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Aufruhr in Ägypten:Der Präsident schlägt zurück

Ägyptens Autokrat Hosni Mubarak lehnt sich zurück und lässt auf dem "Platz der Befreiung", bislang Zentrum der Proteste, Regierungsgegner und bezahlte Prügeltrupps aufeinander losgehen. Auch das Militär greift nicht ein. Es könnte der Anfang vom Ende sein - für Mubarak oder den Umsturz.

Ismail Etman, der ungerührte Schicksalsbote: "Die ägyptischen Streitkräfte appellieren an die aufgeklärte und verständige Jugend, die ehrenwerten Männer Ägyptens", sagte der ägyptische Armeesprecher. "Ihr müsst in die Zukunft schauen und an die Nation denken." Ohne jede Mimik fuhr er fort, in die Kamera des staatlichen Fernsehens zu sprechen: "Eure Botschaft wurde gehört, eure Forderungen wurden verstanden." Etmans Aufforderung an die seit einer Woche in Kairo demonstrierenden Regimegegner war unmissverständlich: "Kehrt zurück in euer normales Leben."

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(Foto: Graphik: SZ)

Wenige Stunden später brach auf dem Tahrir-Platz ein kleiner, ein innerägyptischer Krieg aus: Mehrere tausend Anhänger von Präsident Hosni Mubarak gingen auf dem zentralen Platz auf die Anti-Mubarak-Demonstranten los, mit Messern, Knüppeln, manche mit Pistolen. Männer zu Pferd und auf Kamelen prügelten mit Eisenstangen. Die überrumpelten Regimegegner warfen mit Steinen zurück, versuchten sich zu formieren, flohen. Die Panzer der Armee standen dazwischen, bewegten sich nicht. Ägyptens Soldaten, die auf ihr Volk nicht schießen wollen, schritten nicht ein. Sie ließen eine Straßenschlacht zu, an deren Ende unzählige Opfer stehen könnten. Das könnte der Anfang vom Ende der Revolte gegen Mubarak sein - oder Mubaraks eigenes Ende beschleunigen.

Hinter der Anarchie und Gewalt auf dem Tahrir-Platz zeichnet sich das Kalkül des Taktikers im Präsidentenpalast ab. Er mobilisiert das eigene Lager, hetzt die verschiedenen Gruppen seines Volkes aufeinander, um seine Macht zu wahren. Am Montagabend hatte der Armeesprecher den Bürgern mit demselben unbewegtem Gesicht eine andere, eine friedliche Botschaft übermittelt: "Die Armee versteht die legitimen Rechte des ägyptischen Volkes. Sie hat nie auf das Volk geschossen und sie wird nicht auf das Volk schießen." Über Nacht aber positionierten die Streitkräfte sich neu: Sie lassen dem Mubarak-Regime und seinen von der Regierungspartei NDP auf die Straße gebrachten Anhängern freie Hand, die Proteste gegen den Staatschef mit Gewalt zu beenden; weshalb die Gegendemonstranten auf dem Tahrir immer wieder brüllten: "Haut ab, haut ab."

Die Botschaft der Streitkräfte an die Opposition war: Die von Mubarak versprochenen Reformen müssen reichen. Die Opposition soll sich nun an Verhandlungen versuchen und die Entscheidung nicht länger auf der Straße suchen. Der Staatschef hat sich am Dienstag im Fernsehen halbwegs einsichtig gezeigt: "Ich strebe keine weitere Amtszeit an. Ich habe das nie im Sinn gehabt." Es folgte eine Liste mit Versprechen: Verfassungsreform, Arbeitsplätze, Inflationsbekämpfung, Bürgerpolizei. "Ich werde die verbleibenden Monate dafür arbeiten, die notwendigen Schritte für einen friedlichen Transfer der Macht einzuleiten", sagt der 82-Jährige mit Blick auf die für Herbst angesetzte Präsidentenwahl. Er stellte aber klar, dass er nicht vorzeitig abtreten oder ins Exil gehen werde: "Ich werde auf ägyptischer Erde sterben."

Die Partei im Gegenangriff

Auch Mubaraks Nationaldemokratische Partei NDP, die durch die Proteste schwer angeschlagen ist, hatte sich da wieder im Griff: Vertreter der Partei meldeten sich zu Wort, NDP-Gegendemonstranten zeigten sich in Kairo und anderen ägyptischen Städten in wachsender Zahl. Nachdem die Polizei die Regimegegner mit Beginn der Proteste nicht hatte niederringen können, setzt Mubarak nun den Parteiapparat ein, unterstützt offenbar von Zivilpolizisten. Die NDP, deren Zentrale in Kairo von den Demonstranten schon am Freitag in Brand gesteckt worden war, schlägt zurück.