Wahlen in Brasilien:Bin Laden will ins Parlament

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Wahlen in Brasilien: Muss sich um Berühmtheit nicht mehr bemühen: Luiz Inácio Lula da Silva möchte noch einmal Präsident werden.

Muss sich um Berühmtheit nicht mehr bemühen: Luiz Inácio Lula da Silva möchte noch einmal Präsident werden.

(Foto: Ueslei Marcelino/Reuters)

Brasilien wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten und Tausende Abgeordnete. Mit schrillen Auftritten und bizarren Künstlernamen ringen die Kandidaten um Aufmerksamkeit.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Jésus Lima ist wieder da und damit daran keinerlei Zweifel mehr bestehen, hat der Politiker der brasilianischen Arbeiterpartei ein Video von sich ins Netz geladen. Es zeigt den 62-Jährigen, wie er in seinem Wohnzimmer langsam aus einem Sarg steigt, während im Hintergrund der Trauermarsch von Chopin ertönt. In den Neunzigerjahren wurde Lima Opfer eines Attentats, jetzt sagt er grinsend in die Kamera: "Sie haben versucht, mich umzubringen, aber das haben sie nicht geschafft. Ich bin auferstanden. Ich bin zurück und kämpfe weiter!"

Willkommen im brasilianischen Wahlkampf, dem wohl buntesten und oft auch bizarrsten, den es auf der Welt geben dürfte. Eine Woche noch, dann müssen 156 Millionen Menschen in Südamerikas größter Demokratie an die Urnen. Am 2. Oktober stimmen sie vor allem über einen neuen Präsidenten ab: Der amtierende rechte Staatschef Jair Bolsonaro steht zur Wahl, ebenso wie der linke Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Die Abstimmung gilt als Scheideweg, eine Schicksalswahl, die den Kurs des Landes für Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte bestimmen könnte.

Die Sache ist also erst mal durchaus ernst. Doch Brasilien wählt eben nicht nur einen neuen Präsidenten, sondern auch neue Gouverneure, Senatoren und Abgeordnete für das Parlament in der Hauptstadt Brasília ebenso wie für die einzelnen Bundesstaaten im Land. Insgesamt sind das mehrere Zehntausend Kandidaten und sie alle kämpfen um die Aufmerksamkeit und die Stimmen der Wähler, mit Argumenten und Versprechungen, oft aber auch mit schrillen Kostümen, ausgefallenen Tanzschritten oder Spaß-Videos.

Möglich ist das, weil das brasilianische Wahlrecht es Kandidaten erlaubt, sich Spitznamen zu geben, egal, wie ausgefallen diese sind. Manche Bewerber um ein öffentliches Amt nennen sich daher wie berühmte Fußballspieler oder Popsternchen. Andere bedienen sich bei Comics oder Computerspielen, so treten dieses Jahr bei den Wahlen ein brasilianischer "Captain America" ebenso an wie ein "Wolverine" und ein "Mario Bross".

Es gibt auch einen "Bill Clinton do Amapá", einen Henrique Barack Obama und einen Kandidaten, der sich unter dem Namen "Bin Laden Gari" aufstellen hat lassen, langer weißer Bart inklusive. Manchmal kommt der Beruf mit in den Namen auf den Wahlzettel, "Polizeikommissar Serginho" oder "Bira von der Fahrschule". Und dann gibt es da auch noch den "Berg-Zwerg", einen kleinwüchsigen Politiker, der seinen Wählern verspricht: "Ich bin das kleinste eurer Probleme".

Lieber Nashörner als Politiker

All das hat Tradition in Brasilien. In früheren Jahrzehnten landeten immer mal wieder Tiere bei Wahlen ganz vorn in den Gewinnerlisten von Abstimmungen, weil die Wähler aus Frust lieber die Namen von Nashörnern oder Schimpansen aus den lokalen Zoos auf ihre Stimmzettel schrieben als die der örtlichen Politiker.

Heute geht das nicht mehr, Brasilien hat ein elektronisches Wahlsystem, bei dem Kandidaten sich vorher offiziell einschreiben müssen. Dazu kommt ein ausgeklügeltes Wahlrecht, das unter anderem vorsieht, dass allen Parteien und Kandidaten Sendezeit in Radio- und Fernsehstationen zusteht, dies allerdings prozentual zu ihrer Größe. Vor allem bei unbekannten Kandidaten führt das dazu, dass sie oft kaum mehr als ein paar Sekunden haben, um sich im TV oder dem Radio der Wählerschaft zu präsentieren, zu wenig Zeit für stichhaltiges, darum wird geschrien, gesungen oder getanzt, je schriller und schräger, desto besser.

Fast schon legendär ist der Wahlkampf des Kandidaten Tiririca, ein Fernsehclown mit dem bürgerlichen Namen Francisco Everardo Oliveira Silva, der 2010 mit Parodien eines berühmten brasilianischen Popstars antrat und dem Slogan: "Wählen Sie Tiririca - schlimmer kann es nicht werden!" 1,3 Millionen Stimmen bekam Tiririca damals, mehr als jeder andere Abgeordnete im Parlament.

Mit dem Internet hat sich der Trend zu Spaß und Absurditäten noch einmal verschärft. Wer es schafft, ein Video zu machen, das Nutzer lustig finden und über Facebook- oder Whatsapp-Gruppen verteilen, bekommt kostenlose Wahlwerbung und am Ende vielleicht auch einen Posten im örtlichen Parlament.

Bei vergangenen Wahlen traten Kandidaten an, die sich dabei zeigten, wie sie als Superhelden verkleidet über ihre Heimatstadt hinwegflogen und mit "Privatisierungs-Laseraugen" Kommunisten bekämpften. Diesmal immerhin tritt noch ein Taxifahrer als "Taxi Samurai" an und zeigt der Wählerschaft seine Tricks mit traditionellen fernöstlichen Kampfwerkzeugen. DJ Alexandre "Elvis" präsentiert sich natürlich im Kostüm des King of Rock 'n' Roll und ein anderer Kandidat prägt den Wählern wie James Bond seinen Namen ein: "Ich heiße Nunes. Átila Nunes".

Ricardo Mellão wird da noch direkter. Sein Name klingt wie das portugiesische Wort für Melone. "Schluss mit dem Gesabber", sagt Mellão darum in seinem Wahlvideo. "Sehen Sie diese Melone? Mein Name klingt genauso, nur schreibt man mich mit Doppel-L!" Noch Fragen?

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