Brasiliens Präsident in Deutschland Lula Superstar

Die Brasilianer lieben ihren Präsidenten Lula da Silva, die Mächtigen der Welt reißen sich um ihn - jetzt besucht der "beliebteste Politiker der Erde" Bundeskanzlerin Merkel in Berlin.

Von Peter Burghardt

In einem brasilianischen Kino lief gerade eine märchenhafte Geschichte an. Zur Premiere in São Bernardo do Campo bei São Paulo saß auch die Hauptperson unter den 2000 Gästen, ein kräftiger Mann mit Bart. In dem Industriegebiet hatte sein sagenhafter Aufstieg einst begonnen.

Unter seiner Führung wird Lateinamerikas Gigant gefeiert, als habe der Rest des Planeten Brasilien erst kürzlich entdeckt: Luiz Inácio Lula da Silva.

(Foto: Foto: dpa)

Mit Tränen in den Augen sah Luiz Inácio Lula da Silva, wie er einst im Lastwagen aus dem bettelarmen Pernambuco an den Rand des Molochs kam, Dreher wurde, einen Finger verlor und seine erste Frau. Wie er als Gewerkschaftsführer die Militärdiktatur bekämpfte, im Gefängnis landete und die Arbeiterpartei PT gründete.

Seine Mutter gab ihrem Luiz den Kosenamen Lula und hatte keine Ahnung, dass Lula Tintenfisch bedeutet. "Lula, o Filho do Brasil", Lula, der Sohn Brasiliens, heißt der Film über die ersten 35 Lebensjahre des Präsidenten. Inzwischen ist seine Karriere ein Welterfolg.

Unter seiner Führung wird Lateinamerikas Gigant gefeiert, als habe der Rest des Planeten die Nation erst kürzlich entdeckt. Brasilien soll bald die fünftgrößte Wirtschaftsmacht sein, verkauft Flugzeuge, Busse, Kaffee, Eisenerz, Fleisch, Zucker und vieles mehr. Es ist demokratisch, stabil und liquide, hat vor seinen Küsten viel Öl entdeckt, veranstaltet 2014 die Fußball-WM und 2016 in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele.

80 Prozent der Brasilianer lieben ihren Lula, Staatenlenker reißen sich um ihn. Barack Obama ernannte Lula zum "beliebtesten Politiker der Erde" - zuletzt wurde die Freundschaft wegen des Gastspiels des Iraners Mahmud Ahmadinedschad in Brasilia und des von den USA reingewaschenen Putsches in Honduras etwas getrübt. Lula wird gemocht von Obama, Bush, Putin, Chávez, Castro, Sarkozy, Queen Elizabeth, Abbas, Peres, Ahmadinedschad und so weiter. Jetzt darf ihn nach ihrem Besuch 2008 Kanzlerin Angela Merkel empfangen.

Der gewandelte Rebell

Bis zum Freitag gibt sich Lula in Berlin und Hamburg die Ehre. Danach geht es nach Kopenhagen, wo er kürzlich die Olympia-Zusage abgeholt hat und jetzt mithelfen soll, das Klima zu retten. Deutschland ist zwar nicht China, Brasiliens wichtigster Handelspartner, aber beide sind eng verbunden. Die brasilianischen Einfuhren in Alemanha haben sich seit 2004 auf 9,5 Milliarden Euro verdoppelt, die deutschen in Brasil auf 8,7 Milliarden Euro. Die Handelskammer in São Paulo vertritt 1200 deutsche Firmen, die Megalopolis mit ihren 20 Millionen Einwohnern gilt als bedeutendster deutscher Industriestandort. VW do Brasil wurde im November 50 Jahre alt. Und ThyssenKrupp baut bei Rio de Janeiro ein Stahlwerk für 4,7 Milliarden Euro. Bloß die U-Boote für die modernisierte Armee kauft Lula lieber bei Sarkozy in Paris, eines davon atomgetrieben.

Solche Großprojekte liebt der gewandelte Rebell. Lula fördert die Ölsuche von Petrobras in den Tiefen des Atlantiks, die Destillation des Biosprits Ethanol aus Zuckerrohr, die Atomkraftwerke in den grünen Buchten von Angra mit Siemens-Technik. Bald soll zum Entsetzen der Umweltschützer der Rio São Francisco im Nordosten umgeleitet werden und den trockenen Sertão bewässern und im Naturparadies des Rio Xingu ein Wasserkraftwerk entstehen. Der Stromausfall vor einigen Wochen ärgerte ihn sehr.

Mit dem Kapital hat sich der ehemalige Barrikadenkämpfer längst arrangiert, wobei er während der Finanzkrise bekanntgab, das "irrationale Benehmen Weißer mit blauen Augen" sei schuld am Crash. Das einst hochverschuldete und inflationsgeplagte Brasilien überstand den Zusammenbruch dank kluger Intervention gut. Der rote Stern am Revers schrumpft, aber ein wenig Staat und Nationalismus hat Lula schon gerne an der Seite der Märkte. Das Volk will er den Spekulanten nicht ausliefern, zum Amtsantritt 2002 hatte er "Hunger null" versprochen. Heute zahlt die Regierung Millionen Bedürftigen im Zuge des Sozialprogramms Bolsa Familia 80 Euro im Monat. Almosen, spotten Gegner, doch ganze Bevölkerungsgruppen nähern sich der unteren Mittelschicht an und werden Konsumenten. Kein anderer Staatschef wechselt so mühelos zwischen Favelas und Wall Street wie Lula, der Brasiliens Ruf als Global Player, Bric-Staat und Regionalmacht so geschickt fördert.

Aber was kommt nach ihm? Anfang 2011 tritt Lula nach zwei Amtsperioden ab, der Versuchung einer Verfassungsänderung hat er trotz seiner Beliebtheit widerstanden. Zu seiner Erbin hat er Dilma Rousseff auserkoren, ehemals Guerillera, jetzt seine Premierministerin. Nur kommt die kühle Funktionärin bei den Wählern mäßig an, sie könnte im Oktober 2010 verlieren. Sie ist nicht halb so umschwärmt wie der Sohn Brasiliens, der von Januar an landesweit in den Kinos zu bewundern sein wird.