Atom-Endlager in der Schweiz:"Wir bringen dieses Opfer für die ganze Schweiz"

Lesezeit: 4 min

Atom-Endlager in der Schweiz: In Hohentengen gibt es Proteste gegen das geplante Atommüllendlager, gegenüber auf der Schweizer Seite des Rheins wollen sie sich dagegen nicht "aus der Ruhe bringen lassen".

In Hohentengen gibt es Proteste gegen das geplante Atommüllendlager, gegenüber auf der Schweizer Seite des Rheins wollen sie sich dagegen nicht "aus der Ruhe bringen lassen".

(Foto: Michael Buholzer/dpa)

In Nördlich Lägern, Kanton Zürich, nahe der deutschen Grenze soll das Schweizer Endlager für radioaktive Abfälle entstehen. Proteste? In der Schweiz kaum. Dafür wächst die Wut bei den Deutschen. Ein Besuch auf beiden Seiten des Rheins.

Von Max Ferstl und Isabel Pfaff

Der Bürgermeister ist erschöpft. Dieter Schaltegger tippt fahrig auf seinem Handy herum, fährt sich über die müden Augen, manchmal fallen ihm die richtigen Worte nicht ein. Der 60-Jährige ist seit 2014 der Gemeindepräsident von Stadel, einem hübschen Örtchen im Zürcher Unterland. Rund 2300 Menschen wohnen hier, es gibt einen Brunnen aus dem 17. Jahrhundert, Geranien vor den Fenstern, viel Fachwerk. Seit vergangenem Samstag, das kann man bedenkenlos so sagen, ist Stadel berühmt. Da wurde bekannt, dass die Schweiz ihr atomares Endlager voraussichtlich genau hier bauen wird - im Reich von Dieter Schaltegger.

Er hat als einer der Ersten erfahren, dass sich die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) unter den zuletzt drei Möglichkeiten für den Standort "Nördlich Lägern" entschieden hat. Ein Gebiet, das nur einen Steinwurf von der Grenze zu Deutschland entfernt liegt und neben anderen Gemeinden auch Stadel umfasst. Für jede Region wäre eine solche Nachricht ein Schock. In einer Grenzregion aber wird es für alle Beteiligten um Welten komplizierter.

Atom-Endlager in der Schweiz: Digitale Aufbereitung der SZ-Grafik

Digitale Aufbereitung der SZ-Grafik

(Foto: SZ-Grafik)

Auf Stadel und seine drei Ortsteile Windlach, Raat und Schüpfheim kommen nun gewaltige Bauarbeiten zu. Denn hier sollen die Oberflächenanlagen entstehen, von hier aus soll das Tiefenlager gegraben werden. Die Nagra hat dafür 15 Jahre Bauzeit veranschlagt, von 2045 bis 2060. Und da hat man den Atommüll mit all seinen Risiken noch gar nicht erwähnt. Wie reagiert man darauf als Gemeinde? "Wichtig ist sicher, dass die Region weiterhin zusammenhält", sagt Bürgermeister Dieter Schaltegger. "Und dass wir uns nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen."

Nicht aus der Ruhe bringen lassen? Was die Schweiz hier vorhat, hat noch kein anderes Land vollbracht. Nur Finnland ist gerade dabei, ein geologisches Tiefenlager für seinen Atommüll zu bauen. In Deutschland, wo die Erinnerung an die heftigen Widerstände in Gorleben noch frisch sind, will man sich erst 2031 wieder zu einem Endlager-Standort äußern.

Wo jetzt ein Bauernhof mit Pferdekoppel steht, soll in Zukunft der Atommüll ankommen

Die Ruhe, die nach dem spektakulären Schweizer Entscheid in Stadel herrscht, ist bemerkenswert. Nirgendwo sieht man Plakate gegen das Tiefenlager. Auch am geplanten Standort selbst, Gebiet Haberstal, etwa vier Autominuten vom Gemeindehaus entfernt: nichts. Unter einem grauen Himmel wellt sich hier sanft die Landschaft, auf den Wiesen wuchert es nach dem Hitzesommer wieder grün. Da, wo heute dichter Nadelwald einen kleinen Acker einrahmt, soll der Eingangsschacht zum Tiefenlager hin. Weiter unten steht ein einsamer Bauernhof mit Pferdekoppel. Dort soll die sogenannte Oberflächenanlage entstehen, jener Ort, wo der Atommüll mit Lastwagen ankommt und dann in rund 900 Meter Tiefe geschickt wird.

Der Bauernhof gehört einer Familie mit zwei kleinen Kindern, im Garten steht ein Klettergerüst mit Rutsche, ein Schild mahnt Autofahrer zum Langsamfahren. Der Hof wird weichen müssen, wenn das Lager kommt. Für Ramona Keller, die Bäuerin, eine Katastrophe. Kurz nach der Bekanntgabe des Standortvorschlags sagte die 34-Jährige dem Zürcher Tages-Anzeiger: "Ich bin unsagbar traurig."

Und doch: Die Wut in Nördlich Lägern hält sich in Grenzen. Viele sehen es offenbar wie Gemeindepräsident Schaltegger, der am Montag den erstaunlichen Satz sagte: "Stadel leistet einen wichtigen Beitrag zu einer nationalen Aufgabe."

Bei der Bürgerversammlung einen Tag später ist die Stimmung angespannt. Viele der rund 150 Leute sind sauer, dass es keine schriftliche Einladung gab. Dann wollen die Bewohner wissen, wie belastend die Bauphase wird und was der Bund tun wird, wenn die Immobilienpreise fallen. Es geht um Entschädigungen, um regionale Ausgleichszahlungen. Eine Frau sagt: "Es geht uns nicht besonders gut." Von Fundamentalopposition allerdings keine Spur. Stattdessen fallen Sätze wie: "Wir bringen dieses Opfer für die ganze Schweiz."

Atom-Endlager in der Schweiz: Von diesem Platz aus hat die Schweizer Nagra den Boden in Stadel erforscht - mit, rein was die Eignung des Gesteins angeht, positivem Ergebnis.

Von diesem Platz aus hat die Schweizer Nagra den Boden in Stadel erforscht - mit, rein was die Eignung des Gesteins angeht, positivem Ergebnis.

(Foto: Michael Buholzer/dpa)

Dabei gibt es durchaus Gegnerinnen und Gegner. Astrid Andermatt zum Beispiel, Co-Präsidentin des Vereins "Loti - Nördlich Lägern ohne Tiefenlager". Die Sozialdemokratin kämpft schon lange gegen das Tiefenlager, auch wenn ihr klar ist, dass es eine Lösung für den Atommüll braucht. "Wir sind aber noch viel zu früh dran, um uns für einen Standort zu entscheiden", sagt Andermatt. Es gebe zu viele ungeklärte Fragen.

Doch auch jemand wie Andermatt ist hier nicht nur Gegnerin, sondern auch Teil des Prozesses. Sie sitzt am Mittwochabend auf der Vollversammlung der Regionalkonferenz Nördlich Lägern, jenem Gremium, das seit mehr als zehn Jahren die Endlagersuche begleitet. Hier konnten sich Bevölkerung, Behörden, Interessenverbände und auch Kritiker in den Findungsprozess einbringen. "Wir konnten schon viel bewirken und auf Widersprüche hinweisen", sagt Andermatt. Die Kritik ihres Vereins bewegt sich deshalb auf einer erstaunlichen Detailebene. Loti fordert mehr Studien, etwa zu möglichen Gasvorkommen im Untergrund oder zum Gewässerschutz.

In Hohentengen sind sie ohnehin genervt von ihren Schweizer Nachbarn

Die Wut wächst dafür auf der anderen Seite des Rheins. Donnerstagabend in Hohentengen am Hochrhein, 2,3 Kilometer vom geplanten Endlager entfernt. Die Mehrzweckhalle des Ortes ist voll, rund 500 Menschen sind gekommen. Vorne auf dem Podest erklärt der Geologe der Nagra, warum Nördlich Lägern aus ihrer Sicht der geeignetste Standort ist. Es sind die bekannten Argumente: die dicke Schicht aus Opalinuston, geologisch langweilig, aber laut Nagra sehr sicher, der ausgedehnte Platz in Nördlich Lägern, die Festigkeit des Gesteins. Doch den Menschen in der Mehrzweckhalle reicht das nicht.

In Hohentengen sind sie ohnehin genervt von ihren Nachbarn, weil jeden Tag Flugzeuge im Landeanflug auf den Zürcher Flughafen über ihre Gemeinde donnern. Jetzt also auch noch das geplante Atommüll-Endlager. Überhaupt: Ist das eigentlich nicht gefährlich, wenn ein abstürzender Flieger auf das Endlager fällt? Ein Gastronom fragt, wer hier dann noch Urlaub machen wolle, so direkt neben einem Endlager. Manche sind auch einfach wütend, weil die Schweiz ein sehr großes Problem an die Grenze verlagert. "Machen Sie eine nationale Aufgabe draus und keine internationale", schimpft einer. Hunderte klatschen.

Auch der Hohentengener Bürgermeister, Martin Benz, zeigt sich "verwundert" über die Entscheidung der Nagra. Was viele hier in Hohentengen nicht verstehen: Die Nagra wollte den Standort Nördlich Lägern 2015 schon einmal zurückstellen. Und jetzt soll er plötzlich der sicherste sein? Die Nagra begründet die Kehrtwende mit neuen Untersuchungen nach 2015, die gezeigt hätten, dass die Zurückstellung "zu vorsichtig" gewesen sei.

Auf beiden Seiten des Rheins wollen sie nun abwarten, wie andere das Gebiet Nördlich Lägern beurteilen. Denn bislang ist der Standort nur ein Vorschlag der Nagra, der in den kommenden Jahren von Bundesbehörden und externen Experten überprüft wird. Am Ende müssen Regierung, Parlament und voraussichtlich auch das Volk in der Schweiz dem Vorschlag zustimmen. Nur die Deutschen, die müssen zuschauen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungAtomares Endlager
:Wie die Schweiz selbst heikelste Projekte löst

Die Eidgenossen mögen manche Probleme haben, aber vieles gehen sie überlegter an als andere europäische Staaten. Jüngstes Beispiel: die Lagerstätten für Atommüll. Was man von den Schweizern lernen kann.

Lesen Sie mehr zum Thema