bedeckt München 31°

Autofahren:Welche wissenschaftlichen Fakten für ein Tempolimit sprechen

Tempolimit Deutschland

Die Koalition streitet sich wieder über das Thema Tempolimit.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Auf welchen Autobahnen würde Tempo 130 gelten, was würde ein Limit fürs Klima bringen - und was für die Sicherheit? Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Tempo 130.

Von Jan Bielicki

Die SPD will es, auch das Umweltbundesamt und viele Umweltsachverständige empfehlen ein Tempolimit von höchstens 130 km/h auf Deutschlands Autobahnen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), darin unterstützt vom ADAC, lehnt es dagegen strikt ab, über solche Geschwindigkeitsbegrenzungen überhaupt zu reden. Die Debatte ist oft hochemotional - doch was bringt ein Tempolimit wirklich?

Auf welchen Straßen würde die Geschwindigkeit beschränkt?

Uneingeschränkt freie Fahrt gibt es in Europa nur auf etwas mehr als 18 000 Autobahnkilometern, die sich allesamt durch Deutschland ziehen. Das sind etwa 70 Prozent des deutschen Autobahnnetzes.

Was würde es dem Klima bringen, wenn dort Tempo 130 vorgeschrieben wäre?

Das eben ist auch deshalb so hochumstritten, weil es niemand ganz genau weiß. Verkehrsminister Scheuer spricht davon, ein solches Tempolimit würde den gesamten CO₂-Ausstoß in Deutschland nur um 0,5 Prozent senken. Er bezieht sich damit auf eine Studie des Umweltbundesamts, die aus dem Jahr 1999 stammt und mit Zahlen von 1996 arbeitet. Die sind längst überholt, doch tatsächlich gibt es kaum neuere Untersuchungen. Klar ist jedoch: Der Verkehr ist für ein knappes Fünftel des deutschen Klimagasausstoßes verantwortlich und der einzige Bereich, in dem die Emissionen seit 1990 so gut wie gar nicht gesunken sind. Und klar ist auch: Laut der Datenbank HBEFA verbraucht ein Auto bei Tempo 130 etwa 19 Prozent mehr Treibstoff als bei 120 km/h.

Laut einer Studie des Öko-Instituts und des International Council on Clean Transportation aus dem Jahr 2018 könnten die Pkw-Emissionen in Deutschland bei einem Autobahn-Tempolimit von 130 km/h um bis zu 1,6 Prozent, bei 120 km/h um bis zu 2,9 Prozent sinken. Bezogen auf Deutschlands CO₂-Gesamtausstoß wären das gerade 0,3 Prozent. Nicht berücksichtigt sind dabei die Wirkungen des Tempolimits auf Design und Gewicht von Neuwagen. Die niederländische Forschungsorganisation TNO hat berechnet, dass bei einer Senkung des Limits von 130 auf 100 km/h etwa 16 Prozent weniger CO₂ aus einem Dieselauto kommen würden. Auf ähnliche Werte kommt die Europäische Umweltagentur. Auf den niederländischen "Snelwegen" soll künftig tagsüber Tempo 100 statt 130 gelten - jedoch vor allem der Stickstoffbelastung wegen.

Das klingt nach wenig. Wieso empfehlen so viele Umweltexperten dennoch das Tempolimit?

Einerseits, weil seine Einführung fast nichts kostet. Und weil auch ein kleiner Bruchteil einer großen Menge Klimagas nicht eben wenig ist: Es geht um etwa drei Millionen Tonnen CO₂ jährlich. "Die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen wäre ein kurzfristig realisierbarer, kostengünstiger und wirksamer Beitrag zur Reduzierung der CO₂-Emissionen und des Kraftstoffverbrauchs", schreibt das Umweltbundesamt. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen setzt in einem Sondergutachten zudem auf Folgewirkungen eines Tempolimits: Motorenleistung und Gewicht von Neuwagen würden voraussichtlich abnehmen, Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß damit sinken, und das eben nicht nur auf Autobahnen, sondern überall auf der Welt, wo diese leichteren Autos fahren.

Kann ein Tempolimit Unfälle verhüten?

Dafür spricht alles. Zwar gehören die deutschen Autobahnen zu den sichersten Straßen der Welt, aber dennoch sind auf ihnen im vergangenen Jahr 425 Menschen bei Unfällen gestorben und fast 6000 schwer verletzt worden. Als Unfallursache Nummer eins nennt das Statistische Bundesamt "nicht angepasste Geschwindigkeit". An einem 62 Kilometer langen Abschnitt der A24 in Brandenburg ließ der zuständige Landesbetrieb untersuchen, was ein Tempolimit daran ändert. Ergebnis: Nachdem die 130-Schilder aufgestellt waren, halbierte sich in den folgenden drei Jahren die Zahl der schweren Unfälle.

© SZ vom 28.12.2019/jsa
Verkehr auf der B6 und der Autobahn A37

Geplatzte Pkw-Maut
:Mautbetreiber fordern 560 Millionen Euro Schadenersatz

Das Fiasko um die geplatzte Pkw-Abgabe könnte für die Steuerzahler sehr teuer werden. Für Verkehrsminister Scheuer wird die Lage immer brenzliger. Und es gibt neue Vorwürfe.

Von Markus Balser

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite