Krieg in Syrien:Weder mit dem IS noch mit Assad ist ein Ende des syrischen Krieges möglich

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Die Europäer allein sind militärisch und politisch zu schwach, um die Dinge in Syrien wirklich beeinflussen zu können, und deshalb droht ein aus der Not geborenes De-facto-Bündnis mit Putins Russland, weil Washington die Führung verweigert. Dies wäre ein dramatischer Fehler, da eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit Russland den Krieg in Syrien nicht eindämmen oder gar beenden würde. Das genaue Gegenteil wäre zu befürchten. Eine militärische Zusammenarbeit mit Assad - und genau das ist Moskaus Ziel und Preis - würde die große Mehrheit der sunnitischen Muslime in die Arme der radikalen Islamisten treiben.

Im Irak konnte man eine solche Entwicklung bereits verfolgen. Die schiitisch beherrschte Regierung von Premierminister Nuri al-Maliki hat ganz wesentlich zur Radikalisierung der irakischen Sunniten und zu deren Unterstützung für den IS beigetragen. Es wäre kurzsichtig und extrem dumm, diesen Fehler sehenden Auges in Syrien zu wiederholen. Das ist mitnichten Realpolitik, denn weder mit dem IS noch mit Assad wird ein Ende des syrischen Krieges möglich sein.

Die Kooperation des Westens mit Russland in Syrien darf nicht um den Preis zweier großer Fehler geschehen, nämlich einer Verknüpfung der Ukraine mit Syrien (die Nuklearverhandlungen mit Iran wurden ohne solch eine Verknüpfung erfolgreich abgeschlossen, und dabei muss es bleiben) und der militärischen Zusammenarbeit mit Assad. Stattdessen sollte versucht werden, die Frage einer militärischen Intervention gegen den IS unter dem Dach des Sicherheitsrates in einer Kapitel-7-Resolution mit der Frage des politischen Übergangsprozesses zu einem Waffenstillstand und zu einer Regierung der nationalen Einheit zu verbinden.

Welche Form von sunnitischem Islam wird sich durchsetzen?

Zudem sei nicht vergessen, dass es sich bei der Eindämmung des Krieges in Syrien nur um den ersten Schritt handelt. Dahinter liegen weitere große Herausforderungen, wenn es um die Gefahren geht, die für Europa in seiner Nachbarregion entstehen können: Der Irak versinkt zusehends im Chaos und droht zu einem weiteren hochgefährlichen Kriegsschauplatz zwischen Iran und Saudi-Arabien zu werden. Eine Einhegung dieses regionalen Kampfes um die Hegemonie im Nahen und Mittleren Osten wird sich als unverzichtbar erweisen, wenn man nicht sehenden Auges in weitere Stellvertreterkriege mit all ihren Risiken laufen will.

Und schließlich wird die Entscheidungsschlacht mit dem islamistischen Terrorismus innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft der Muslime stattfinden: Welche Form von sunnitischem Islam wird sich durchsetzen? Die saudisch-wahabitische oder eine modernere, gemäßigtere? Dies ist letztendlich die entscheidende Frage im Kampf gegen den Terrorismus, und eine nicht unwichtige Frage wird dabei sein, wie Europa seine Muslime behandelt - als willkommene gleichberechtigte Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten oder nicht.

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