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Schadensbilanz:Glühende Ruinen

Media visit Fukushima nuclear plant ahead of fifth anniversary

"Beispiellos und hochkomplex": Die Bergungsarbeiten im Kraftwerk Fukushima-Daiichi werden mindestens bis 2041 dauern.

(Foto: Toru Hanai/picture alliance/dpa)

Die Folgen der Reaktorkatastrophe werden Japan noch Jahrzehnte beschäftigen.

Von Thomas Hahn

Die Erinnerung an das Große Ostjapan-Erdbeben kam vor wenigen Wochen zurück, genau am 13. Februar. Ein Nachbeben der Stärke 7,3 auf der Momenten-Magnituden-Skala erschütterte die Präfekturen der Ostküste. Geschirr fiel aus Schränken, der Strom fiel aus, Zugstrecken waren unterbrochen. Es gab Verletzte, immerhin keine Toten, auch keinen Tsunami. Aber weil das Erdbeben ähnlich lang war wie jenes verheerende vom 11. März 2011, spürten viele Menschen dieselben Ängste wie damals. Und natürlich richteten sich die Blicke bald auf das Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi im Gebiet der Städte Okuma und Futaba, das der Tsunami damals lahmlegte und dessen geschmolzene Reaktorkerne bis heute ständig gekühlt werden müssen.

Kraftwerksbetreiber Tepco gab wenig später Entwarnung. Akira Ono, Fukushima-Daiichis Rückbau-Chef, beteuert, dass es sich bei dem leichten Kühlwasserabfall durch Behälterschäden nach dem Beben um "nichts Ernstes" handle. Trotzdem wurde wieder deutlich, wie sorgenvoll die Welt auf die radioaktiven Ruinen am Meer schaut. Die Schadensbilanz des Erdbebens und Tsunamis 2011 war enorm. Laut der staatlichen Agentur für Wiederaufbau forderten sie etwa 20 000 Menschenleben. 2500 Menschen gelten noch als vermisst, fast 122 000 Gebäude wurden total zerstört. Aber langfristig belastet der dritte Teil der Katastrophe Japan am meisten.

Wegen der Nuklearkatastrophe musste die Regierung ganze Städte auf Jahre räumen lassen. Mittlerweile sind offiziell in der Präfektur Fukushima zwar nur noch zwei Prozent der Fläche wegen zu hoher radioaktiver Werte unbewohnbar. Sogar in Okuma leben wieder ein paar Hundert Menschen. Aber der Wiederaufbau ist schwierig. Und im Kernkraftwerk läuft Tepcos Kampf mit den kaputten Reaktoren.

Keiner weiß genau, wie es im Inneren der Reaktoren aussieht

Allein die glimmenden Brennstäbe zu kontrollieren, ist kein trivialer Vorgang. Ungeklärt ist zudem die Frage, was mit dem gebrauchten, strahlenden Kühlwasser passieren soll; der Plan, es ins Meer zu leiten, kommt bei Nachbarstaaten und lokalen Fischern schlecht an. Und die schwierigste Aufgabe ist, die geschmolzenen Brennstäbe aus den zerstörten Reaktorblöcken zu bergen. "Beispiellos und hochkomplex" nennt Sven Dokter, Sprecher der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), das Vorhaben. Das Innere der Reaktoren ist hoch radioaktiv, keiner weiß genau, wie es darin aussieht. Unerwartete Probleme liegen deshalb aus GRS-Sicht "in der Natur der Sache". Dazu kommt die Pandemie. Ein spezieller Roboter-Arm, mit dem Tepco testweise Kernschmelze aus dem Reaktorblock zwei holen wollte, konnte der britische Hersteller nicht liefern. Der Probelauf ist auf 2022 verschoben.

Internationale Fachorganisationen geben ein vorwiegend positives Feedback zum Rückbauprozess, der zwischen 2041 und 2051 beendet sein soll. Tepco selbst versucht, transparent zu sein, gibt täglich Daten heraus und stellt sich Fragen bei Presseterminen. Aber das Misstrauen wird der Konzern nicht ganz los, nachdem er jahrelang das Risiko eines Atomkraftwerks direkt an der Küste unterschätzt hatte. Solange Fukushima-Daiichi da ist, wird Japan eine Kernkraft-Krise haben.

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