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Berliner Stadtgeschichte:Größe und Größenwahn

Potsdamer Platz in Berlin, 1924

Moderne Zeiten: Andrang auf dem Potsdamer Platz, 1924.

(Foto: SZ Photo)

Vor hundert Jahren wuchs Berlin durch eine kühne Verwaltungsreform zur drittgrößten Metropole der Welt heran. Es war der Beginn einer turbulenten Zeit - die Folgen sind bis heute spürbar.

Von Jens Bisky

Am 1. Oktober 1920 erwachten Charlottenburger, Schöneberger, Berliner, erwachten die Menschen, die im Ballungsraum rund um die preußische Hauptstadt lebten und arbeiteten oder im altehrwürdigen Berlin wohnten, in einer der größten Städte der Welt. Nur London und New York zählten mehr Einwohner als die neue, per Gesetz gebildete Stadtgemeinde, nur das Stadtgebiet von Los Angeles war größer als das Groß-Berlins. Die neue Kommune vereinte acht bislang selbständige Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke, war riesig, voller Menschen und umfasste Gebiete unterschiedlichsten Charakters. Mietskasernenviertel und einheitlich wirkende Straßen wechselten mit Vorstädten, alten Stadt- und Dorfkernen, Laubenkolonien, Mooren, Wald und Wiesen. Die Stadtlandschaft war uneinheitlich und voller Gegensätze.

Das Groß-Berlin-Gesetz hatte die Preußische Landesversammlung am 27. April 1920 mit knapper Mehrheit beschlossen, am 1. Oktober trat es in Kraft, es wurde die Gründungsurkunde des modernen Berlin. Die Kühnheiten und Kompromisse von damals, als die kommunale Zersplitterung überwunden wurde, bestimmen das Stadtschicksal bis heute.

Das Gesetz ratifizierte ein Zusammenwachsen, das längst stattgefunden hatte. Zwischen dem alten Berlin und Charlottenburg etwa waren die Grenzen nur noch an verschiedenen Straßenschildern kenntlich. Interessant ist die Gründung der neuen Stadtgemeinde als Versuch, mit starker, kluger Kommunalpolitik auf die Folgen des jahrzehntelangen explosionsartigen Wachstums zu reagieren und eine programmatisch moderne Stadt für vier Millionen Menschen zu gestalten. Das "Neue Berlin" sollte sich grundsätzlich von der Stadt der Kaiserzeit unterscheiden, die preußische Montur endgültig abstreifen.

Die Bürger der Vororte wollten nicht zu Berlin gehören

Seit der Reichsgründung waren alljährlich Zehntausende in die große Stadt gezogen, weil sie hier Arbeit fanden, sich ein besseres Leben erhofften, als es in den Dörfern und kleinen Städten möglich war, aus denen sie kamen. So wuchs nicht nur die Einwohnerzahl Berlins, sondern auch die der Gemeinden im Umland. 1871 wohnten in Charlottenburg etwa 20 000 Menschen und 1910 knapp 306 000. Es lebten dort mehr Menschen als in Stuttgart, Dortmund, Hannover, die Nähe zur Hauptstadt zog viele an, aber die Kommune blieb selbständig. Das Dorf Lichtenberg zählte 1871 nur 3244 Einwohner, 1908 schon 71 000, weshalb es in diesem Jahr das Stadtrecht erhielt.

Julius Straube,
Das Berliner Stadtgebiet im Wandel der Zeiten
Berlin, 1920

Eine Karte von 1920 zeigt, wie Berlin in die Fläche wächst.

(Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin)

Die Eisenbahn ermöglichte, die Industrie verursachte das explosionsartige Wachstum. Im Nordosten, vor dem Oranienburger Tor, hatte sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ein erstes Industrieviertel, ein Zentrum des Maschinenbaus entwickelt, das wegen der vielen Gießereien und Schornsteine Feuerland hieß, August Borsig ließ dort Lokomotiven fertigen. Auch an der Spree siedelte sich Gewerbe an, doch wurde es an den ersten Standorten bald zu eng, die großen Fabriken zogen hinaus, nach Moabit, Tempelhof, Charlottenburg, Lichtenberg. Auf diese erste Randwanderung folgte bald die zweite, in Oberschöneweide und Tegel wurden große Industriekomplexe errichtet.

Dass für diesen großen Siedlungsraum mit seiner unkontrollierbaren Entwicklungsdynamik eine gemeinsame Politik, koordinierte Planung vernünftig wären, lag auf der Hand, aber es kam nur selten dazu. Die kommunale Zersplitterung und lokale Egoismen verhinderten es. So leiteten die Gemeinden Reinickendorf und Tegel ihr Schmutzwasser in den Tegeler See, aus dem die Stadtgemeinde Berlin Trinkwasser schöpfte. So baute die stolze Stadt Schöneberg in kurzer Zeit eine eigene U-Bahn, die nur 2,9 Kilometer lang war und ohne die eigentlich gebotene Anbindung an das Berliner Verkehrsnetz. Von den Besserverdienenden aus den westlichen Vororten arbeiteten etwa 25 Prozent in Berlin, aber sie beteiligten sich kaum an der Finanzierung der Kommune.

Die Gartenstadt Frohnau im Norden warb um 1910 mit einem Plakat: "Die steuerfreie Stadt: Keine Kommunalsteuer! Keine Gemeinde-Wertzuwachs- oder Umsatzsteuer!" Aber wer wäre auf die Idee verfallen, sich in Frohnau niederzulassen, wenn es die Großstadt Berlin und die Nachbarorte und das gute Verkehrsnetz nicht gegeben hätte? Der Steuerwettbewerb war unfair.

Im neunzehnten Jahrhundert scheiterten alle Vorschläge, einen einheitlichen Regierungsbezirk oder eine "Provinz Berlin" zu bilden, an der Zögerlichkeit der Kommunalpolitiker, die finanzielle Lasten fürchteten. Nach 1900, im Zeitalter der Großunternehmen und der Konzentration, in der Epoche der Warenhauskonzerne und der AEG, musste die Idee einer Einheitsgemeinde eigentlich einleuchten, aber materielle Interessen und die in den bürgerlichen Vororten grassierende Furcht vor der in Berlin starken Sozialdemokratie verhinderten eine rasche Lösung. Erst nach dem verlorenen Krieg und der Abdankung des Kaisers schien der Verlust lieb gewordener Eigenständigkeit erträglich, erst nach der Revolution konnte Groß-Berlin Wirklichkeit werden.

"Mög schützen uns des Kaisers Hand / vor Groß-Berlin und Zweckverband."

Immerhin initiierten Architekten und Ingenieure 1906 einen Wettbewerb "Groß-Berlin". Es ging um eine "einheitliche großzügige Lösung", einen Gesamtplan "sowohl für die Forderungen des Verkehrs, als für diejenigen der Schönheit, der Volksgesundheit und der Wirtschaftlichkeit". Keiner der eingereichten Entwürfe wurde realisiert, aber die Probleme, die sie behandelten, blieben für Jahrzehnte akut. Und aktuell blieb viel zu lange auch die Haltung des Gewinners Hermann Jansen, der die Stadt vom Verkehr her dachte und schrieb: "Die Autos sollen diejenige Schnelligkeit entwickeln dürfen, die sie verantworten können, und dies erreicht sich am einfachsten durch Sonderwege, auf denen sie sich austoben können."

Luftaufnahme Zehlendorf mit Straße nach Liebenwalde

Luftaufnahme von Zehlendorf, 1919.

(Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin)

Der Wettbewerb verschaffte dem Ausschuss Groß-Berlin, der damals für gemeinsame Bebauungspläne und Zentralbehörden warb, größere Aufmerksamkeit. 1912 konnte der Zweckverband Groß-Berlin gegründet werden, von dessen Wirken die Stadt bis heute profitiert. Er kaufte etwa zehntausend Hektar Wald vom preußischen Staat und verpflichtete sich dabei, diese Waldflächen zu erhalten. Deswegen wurde Groß-Berlin 1920 über Nacht zum größten Grundbesitzer in Deutschland, deswegen sind heute mehr als achtzehn Prozent der Berliner Stadtfläche Wald.

Das vorläufige Scheitern aller Pläne, Berlin zu erweitern, die Region vernünftig zu verwalten, kann man bis heute im Stadtbild sehen, etwa an den vielen damals errichteten Rathäusern: Wilmersdorf (1894), Steglitz (1897), Lichtenberg (1898), Pankow (1903), Charlottenburg (1905), Köpenick (1905), Neukölln (1909), Reinickendorf (1911), Spandau (1913), Schöneberg (1914). Zur Grundsteinlegung in Spandau sprach der Maurermeister Emil Müller aus, was der dortige Magistrat dachte: "Mög schützen uns des Kaisers Hand / vor Groß-Berlin und Zweckverband."

Nach Kriegsende nutzten vor allem der Oberbürgermeister von Berlin, Adolf Wermuth, und der Schöneberger Oberbürgermeister Alexander Dominicus die Gelegenheit und trieben das Vereinigungsprojekt voran. So gelang es, eine knappe politische Mehrheit zu organisieren. Die alten Ängste der vermögenden Gemeinden vor einem Bankrott nach Vereinigung mit der Großstadt, die Furcht vor einer Dominanz radikaler Sozialdemokraten waren nicht verschwunden.

Lange stritt man über die Verwaltungsorganisation. Sollte sie zentralistisch sein oder mit weitgehend selbständigen Gemeinden? Eine Einheitsgemeinde oder eine Gesamtgemeinde? Kompromisse ebneten den Weg zum Vereinigungsgesetz. Groß-Berlin wurde in zwanzig Bezirke mit eigenem Bezirksamt und eigener Bezirksversammlung unterteilt. Paragraf 25 des Gesetzes bezeichnete die Bezirksämter als "ausführende Organe des Magistrats". Sie hätten "nach den vom Magistrat aufgestellten Grundsätzen die Geschäfte zu führen, die der Magistrat ihnen zuweist". Das bot reichlich Stoff für Konflikte. Mal verloren sich die Magistratsmitglieder im Klein-Klein und bevormundeten die Bezirke, mal folgten diese einem Bezirkspartikularismus und scherten sich nicht um das Gemeinwohl der gesamten Stadt.

Der Selbstverwaltungsapparat war groß, weil andernfalls wohl die Abneigung gegen den Zentralismus zu stark geworden wäre. Verschlankung und Vereinfachung wurden immer wieder gefordert. So fragte das Berliner Tageblatt 1926: "Mit einem bürokratischen Übertreiben der Zentralisation macht man die Dinge nur schlimmer. Aber sind zwanzig Bezirke und zwanzig Bezirksversammlungen wirklich notwendig? Können sie auf Dauer ohne Schädigung der Einheit ertragen werden? Jedenfalls sind achthundert Stadtverordnete und Bezirksverordnete auch für eine Viermillionenstadt viel zu viel."

Immerhin begünstigte das neue Selbstbewusstsein der Kommune die kulturelle Blüte Berlins in den Zwanzigerjahren. Der Baustadtrat Martin Wagner plante mit einigen der besten Architekten der Zeit Wohnsiedlungen, die heute Unesco-Weltkulturerbe sind. Der Verkehrsstadtrat Ernst Reuter, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gründungsvater West-Berlins wurde, schuf mit der Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) das zu seiner Zeit größte kommunale Unternehmen der Welt. Die Stadt warb für sich mit Gegenwartsbezogenheit und Zukunftsoffenheit, betonte die Freuden und Chancen der Modernisierung, wollte eine turbulente, vibrierende Metropole sein. All das wäre nicht möglich gewesen, hätte man die Neuordnung der Kommune in den ersten Nachkriegsjahren auf bessere Zeiten verschoben.

Das Misstrauen der Berliner gegen Brandenburg hat Tradition

Bezirkszusammenlegungen und die Veränderung von Gemeindegrenzen provozieren auch heute oft Streit, Erbitterung. Es spricht für den demokratischen Elan der Akteure, dass sie inmitten des dramatischen, alle überfordernden Umbruchs, inmitten von Hunger, Inflation, Straßenkämpfen, politischer Zerrissenheit und Ungewissheit, den Aufbruch und Groß-Berlin wagten. Daher ist der 1. Oktober 1920 einer der stolzesten Tage der Stadtgeschichte.

Jenseits der Dauerfragen aller Großstädte - Wohnen, Verkehr, Stadtgrün und Klima - sind mit ihm bis heute nachwirkende, für Berlin charakteristische Probleme geblieben. Wie das Verhältnis von Bezirks- und Zentralverwaltung vernünftig zu regeln wäre, muss immer wieder neu diskutiert werden. Wichtiger noch ist das Verhältnis zum Umland. 1920 kamen aus der Provinz Brandenburg 800 Quadratkilometer und 1,9 Millionen Einwohner an die neue Stadtgemeinde, das waren zwei Prozent des Territoriums und 44 Prozent der Bevölkerung Brandenburgs. Und es war auch damals diskutiert worden, ob Berlin nicht noch größer sein müsste. Warum etwa gehören Oranienburg und Hennigsdorf nicht dazu? Und wäre es heute nicht an der Zeit, die beiden Bundesländer zu vereinigen?

Es arbeiten ja viele Brandenburger in Berlin, viele Berliner haben Häuschen und Garten in Brandenburg. Das Vorhaben ist in den Neunzigerjahren gescheitert. Soll man es noch einmal versuchen oder sich mit Absprachen zwischen beiden Landesregierungen begnügen? Einer Vereinigung, vielleicht mit Potsdam als Landeshauptstadt, stehen mentale Vorbehalte entgegen. Die meisten Berliner fühlen sich nicht als Brandenburger, die Abgrenzung gegenüber dem Umland hat eine ebenso lange Tradition wie die Skepsis vieler Brandenburger angesichts der Zustände in der Hauptstadt.

In dieser lebt eine Mehrheit im Kiez, fühlt sich dem Ortsteil verbunden und weniger der gesamten Stadt. Zwischen Schmargendorf und Hellersdorf liegen Welten. Wer außerhalb des S-Bahn-Rings wohnt, fühlt sich oft nur halb gemeint, wenn von Berlin die Rede ist. Aber anders als in den Zwanzigerjahren gibt es keine separatistischen Bestrebungen. Die Berlinerinnen und Berliner teilen die Erwartung, die Verwaltung möge schnell und gut arbeiten, die Infrastruktur funktionieren, und vereinen sich im Schimpfen auf die Landespolitik.

© SZ

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