Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt Amri trainierte in Niedersachsen für IS in Syrien

Aus Ermittlungsakten geht hervor, dass die Behörden seit Sommer dieses Jahres Kenntnis davon hatten, dass Anis Amri über Anschlagspläne redete.

(Foto: dpa)
  • Ermittler haben an der Tür des beim Anschlag in Berlin eingesetzten Lastwagens die Fingerabdrücke des tatverdächtigen Anis Amri gefunden.
  • Dokumente der Ermittler weisen darauf hin, dass er möglicherweise eine Ausreise nach Syrien plante, um für den "Islamischen Staat" zu kämpfen.
  • Außerdem soll er vergangenes Jahr Teil einer Truppe gewesen sein, die sich für den Kampf in Syrien trainieren ließ.
Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Nico Fried, Berlin

Die Bundesanwaltschaft hat am Donnerstag Haftbefehl gegen den flüchtigen 24-jährigen Tunesier Anis Amri wegen des Lastwagen-Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt erwirkt. Das teilte eine Sprecherin der Behörde am Abend in Karlsruhe mit. Ermittler haben nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR an der Tür des beim Anschlag eingesetzten Lastwagens die Fingerabdrücke des 24-Jährigen gefunden. Das bestätigte am Nachmittag Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Er sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit der Täter".

Im Fahrerhaus des Lkw war zuvor ein Personaldokument des Tunesiers entdeckt worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lobte unterdessen die Reaktion der Bürger auf den Anschlag: "Ich bin in den letzten Tagen sehr stolz gewesen, wie besonnen die Menschen, die große Zahl der Menschen auf diese Situation reagiert", sagte sie in Berlin.

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Nach Amri läuft wegen des Anschlags mit zwölf Toten und etwa 50 Verletzten eine europaweite Großfahndung. Am Donnerstag wurden in NRW und in Berlin mehrere Wohnungen durchsucht. Zu Amris Aufenthaltsort gab es am Donnerstagabend keine Hinweise. Nach einem Bericht des rbb wurde er wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an einem Salafistentreffpunkt in Berlin gefilmt. Der Sender veröffentlichte Observationsbilder, die ihn vor einem Moschee-Verein zeigen sollen. Demnach wurde Amri am frühen Dienstagmorgen gefilmt, also knapp acht Stunden nach dem Anschlag. Die Berliner Polizei wollte den Bericht nicht kommentieren und verwies auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Aus Ermittlungsakten geht hervor, dass die Behörden seit Sommer Kenntnis davon hatten, dass Amri über Anschlagspläne redete. Ermittlungsakten zeigen, dass er etliche Monate im Umfeld des im November verhafteten Predigers Abu Walaa verkehrte, den ein Zeuge "den obersten Repräsentanten des IS in Deutschland" nennt. Amri gehörte nach Erkenntnis der Behörden nicht zum engsten Kreis der Organisation. Weil V-Leute aber im Umfeld Abu Walaas platziert wurden, verfügen sie nun auch über viel Material zu Amri.

In Berlin soll er observiert worden sein

Dokumente der Ermittler weisen darauf hin, dass er möglicherweise eine Ausreise nach Syrien plante, um für den "Islamischen Staat" zu kämpfen. Demnach hielt er sich häufiger in Niedersachsen auf, um sich Tipps für eine Ausreise geben zu lassen. So war er auch vergangenes Jahr Teil einer Truppe, die sich für den Kampf in Syrien trainieren ließ. Ausreisewillige unternahmen dabei Märsche mit schwerem Rucksack, um körperlich fit zu werden. Dennoch blieb Anis Amri in Deutschland.

Die Gruppe, in deren Umfeld er verkehrte, soll Anschläge in Deutschland einer Ausreise vorgezogen haben. Es war die Rede davon, Polizeireviere mit Handgranaten anzugreifen oder die Besatzung eines Streifenwagens zu erschießen. Die Behörden in NRW hatten Amri bis Februar 2016 beobachtet, weil er als "Gefährder" galt. In Berlin, wo er von Februar an lebte und wo ein Verfahren gegen ihn lief, soll er von März bis September observiert worden sein.

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