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Bettencourt-Affäre:Sarko sitzt nach

Nach Wochen hartnäckiger Anschuldigungen will sich Nicolas Sarkozy in einem einstündigen Fernsehinterview zu der Steuerhinterziehungsaffäre äußern. Frankreich ist gespannt, wie der Präsident die Prüfung bestehen wird.

Die Abiturprüfungen in Frankreich sind gerade vorbei, nur Präsident Nicolas Sarkozy muss laut Titelblatt der Zeitung Libération noch in die "mündliche Nachprüfung": An diesem Montagabend wird er eine Stunde lang einem Journalisten des staatlichen Fernsehsenders France 2 Rede und Antwort stehen. Prüfungsthema: die Steuerhinterziehungsaffäre um L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, die Frankreich seit Wochen beschäftigt.

France's President Sarkozy waits for Morocco's Prime Minister El Fassi at the Elysee Palace in Paris

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will in einem einstündigen Gespräch Stellung zu den Fragen rund um die Steuerhinterziehungsaffäre um Liliane Bettencourt beziehen.

(Foto: Reuters)

Der Präsident der Republik dürfte sich bei dem Interview kaum besser fühlen als ein mittelmäßiger Schüler, der um seinen Schulabschluss bangt: Sein Arbeitsminister Eric Woerth wird verdächtigt, in den Steuerskandal um Frankreichs reichste Frau verwickelt zu sein. Ihm selbst wird vorgeworfen, illegale Parteispenden angenommen zu haben. Erst kürzlich mussten zwei seiner Staatssekretäre wegen Zigarren- und Immobilienaffären zurücktreten. Sarkozys Umfragewerte waren noch nie so niedrig.

Er hat dem Fernsehsender bereits mitgeteilt, dass "alle Fragen der Aktualität" behandelt werden können, er aber auf keinen Fall die ganze Sendung den Anschuldigungen der letzten Wochen widmen möchte. Brisanten Gesprächsstoff gibt es auch auf der sachpolitischen Ebene, etwa die seit langem geplante Rentenreform, die am Dienstag im Ministerrat vorgestellt wird. Die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 62 Jahre sorgt für großen Widerstand in der Bevölkerung und lässt sich, wenn überhaupt, nur mit einem Arbeitsminister durchbringen, der halbwegs fest im Sattel sitzt.

Da kommt es gelegen, dass ein Untersuchungsbericht der Finanzinspektion Eric Woerth entlastet. In dem am Sonntag veröffentlichten Bericht heißt es, Woerth habe seine Position im Steuerskandal nicht missbraucht. Als Haushaltsminister war er bis März 2010 für Steuersünder zuständig, während seine Frau für die Vermögensverwaltung von Bettencourt arbeitete.

Die Milliardärin Liliane Bettencourt soll 78 Millionen Euro vor dem französischen Fiskus in der Schweiz versteckt haben. In der Opposition fragt man sich angesichts des zwölfseitigen Berichts nun, wie man innerhalb von wenigen Tagen Licht in eine so komplizierte Angelegenheit bringen kann.

Eric Woerth - laut Sarkozy "die Ehrlichkeit in Person" - war im Zuge von Ermittlungen über Bettencourts möglichen Steuerbetrug ins Visier geraten. Woerth hatte die Vorwürfe immer zurückgewiesen und zeigte sich am Montag erleichtert. Trotzdem spiele er mit dem Gedanken, als Schatzmeister der Regierungspartei UMP zurückzutreten, sagte er dem Radiosender Europe 1. In dieser Funktion soll er vor drei Jahren Geld für Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf entgegengenommen haben.

Prüfling Sarkozy will sich übrigens angesichts des heute ausgestrahlten "Examens" richtig verstanden wissen: Er wendet sich mit dem Interview ausdrücklich an die Französinnen und Franzosen vor den Bildschirmen - und nicht an die Journalisten, die ihm seit Wochen das Leben schwermachen.

© sueddeutsche.de/bavo/gba
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