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Wahl zum CDU-Vorsitzenden:Friede, Freude und die offenen Fragen

Die CDU hat mit Armin Laschet einen neuen Parteivorsitzenden. Aber reicht das Ergebnis für eine Kanzlerkandidatur? Und welche Zukunft haben die Verlierer?

Von Nico Fried, Berlin

Als die wichtigste Entscheidung des Tages gefallen ist, stauen sich schon die nächsten Fragen. Um 11:35 Uhr an diesem Samstag, so viel steht fest, hat die CDU einen neuen Vorsitzenden: Armin Laschet. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident wirkt erleichtert, sucht ein wenig nach den ersten Worten, nachdem das Ergebnis verkündet worden ist, und dankt dann den Delegierten für das Vertrauen. Aber da drängt sich schon die erste Frage auf: 521 Stimmen hat Laschet erhalten, Friedrich Merz kam auf 466 - ist dieses Ergebnis klar genug?

Laschet hat mit 55 Stimmen auf Merz einen etwas größeren Vorsprung erreicht als Annegret Kramp-Karrenbauer ihn 2018 in Hamburg erzielte (35 Stimmen). Kramp-Karrenbauer gelang es danach nicht, die CDU wirklich hinter sich zu vereinen. Friedrich Merz wird an diesem Samstag noch zur scheidenden Parteivorsitzenden sagen: "Ich weiß, ich habe es Dir nicht immer leicht gemacht, aber es ging immer um die Sache." Kramp-Karrenbauer macht dazu kein klar interpretierbares Gesicht. Wenn man so will, kommunizieren in diesem Moment zwei Christdemokraten miteinander, die beide politisch auf der Strecke geblieben sind.

Armin Laschet ist nun jedenfalls der lachende Dritte. 2018 hatte er die Kandidatur noch nicht gewagt. Nun hat er gewonnen. Er sagt, er wolle dafür sorgen, dass die CDU gut durch das Wahljahr 2021 komme und nach der Bundestagswahl wieder den Kanzler stelle. Wie der dann heißen soll, also zur nächsten Frage, die sich aufdrängt, sagt Laschet nichts.

Es wird nun für Laschet auch darauf ankommen, was die anderen machen. Norbert Röttgen, der im ersten Wahlgang mit dem schwächsten Ergebnis der drei Bewerber ausgeschieden war, ist da nach der Entscheidung glasklar: "Du kannst Dich auf meine Unterstützung voll verlassen, ich stehe zu meinem Wort", sagt er an die Adresse des neuen Chefs. Wer mag, kann den Anspruch auf einen schönen Posten, vielleicht ein Ministeramt, aus dem Satz herauslesen, den Röttgen noch hinzufügt: "Ich stehe der Mannschaft der CDU zur Verfügung."

Friedrich Merz ist da nicht so eindeutig. Er sagt, es gebe nun eine "enorm anstrengende Zeit für uns alle zu bestehen". Das klingt, als wolle er weiter dabei sein. Aber wie genau, das sagt er noch nicht.

Für Merz muss es ein verdammt harter Tag sein. Zweimal ist er angetreten, zweimal hat er mehr oder weniger knapp verloren. Und eine weitere Frage, die sich eigentlich schon vor der Verkündung des Wahlergebnisses stellte, lautet: Warum ist es Merz auch dieses Mal nicht gelungen, seine Fähigkeiten als Redner gewinnbringend einzusetzen?

Menschelnd in der Bewerbungsrede

Zwei Stunden zuvor: Armin Laschet muss bei den Bewerbungsreden als erster ran. Er geht die Sache beherzt an, aber kontrolliert. Er spricht laut in die Kamera, als wäre er auf einem normalen Parteitag und nicht in einer fast völlig leeren Messehalle in Berlin. Laschet redet über Vertrauen, das ist sein Schlüsselwort. Und er setzt seine Spitzen gegen den Konkurrenten Merz sehr gezielt.

Er wolle nicht polarisieren, sagt Laschet, "das kann jeder". Klartext sprechen sei wichtig, aber dann müsse man integrieren können, Menschen zusammenführen, zuhören und am Ende Kompromisse suchen.

"Manche unserer Gegner nennen das 'Weiter so'", sagt Laschet, der natürlich weiß, dass auch Merz vor einem "fröhlichen Weiter so" gewarnt hatte. Und Laschet stellt sich ganz bewusst in die Tradition von Angela Merkel, wo doch Merz gefordert hatte, dass die CDU aus dem Schatten der Kanzlerin heraustreten müsse.

Am Ende sagt Laschet, er sei "vielleicht kein Mann der Inszenierung". Das wirkt ein wenig seltsam, weil er genau in dem Moment beginnt, seinen Auftritt sehr wohl zu inszenieren. Plötzlich lehnt er seitlich am Rednerpult und präsentiert lässig die Erkennungsmarke, die ihm sein Vater, ein früherer Bergmann, als Glücksbringer mitgegeben hat. "Sag den Leuten", habe ihm sein Vater mitgegeben", dass sie Dir vertrauen können.

Merz wirbt mit Hochzeit vor 40 Jahren für sein modernes Frauenbild

Auch Friedrich Merz hat sich vorgenommen, es ein wenig menscheln zu lassen. Er hat sich dafür die Stelle in seiner Rede ausgesucht, in der es um sein Frauenbild geht. Er lese ja immer, sagt Merz, er habe da veraltete Vorstellungen. "Wenn das so wäre, hätten mir meine Töchter längst die gelbe Karte gezeigt und meine Frau hätte mich vor 40 Jahren nicht geheiratet." Es steckt eine gewisse Ungeschicklichkeit in Merz' Versuch, mit seiner Hochzeit vor 40 Jahren für sein modernes Frauenbild von heute zu werben. Und es ist nicht die einzige.

Mut und Zuversicht, das sind seine Schlüsselwörter. Er spricht viele Themen an, meidet nicht die klaren Aussagen: Mit ihm werde es keine Zusammenarbeit mit der AfD geben. Was sich in Thüringen bei der Wahl eines FDP-Ministerpräsidenten ereignet habe, werde sich unter seiner Führung nicht wiederholen, sagt Merz. Das aber ist eine bemerkenswerte Schuldzuweisung an Annegret Kramp-Karrenbauer, die seinerzeit versucht hatte, den Landesverband Thüringen von einer gemeinsamen Abstimmung mit der AfD abzuhalten.

Überhaupt wirkt Merz sehr distanziert, fast konfrontativ. Den Klimaschützern ruft er zu: "Die Welt geht morgen nicht unter." Die Corona-Politik findet offenkundig ebenfalls nicht Merz' ungeteilte Zustimmung: Man müsse "Maß und Mitte halten", fordert er. Darum müsse "gerungen, zur Not gestritten werden". Und am Ende ruft er den Delegierten zu: "Ich werde es mir nicht leicht machen, Ihnen aber auch nicht. Ich werde mich fordern, Sie aber auch." Man kann ein wenig Furcht bekommen vor diesem Friedrich Merz.

Röttgen redet durchdacht, aber nicht fesselnd

Norbert Röttgen ist von drei Bewerbern erkennbar der aufgeregteste. Sein Atem geht schnell und sein Blick zunächst in die falsche Richtung - der Kandidat peilt nicht die richtige Kamera an. Röttgen redet engagiert von Orientierung und Gestaltung, davon, dass die CDU die Partei der Zukunftskompetenz werden solle. Es ist alles durchdacht, was er zu sagen hat, nur fesselnd ist es nicht.

Nach den Reden hätte die CDU dann besser gleich gewählt. Doch statt dessen sieht die Planung noch eine digitale Fragerunde vor, die sich zu einem mittleren Fiasko entwickelt. Vier Männer melden sich zu Wort, keine Frau. Einer der Frager ist nicht zu hören, bei den anderen finden sich zwischen den Kandidaten wenig Unterschiede: Gegen Clan-Kriminalität zum Beispiel sind alle drei, was nicht wirklich überraschen kann.

Spahn nutzt Fragerunde für Laschet-Werbung

Und dann sieht man plötzlich Jens Spahn. Er hat keine Frage, sondern eine klare Botschaft: Laschet wählen. Laschet hat Spahn frühzeitig in sein Team geholt, er sollte die Konservativen in der CDU ansprechen. Dass der Kompagnon nun jenseits genau bemessener Redezeiten einen freien und ungestörten Werbeplatz bekommt, wo eigentlich die Basis Fragen stellen sollte, ist ein schweres Foul. Und eine ziemliche Dummheit der Parteitagsregie.

Merz selbst lässt sich nichts anmerken, als er um 11:35 als Verlierer dasteht. Armin Laschet lobt den fairen Umgang der drei Kandidaten miteinander, was befremdlich klingt, nachdem in seinem Team zum Schluss nicht fair gespielt wurde. Jens Spahn wiederum wird später einen hohen Preis bezahlen, als er bei den Wahlen der fünf stellvertretenden Parteivorsitzenden das mit Abstand schlechteste Ergebnis erhält. Und Friedrich Merz wird erst einmal mitteilen, dass er nicht für einen Posten im Präsidium zur Verfügung steht.

Später allerdings berichtet er auf Twitter, er habe Armin Laschet angeboten, als Wirtschaftsminister ins Kabinett einzutreten - nicht etwa in Nordrhein-Westfalen, sondern in Berlin, in die Bundesregierung. Nach allem, was man weiß, regiert dort noch Angela Merkel. Und sie hat einen Wirtschaftsminister namens Peter Altmaier. Mithin kann man Merz' Angebot nur als Provokation verstehen - gegen Merkel sowieso, aber auch gegen Laschet. Offensichtlich will der unterlegene Merz jetzt mal testen, was sich der neue Vorsitzende gegenüber der Kanzlerin so traut.

Und so stellt sich am Ende noch eine letzte Frage: Wie geschlossen ist diese CDU wirklich?

© SZ/lot
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