Bahnchef Grube:Wenn die Kammer zur Sekte wird

Als dann aber Müller die Fragerunde für das Publikum öffnet, wird schnell klar, dass die Gegner hier eher nicht gefragt sind. Müller liest direkt mal sechs Namen vor, die wie durch ein Wunder auf seiner Liste mit den Fragestellern gelandet sind. Allesamt "glühende Befürworter" von Stuttgart 21, wie einige bekennen. Sie reden wie Jünger nach der Predigt ihres Messias. Noch ganz beseelt von den Durchhalte-Parolen des Rüdiger Grube.

Da ist etwa Berthold Leibinger, der vor 25 Jahren mal Kammerpräsident war. Er sagt: "Ich kann es nicht mehr hören, wenn mir gesagt wird, mir langt der jetzige Bahnhof." Das sei eine "unethische Haltung". Oder Rainer Dulger, Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Ein hochgewachsener Mann, der gewohnt zu sein scheint, dass ihm niemand widerspricht. Wie Leibinger geht auch er nach vorne und spricht zum Publikum: "Bitte, werden sie nicht müde weiter für das Projekt zu kämpfen!" Und richtet dann noch ein Wort an die Politik: "Wenn Stuttgart 21 gekippt wird, dann gefährden sie die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie in unserem Lande."

Wieder donnernder Applaus.

Oder Joachim Möhrle, Präsident des baden-württembergischen Handwerks. Der fasst zusammen, was von diesem Abend zu halten ist: "Von dieser Veranstaltung geht auch ein deutliches Signal aus, dass wir dieses Projekt wollen." Großer Beifall. Den Gegnern, sagt er, gehe es nicht mehr um das Bahnhofsprojekt so kurz vor der Landtagswahl im kommenden März. "Hier geht es um die Macht in diesem Land."

Für einen, der Grubes Argumente höre, gebe nur zwei Möglichkeiten: "Entweder er ist von ihrer Sachlichkeit überzeugt. Oder er ist böswillig und will die Argumente nicht zur Kenntnis nehmen."So denkt der Handwerks-Chef. So langsam bekommt diese Podiumsdiskussion sektenähnliche Züge.

Wie der Puls schlägt

Ein Gegner kommt dann doch zu Wort. Klaus Steinke, Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur in Stuttgart. Er trägt einen grünen K21-Button am Jackett und keine Krawatte, was ihn für einige im Saal bereits verdächtig machen dürfte. Er wolle mit seinem Auftritt nur das Bild widerlegen, dass alle Unternehmer in der IHK für Stuttgart 21 seien, sagt Steinke. Und dass er sich im demokratischen Interesse gefreut hätte, wenn draußen an der Garderobe nicht nur Pro-S21-Sticker verteilt würden, sondern auch die Sticker der Initiative für den Erhalt des Kopfbahnhofes, K21 eben.

Sechs Leute klatschen. Sechs.

Für IHK-Präsident Müller macht das nur umso deutlicher, wie der "Puls schlägt" in Industrie und Handel rund um Stuttgart.

Rüdiger Grube kann zufrieden abreisen. Am Dienstagmorgen trifft er sich mit seinen Vorständen in Frankfurt. Es gibt im Bahn-Imperium noch anderes als nur Stuttgart 21. Ist eh ein eigentlich kleines Projekt - am Anfang hat Grube das gesagt: Bundesweit "managen wir Werte von 89 Milliarden Euro". Nur, um mal die Dimensionen klar zu machen. Stuttgart 21 ist mit seinen etwas über vier Milliarden Euro Baukosten offenbar eher im Segment der "Peanuts" anzusiedeln.

Draußen vor der Liederhalle aber sehen das einige ganz anders. Tausende Demonstranten haben den Mozartsaal für einige Zeit eingekesselt. Bis in den Saal hinein sind Trillerpfeifen und Vuvuzelas zu hören. Erst kurz vor Ende der Podiumsdiskussion ziehen die S21-Gegner ab.

Auch wenn Grube und die 750 IHKler im Saal das anders sehen: An Gesprächsbedarf mangelt es in diesen Zeiten nicht.

© sueddeutsche.de/woja
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