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Anschlag in der Türkei:Der Terror ist zurück

Tagsüber kündigte Präsident Erdoğan den Beginn einer neuen Ära an. Abends kommt dann die Gewalt. Eindrücke von den Straßen Istanbuls.

22.28 Uhr. Samstagnacht in Istanbul. Mitten im Zentrum. Ein Knall. Viel zu laut für das Feuerwerk, das sonst gerne um diese Zeit auf der anderen Seite des Bosporus abgebrannt wird. Dieser Knall ist aber so heftig, dass die Scheiben wackeln. Es muss gleich um die Ecke passiert sein. Eine Explosion.

Ein Anschlag? Schon wieder?

Eine Straße weiter steht ein Hotel. In der obersten Etage ist am Wochenende immer Disko. Laute Musik, bunte Lichter. Das Dachlokal ist von fast allen Seiten verglast. Wie ein Leuchtturm über der Stadt. Die Leute tanzen. Kurz darauf ein zweiter Knall. Und jetzt ist es, als hätte jemand die Stopp-Taste gedrückt, ohne die Musik auszumachen. Istanbul hat begriffen. Der Terror ist zurück.

Wer die Detonation gespürt hat, hält noch ganz andere Zahlen für möglich

Nur wenige Minuten zu Fuß von diesem Hotel entfernt liegt das Stadion des Istanbuler Kult-Fußballklubs Beşiktaş. Etwa 40 000 Leute passen in die nagelneue Arena. Das Spiel gegen die Gastmannschaft Bursaspor ist schon gut eine Stunde aus. Zum Glück, muss man sagen. Denn sonst wären die Straßen rund um das Stadion noch viel voller. Wer weiß, was dann noch alles passiert wäre. So ist es ja schon schlimm genug: Eine Autobombe soll am Stadion gezündet worden sein, erklärt der türkische Innenminister Süleyman Soylu. Die zweite Detonation könnte von einem Selbstmordattentäter ausgelöst worden sein, der sich in der Gegend des benachbarten Parks befand.

Eine Kolonne aus blau blinkenden Rettungsfahrzeugen umgibt zu dieser Zeit das Stadion. Es verdichten sich die Hinweise, dass der Anschlag Polizisten gegolten haben soll. Erst ist von 20 Verletzten die Rede, dann von mehr als 40. Tote? Steht zu befürchten. Türkische Medien sagen: ein Dutzend. Mindestens. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür zunächst nicht. Aber wer die Detonation gespürt hat, hält noch ganz andere Zahlen für möglich.

Im benachbarten Krankenhaus, vom Stadion aus die Straße den Berg rauf, treffen die ersten Krankenwagen ein. Die Klinikmitarbeiter haben Rollstühle an den Eingang gefahren und warten auf Verletzte. Gepanzerte Fahrzeuge rasen durch die Gassen, Kleinbusse mit geöffneten Türen und Polizisten drinnen. "Go!", "Go!" rufen Polizisten in Zivil mit der Pistole in der Hand den Nachtschwärmern zu. Der Taksim-Platz ist ein paar hundert Meter entfert, ebenso das deutsche Generalkonsulat und all die großen und kleinen Hotels. Bitte drinnen bleiben heißt es jetzt, nur runter von der Straße. An einer Anhöhe, von der aus das Stadion und das Blaulicht gut zu sehen ist, haben sich ein paar Touristen aufgebaut, um in "10.12.2016: Ich war dabei"-Mentalität, ein Grusel-Selfie zu machen. Sie lachen dabei sogar in die Handy-Kamera.

Anschlag in Istanbul

Abgesperrte Straßen, Verwüstung am Stadion

Und abends kommt dann die Gewalt

Geht es nach der türkischen Regierung, sollte an diesem Tag die "neue Türkei" wieder ein Stückchen mehr Form annehmen. Die alleinregierende islamisch-konservative AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat ein paar Stunden zuvor den Entwurf für eine Verfassungsänderung ins Parlament eingebracht. Erdoğan soll formal nun auch die Macht bekommen, die er faktisch längst ausübt. Das Land befindet sich im Übergang zu Präsidialsystem. "Wenn Gott will, wird dies der Beginn einer neuen Ära für die Türkei", sagte Erdoğan tagsüber in Istanbul. Und abends kommt dann die Gewalt.

Zunächst hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Wenn es aber Terror in der Türkei gibt, waren zuletzt vor allem zwei Gruppen dafür verantwortlich. Einerseits die Terrormiliz Islamischer Staat, andererseits die kurdische Terrororganisation PKK. Beide hatten angekündigt, das Land stärker ins Visier zu nehmen. Der Kurdenkonflikt ist wieder voll entbrannt und wird mittlerweile auch jenseits der türkischen Grenze ausgetragen. Der IS hat vor anderthalb Jahren damit begonnen, mit Anschlägen Kummer und Leid in die Türkei zu tragen.

Als wäre das alles nicht schon genug, kam auch noch der Putschversuch im Sommer aus Teilen des Militärs hinzu. Ein traumatisches Erlebnis. Folgt man der Regierung, war eine riesige Verschwörung im Gang. Seither gab es keinen Bombenterror. Aber auch der ist jetzt zurück.

Recep Tayyip Erdoğan Erdoğan will seine Macht per Verfassungsänderung massiv ausweiten
Türkischer Präsident

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Die Regierungspartei AKP hat einen Entwurf zur Einführung eines Präsidialsystems ins türkische Parlament eingebracht. Gegner warnen: So würde das Land "dem Willen einer einzigen Person ausgeliefert".

© SZ.de/jana
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