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Brasilien:Der traurige Alltag der Gewalt

Achtjährige in Favela erschossen

Wilson Witzel während der Pressekonferenz im September, bei der es um die wohl von einer Polizeikugel getötete Achtjährige ging.

(Foto: dpa)

Wilson Witzel, der Gouverneur von Rio de Janeiro, macht auf starken Mann und tritt so in die Fußstapfen von Präsident Bolsonaro. Nach dem Tod eines kleinen Mädchens gibt es jedoch Kritik an seiner Null-Toleranz-Politik.

Wilson Witzel ist ein Mann, der deutliche Worte und martialische Taten liebt. Seit Januar dieses Jahres ist Witzel Gouverneur des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro, und dort, so sagte er am Sonntag, sei ein "Genozid" und ein "Massaker" im Gange. Damit hat er nicht ganz unrecht. Denn auch wenn die Mordrate in Brasilien erstmals seit Jahren sinkt, ist die Sicherheitslage vor allem in den Armenvierteln immer noch katastrophal.

Fast täglich kommt es in den verwinkelten Gassen der Favelas zu Schießereien, und immer wieder kommen dabei auch Unbeteiligte ums Leben, meistens Arme und Schwarze. Für viele ist die Gewalt trauriger Alltag, der Tod eines kleinen Mädchens vor knapp zwei Wochen führte nun aber dennoch zu einem Aufschrei der Empörung und zu Protesten. Denn die Kugel, mit der die achtjährige Ágatha getötet wurde, stammte nicht aus der Waffe eines Gangsters, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Pistole eines Polizisten. Und so ist nun ein erbitterter Streit darüber entbrannt, wer letztendlich schuld ist an dem Tod des kleinen Mädchens: die Drogenbanden mit ihren Waffen und schmutzigen Geschäften - oder Gouverneur Wilson Witzel und seine Null-Toleranz-Politik?

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Spricht Rios Gouverneur von den Banden, nennt er sie nicht Kriminelle oder Straftäter, sondern "Narcoterroristen". 51 Jahre alt ist Witzel, gleich nach der Schule ging er zum Militär, bis heute salutiert der Leutnant zweiter Klasse darum gerne, am liebsten dann, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Nach der Armee machte Witzel als Bundesrichter Karriere. Hier, sagt er, habe er die alles zerstörende Kraft der Drogenbanden kennengelernt - und beschlossen, gegen diese zu kämpfen. 2018 trat er in die Partido Social Cristão ein, eine rechtsreligiöse Partei mit ultrakonservativen Zielen und Verbindung zu den mächtigen evangelikalen Gemeinschaften. Auch Brasiliens aktueller Präsident Jair Bolsonaro gehörte ihr kurzzeitig an, Witzel aber ist in seinen Positionen noch radikaler. Kriminellen rät er, ihre Waffen gegen Bibeln zu tauschen, ansonsten würden sie umgebracht. "Die Polizei macht das schon richtig", erklärte Rios Gouverneur. "Das Köpfchen des Verbrechers ins Visier nehmen und dann ... Feuer! Nur um auf der sicheren Seite zu sein."

Die Zahlen sprechen erst mal für ihn

Solch martialische Sprüche kommen bei Wählern gut an. Viele wünschen sich einen starken Mann an der Macht, der endlich hart durchgreift. Jair Bolsonaro wurde so zum Präsidenten Brasiliens - und Wilson Witzel zum Gouverneur von Rio. Er hat die Polizeipräsenz drastisch erhöht, unablässig kreisen Hubschrauber mit Scharfschützen über den Favelas. Als die Polizei vor ein paar Wochen einen Geiselnehmer auf einer Brücke erschoss, feierte Wilson das mit zum Siegesgruß erhobenen Fäusten.

Tatsächlich sprechen die Zahlen erst mal für ihn: Die Mordrate in Rio sinkt. Gleichzeitig aber steigt die Polizeigewalt immer weiter an. Allein im Juli haben Beamte 194 Menschen getötet und in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres gingen ein Drittel der Todesopfer von Gewalt auf das Konto der Polizei, die höchsten Zahlen seit mindestens zwei Jahrzehnten.

Nach dem Tod von Ágatha machten im Netz Bilder die Runde, die Witzel mit blutverschmierten Händen zeigten. Auf dem brasilianischen Ableger von Twitter wurde er zur meistdiskutierten Person, immer unter dem Schlagwort #ACulpaÉdoWitzel ("Witzel ist schuld"). Rios Gouverneur zeigt sich von der Kritik aber bisher unbeeindruckt. Dass es Opfer in seinem Krieg gebe, sei unvermeidlich, und die Gewalt sei am Ende immer nur die Schuld der Drogenbanden. Sie seien verantwortlich für die Massaker und den "Genozid", den es in den Favelas gebe. "Unsere Mission ist es, Rio aus den Händen des organisierten Verbrechens zu retten", sagt Witzel. Hat er Erfolg, will er bei den nächsten Wahlen als Nachfolger Bolsonaros antreten. Seine Chancen stehen nicht schlecht, glauben Beobachter.

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