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Griechenland:Ein Hotel für Flüchtlinge und Hausbesetzer

211719 Patrick Bar Starface 2016 09 19 Athenes Grèce Reportage sur la vie de migrants vivant au Ci

Im City Plaza Hotel wohnen Flüchtlinge und Besetzer. Jeder Bewohner ist regelmäßig für Putzdienste eingeteilt.

(Foto: imago)

Griechische Aktivisten teilen sich seit April 2016 das City Plaza Hotel in der Athener Innenstadt mit Geflohenen. Das Zusammenleben funktioniert - der Staat hingegen ist mit der Situation überfordert.

Abendessenszeit. Für ein Hotel fallen die Regeln streng aus. "Bitte beschwere dich nicht über das Essen!" steht von Hand geschrieben auf einem Zettel neben dem Eingang zur Küche. Weiter heißt es: "Nimm nicht mehr als du brauchst". Und: "Bring Teller, Gläser und Besteck in die Küche zurück."

Zied humpelt in die Küche. Der 30-Jährige, der sich wie die meisten nur mit seinem Vornamen vorstellt, hat sich beim Fußballspielen den Fuß verdreht. Aber er hat Dienst. Schicht ist Schicht. Wenn er nicht funktioniert, wie sollen sich dann die anderen zusammenreißen, die Flüchtlinge?

Die Qualität des City Plaza Hotels in der Athener Innenstadt - das wird schnell klar - ist in Sternen nicht zu messen. Erst recht nicht, seitdem linke Aktivisten wie Zied das Haus im April 2016 besetzt und es dann für Flüchtlinge geöffnet haben. Was zählt, ist, ob genügend Brote fürs Abendessen geschmiert sind, der Medikamentenschrank gefüllt ist und ob sich genügend Kinder für den Klavierunterricht finden. In dieser "Mikrogesellschaft", wie Zied sie nennt, leben sie zusammen: die Aktivisten und die Flüchtlinge, Tür an Tür. Und draußen, da sei der Staat, sagt Zied. Flüchtlinge seien drinnen willkommen. Der Staat ist es nicht.

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Das City Plaza, 126 Zimmer und 236 Betten, ist zum Kontrapunkt in der griechischen Flüchtlingspolitik geworden. Wenn man einmal davon absieht, dass sich die Aktivisten dieses Gebäude widerrechtlich angeeignet haben, dann lässt sich festhalten: Endlich scheint mal etwas zu funktionieren.

Griechenland ist mit den Flüchtlingen komplett überfordert

Als sich die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien 2015 zu Hunderttausenden nach Europa aufmachten, war kein Land so überfordert wie Griechenland, das schon seit sieben Jahren mit der Schuldenkrise zu kämpfen hat. Es fehlte lange an fast allem, Menschen lebten zu Hunderten auf viel zu wenig Platz. Das wilde Lager in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien, mit teils mehr als 10 000 Flüchtlingen, war nicht nur zum Sinnbild für Europas Politik der Abschottung geworden, sondern auch für das Versagen des griechischen Staates.

Im City-Plaza-Hotel haben Freiwillige dem Staat diese Aufgabe aus der Hand gerissen und ihm die Tür gewiesen; kürzlich haben die Aktivisten das einjährige Bestehen gefeiert. Im Rest des Landes hat sich die Lage zwar entspannt, seitdem die Europäische Union mit der Türkei ein Abkommen über die Rückführung von Migranten abgeschlossen hat. Doch noch immer stellt sich vielerorts die Frage: Wo bleibt der Staat? Vor allem für Aliki Papachela, 56, stellt sie sich.

June 16 2016 3000 people participated in a demonstration through innercity Athens on June 16th de

Außenwirkung: Die Aktivisten vom City Plaza Hotel demonstrieren immer wieder für eine humanere Flüchtlingspolitik Griechenlands.

(Foto: imago)

Ihr nämlich gehört das Gebäude; dieses Hotel, das jahrzehntelang Geld abwarf - bis der letzte Pächter 2010 in Konkurs ging. Damals war die Schuldenkrise gerade ausgebrochen. Sie fand über Jahre niemanden, der das Hotel betreiben, es mieten oder kaufen wollte. In der Krise ist es zur Last geworden. "Als die Besetzer kamen, begann mein Albtraum", sagt Aliki Papachela.

Kurz vor der Aktion, so erzählt sie es in den Räumen ihres Anwalts, habe sie selbst den Plan gehabt, das Haus über eine Nichtregierungsorganisation an Flüchtlinge zu vermieten. "Ich wollte nicht reich werden", sagt sie. "Ich wollte raus aus der Misere." Jetzt steckt sie tiefer drin als zuvor: Wer kauft schon ein besetztes Haus? Sie ist sauer auf die Aktivisten, die ihr Recht nicht achten. Und sie ist sauer auf den Staat: "Seit einem Jahr tut er nichts."