. "Weiß ich nicht, kann ich nicht - Schulterzucken" - so seien die Reaktionen gewesen. "Für uns war es ein einziger Kampf mit dem Jungen und den Behörden, wie es weitergehen soll."