Arbeitsmarkt:Männer mögen Mehrarbeit

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Arbeitsmarkt: Das Home-Office erweist sich für Arbeitgeber als Goldgrube. Dort werden besonders viele Überstunden geleistet. Und diese zahlen Unternehmen häufig nicht.

Das Home-Office erweist sich für Arbeitgeber als Goldgrube. Dort werden besonders viele Überstunden geleistet. Und diese zahlen Unternehmen häufig nicht.

(Foto: Eugenio Marongiu/Imago images)

Vor allem im Home-Office neigen männliche Arbeitskräfte zu Überstunden. Für Arbeitgeber eine lukrative Lösung: Die zusätzlich geleistete Arbeit wird oft nicht bezahlt.

Von Roland Preuß

Für die Deutschstunde morgen fehlt noch ein knackiger Text, sagt sich die Lehrerin, der Anwalt kommentiert abends noch die neuesten Urteile für seine Kollegen, und der Handwerksmeister will das Dach jetzt fertig decken, obwohl seine Frau schon angerufen hat, wo er denn bleibt. Es gibt immer irgendeinen Grund, länger zu arbeiten als vorgesehen. Alle Gründe zusammengenommen summierten sich vergangenes Jahr auf 1,3 Milliarden Überstunden in Deutschland. Und die meisten davon zahlten die Arbeitgeber nicht mal.

Das dürfte sich bald ändern. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von Mitte September verpflichtet Arbeitgeber dazu, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten zu erfassen, das Arbeitsministerium erstellt gerade einen Gesetzentwurf mit den Details. Bisher müssen nur Überstunden, Sonntagsdienste und die Arbeit zum Mindestlohn dokumentiert werden, doch selbst das geschieht oft nur lückenhaft. Künftig dürfte die Erfassung Standard sein. Wer profitiert davon am meisten? Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hervor, die der SZ vorliegt.

Demnach zahlten die Arbeitgeber vergangenes Jahr gut 700 Millionen der 1,3 Milliarden Überstunden nicht, für dieses Jahr zeichnen sich nach den Ergebnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem ersten Halbjahr sogar noch mehr Überstunden für lau ab. Die Beschäftigten schenken den Betrieben so jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Der heimische Schreibtisch scheint eine besondere Anziehungskraft zu entfalten. Hier sammelten die Menschen im Schnitt vier Überstunden pro Woche an; im Büro, in der Werkstatt oder an anderen Arbeitsstellen außerhalb der Wohnung kamen die Beschäftigten lediglich auf 2,7 Stunden. Die Arbeitgeber sparten mit der Ausbreitung des Home-Office in der Corona-Pandemie offenbar nicht nur Strom oder Kosten für die Kantine, die Menschen arbeiteten zu Hause sogar länger. Besonders Männer fallen mit ausgedehnten Arbeitszeiten auf, sie hielten sich besonders lange am Schreibtisch auf, statt sich mit häuslichen Alternativen zu beschäftigten.

Ob die Menschen auf festen Vollzeitstellen waren oder in sogenannten atypischen Verträgen als Leiharbeiter oder 450-Euro-Kraft, macht keinen großen Unterschied. Mit einer Ausnahme: Beschäftigte mit einem befristeten Vertrag lieferten mehr unbezahlte Überstunden ab als die anderen Gruppen.

Warum arbeiten die Menschen so lange? Die Arbeit sei "nicht zu schaffen", sagten fast 80 Prozent der Beschäftigten in einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Andere dagegen scheinen den Traum aller Arbeitgeber zu erfüllen: Gut 60 Prozent gaben an, sie hätten eben "Spaß an der Arbeit"; ein gutes Drittel will durch Überstunden "beruflich vorankommen".

Die dauerhaft überlangen Arbeitszeiten machten "erwiesenermaßen krank", warnt indes die Linken-Fraktionsvize Susanne Ferschl. Trotz eines einschlägigen Urteils des Europäischen Gerichtshofs habe es die frühere und die jetzige Regierung dreieinhalb Jahre lang versäumt, eine gesetzliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung einzuführen. Nun sei es Zeit, das "Überstunden-Unwesen" einzudämmen.

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