Präsidentschaftswahl:Brasilien fürchtet gewalttätigen Wahlkampf

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Präsidentschaftswahl: Anhänger des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro Anfang Juli in Salvador.

Anhänger des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro Anfang Juli in Salvador.

(Foto: Arisson Marinho /AFP)

Ein Bolsonaro-Anhänger erschießt einen Lula-Fan, der Staatschef wiegelt ab. Zweieinhalb Monate vor der Präsidentschaftswahl steigt die Sorge, dass die angespannte Stimmung im Land in Gewalt umschlagen könnte. 

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es ist nicht so, als habe es keine Warnungen gegeben, keine dunklen Vorahnungen und schlimmen Befürchtungen. Dennoch sitzt der Schock tief in Brasilien, über das, was geschehen ist am vergangenen Wochenende: ein Mord, verübt aus Hass. Der Täter ist ein Anhänger des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro, das Opfer ein Unterstützer seines Herausforderers Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei (PT).

Eine Woche ist seit der Tat vergangen, immer noch aber füllt der Fall Zeitungen und Nachrichtensendungen. In zweieinhalb Monaten sind Präsidentschaftswahlen in Brasilien, offiziell hat der Wahlkampf überhaupt noch nicht begonnen, die Stimmung aber ist schon jetzt aufs Äußerste gespannt. Die Bluttat vom vergangenen Wochenende lässt viele Menschen in Südamerikas größter Demokratie fürchten, dass ihnen und ihrem Land in den nächsten Wochen und Monaten noch Schweres bevorsteht.

Wie es genau zu dem Mord am vergangenen Samstag gekommen ist, das ist noch immer nicht ganz geklärt. Alles begann mit einer Geburtstagsparty in der südbrasilianischen Stadt Foz do Iguaçu. 50 Jahre alt war Marcelo de Arruda geworden, und um das zu feiern, hatte er ein paar Freunde eingeladen. Das Motto des Fests: der linke Präsidentschaftskandidat Lula und seine PT. Arruda war selbst begeisterter petista, so nennt man in Brasilien die Mitglieder der Arbeiterpartei, und in seinem Ortsverband sogar der Schatzmeister.

Erst fliegen Beschimpfungen, dann Steine

Ein Video des Abends zeigt, wie um kurz vor Mitternacht ein weißer Wagen vor dem Veranstaltungssaal vorfährt. Am Steuer des Autos: Jorge José da Rocha Guaranho, ein Gefängniswärter und begeisterter bolsonarista, der im Netz stolz Fotos von sich mit einem der Söhne des rechten Präsidenten postete. Dort stellte sich Guaranho als konservativer Christ dar, der gegen Abtreibung ist und für das Recht auf freien Zugang zu Waffen.

Am Samstagabend nun kommt er bei der Feier vorbei, vielleicht zufällig, vielleicht bewusst. Die beiden Männer kennen sich jedenfalls nicht, so bestätigen es Zeugen und Angehörige. Als Guaranho, der Bolsonaro-Anhänger, aber merkt, dass bei der Party nicht nur ein Geburtstag gefeiert wird, sondern auch die linke Arbeiterpartei und deren Präsidentschaftskandidat Lula da Silva, da dreht er das Autoradio auf, und aus den Boxen dröhnt Musik, die für Bolsonaro wirbt.

Arruda, das Geburtstagskind, tritt vor die Tür, es kommt zum Streit zwischen den beiden Männern, erst fliegen Beschimpfungen, dann Steine. Guaranho steigt wieder in sein Auto, wenig später aber kommt er zurück, diesmal mit einer Waffe in der Hand. Er betritt die Feier, schreit "Hier kommt Bolsonaro!" und "Lula ist ein Dieb!". Dann eröffnet er das Feuer.

Arruda, selbst bewaffnet, fällt zu Boden, schießt aber zurück. Ein paar Sekunden nur, dann ist alles vorbei, am Ende kommen beide Männer ins Krankenhaus. Der Angreifer ist schwer verletzt, sein Opfer dagegen stirbt schon wenige Stunden später.

Bolsonaro überlebte 2018 nur knapp ein Attentat

"Mission erfüllt", schreibt die brasilianische Zeitung Folha de São Paulo ein paar Tage später bitter. Der Mord sei schließlich genau das gewesen, was Präsident Jair Bolsonaro schon vor Jahren von seinen Anhängern gefordert habe: "Vamos fuzilar a petralhada", knallen wir den Abschaum von der Arbeiterpartei ab, rief er 2018 bei einem Auftritt in die jubelnde Menge, in der Hand einen Kameraständer, den er wie ein Maschinengewehr hielt und mit dem er so tat, als schieße er in die Luft.

Jair Bolsonaro war damals noch ein Präsidentschaftskandidat, seine Rhetorik aber hat der Staatschef seit seinem Amtsantritt kaum entschärft. Fast einen ganzen Tag brauchte er nun, um sich überhaupt zu dem Mord zu äußern. Er distanziere sich von gewaltbereiten Unterstützern, schrieb Brasiliens Präsident im Netz - nur um dann gleich wieder auszuteilen gegen seine politischen Gegner, Lula da Silva also, die Arbeiterpartei und ganz allgemein die Linke. Historisch, sagt Bolsonaro, sei sie es doch gewesen, die stets auf Gewalt gesetzt habe.

Brasiliens rechter Präsident spielt dabei natürlich an auf jenes Attentat, bei dem er selbst zum Opfer wurde: 2018, bei einer Wahlkampfveranstaltung, rammte ein Angreifer dem heutigen Staatschef ein Messer in den Bauch. Jair Bolsonaro überlebte schwer verletzt, der Attentäter wurde geschnappt. Er gab an, im Auftrag Gottes gehandelt zu haben, aber auch, dass er früher einmal Mitglied einer linken Partei war.

Tätliche Angriffe zwischen den Anhängern beider politischer Lager häufen sich

Brasilien ist eines der gefährlichsten Länder der Welt, allein vergangenes Jahr gab es mehr als 40 000 Morde, und immer wieder werden auch Politiker Opfer der Gewalt. Nun aber, mit dem extrem polarisierenden Präsidentschaftswahlkampf, haben viele Angst, die Situation könnte außer Kontrolle geraten. Verbale Attacken und tätliche Angriffe zwischen den beiden Lagern haben sich in den letzten Tagen gehäuft. Der Mord vom vergangenen Wochenende war nun eine weitere Eskalationsstufe, und viele fragen sich, wie es nun weitergehen wird.

Präsident Jair Bolsonaro hat in den letzten Tagen versucht, den Fall kleinzureden. Er hat mit Angehörigen telefoniert und sie in die Hauptstadt Brasília eingeladen. Einige Familienmitglieder sprechen nun aber davon, dass der rechte Präsident politischen Nutzen aus der Tat und seiner öffentlichen Anteilnahme schlagen wolle.

Im südbrasilianischen Foz do Iguaçu ermittelt derweil die Polizei. Gegen Jorge José da Rocha Guaranho ist Haftbefehl erlassen. Er liegt wegen seinen Schussverletzungen immer noch im Krankenhaus. Das Opfer, Marcelo de Arruda, wurde dagegen Anfang der Woche beigesetzt. Der 50-Jährige hinterlässt eine Frau und vier Kinder, das jüngste ist nicht einmal drei Monate alt.

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