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Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt:Wieso lässt ein Terrorist seine Papiere am Tatort zurück?

Es spricht einiges dafür, dass der Verdächtige Anis Amri seinen Duldungsbescheid absichtlich in der Fahrerkabine des Lkws platziert hat.

Warum sollte ein Attentäter am Ort seines Verbrechens Papiere zurücklassen, die auf seine Identität hinweisen? Das ist eine Frage, die derzeit viele beschäftigt. Die Polizei hat in dem Lkw, mit dem auf einem Berliner Weihnachtsmarkt elf Menschen getötet und etliche weitere verletzt wurden, eine Duldungsbescheinigung entdeckt. Sie befand sich unter einem Sitz in der Fahrerkabine, in der auch das zwölfte Opfer, der polnische Fahrer, lag. Anhand des Dokuments konnten die Ermittler den Tunesier Anis Amri als Verdächtigen identifizieren.

War es ein Versehen? Oder hat der Terrorist gewissermaßen seine Visitenkarte hinterlassen, um keinen Zweifel an seiner Täterschaft aufkommen zu lassen?

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass solche Dokumente an einem Anschlagsort auftauchen. Said Kouachi, einer der beiden Terroristen, die im Januar 2015 den Anschlag auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo in Paris verübten, hatte seinen Ausweis im ersten Fluchtfahrzeug zurückgelassen. Ob es ein Versehen war, ist unbekannt - Kouachi konnte darüber keine Auskunft mehr geben, da er zwei Tage nach dem Anschlag von der Polizei erschossen wurde.

Im November 2015 wurde bei einem der Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in Paris ein syrischer Ausweis gefunden, der allerdings gefälscht war. Er und weitere Attentäter von Paris waren als Flüchtlinge nach Paris gekommen. Seine wahre Identität ist bis heute unbekannt.

Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt Rätsel um Anis Amri
Anschlag in Berlin

Rätsel um Anis Amri

Der neue Tatverdächtige des Anschlags in Berlin saß schon einen Tag in Abschiebehaft, galt als terroristischer Gefährder und stand unter Dauerbeobachtung. Bis er plötzlich verschwand.   Von Thorsten Denkler

Auch nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 waren Ausweispapiere von zwei der Attentäter gefunden worden. Wie es im Bericht der Untersuchungskommission hieß, waren allerdings sowohl der Pass von Satam al Suqami als auch der von Abdul Azis al Omari gefälscht oder manipuliert worden.

In manchen Fällen ist es Attentätern, auch Selbstmordattentätern, vermutlich schon deshalb wichtig, dass ihre Identität bekannt und bestätigt wird, weil sie hoffen, in die Geschichte einzugehen. Gelungen war das antiken Geschichtsschreibern zufolge bereits jenem Herostratos, der etwa 356 vor unserer Zeit den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand steckte - eines der damaligen sieben Weltwunder. Solche mörderische Geltungssucht wird auch dem norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik nachgesagt, der sich sogar die eigene Hinrichtung wünscht, um als Märtyrer gelten zu können.

Hoffnung auf Ruhm - und Versorgung der Angehörigen

Für viele Selbstmordattentäter kommt der Wunsch nach posthumem Ruhm in fundamentalistischen Kreisen dazu und das Bedürfnis, zum Vorbild für Gesinnungsgenossen zu werden. Dazu setzen sie allerdings eher auf Bekennervideos, wie es etwa bei etlichen IS-Terroristen der Fall war. Wo die Umstände dies nicht zulassen, könnten die Täter sich mit ihren Dokumenten "ausweisen".

Das Zurücklassen solcher Dokumente war bislang zwar keine bekannte Strategie des IS. Aber möglich sei es schon, so sagt der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven. "Wir kennen nicht alle taktisch-operativen Elemente des IS." Der Direktor des Instituts für Krisenprävention Iftus in Essen ist überzeugt, dass es sich jedenfalls nicht um eine Nachlässigkeit des Täters handelt. "Wenn so ein Anschlag vorbereitet wird, dann sind die Täter sorgfältig."

Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt Wieso der Lkw nicht sofort durchsucht wurde
Attentat in Berlin

Wieso der Lkw nicht sofort durchsucht wurde

Die Papiere von Anis Amri lagen in der Fahrerkabine - aber die Polizei fahndet erst seit der Nacht zum Mittwoch nach ihm.   Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo, Nicolas Richter und Ronen Steinke

Dass Terroristen eindeutig identifiziert werden wollen, hat etwa in den Palästinensergebieten allerdings auch noch einen völlig anderen Grund. Die Angehörigen von Attentätern gegen Israelis erhalten Unterstützung durch einen "Märtyrer-Fonds" der Palästinensischen Behörden. Das bestätigte jüngst das Auswärtige Amt nach einer Anfrage der Grünen im Bundestag: "Es gibt palästinensische Institutionen, die Zahlungen an Familien von in Israel Inhaftierten sowie an Familien von Verletzten und Getöteten leisten. Darunter sind auch Angehörige von Attentätern."

Möglicherweise Teil einer IS-Strategie

Warum aber lässt ein Täter eine Spur zurück, die direkt zu ihm führt, wenn er dann flieht? Diese Frage lässt sich zur Zeit nicht eindeutig beantworten. Eine Folge aber ist bereits sichtbar - und könnte sogar beabsichtigt gewesen sein: Dass der Attentäter als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, heizt die Debatte um muslimische Immigranten in Europa einmal mehr an. Und es ist bekannt, dass genau dies ein Teil der Gesamtstrategie des IS ist. "Je stärker der IS unter militärischen Druck kommt, desto stärker setzt er darauf, in Europa Anschläge zu verüben. Er versucht, den Terror zu exportieren, um Handlungs- und Funktionsfähigkeit zu demonstrieren", sagt Tophoven.

Einzelaktionen wie in Würzburg, Ansbach, Hannover und jetzt in Berlin sollen die Bevölkerungen in Angst versetzen - und Aversionen gegen Flüchtlinge und Muslime auslösen und verstärken. Das ist genau das, worauf der frühere Al-Qaida-Terrorist Abu Musab al-Suri hofft. Al-Suri gilt als einer der Masterminds hinter den Anschlägen von Madrid 2004 und London 2005. In seiner Propagandaschrift "Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand", veröffentlicht 2005, erklärte er, dass die Unterdrückung von Muslimen aufgrund des Terrors dazu führen werde, dass sich immer mehr Muslime auch im Westen dem bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen anschließen.

Angesichts von Äußerungen, mit denen etwa die AfD die Diskussion um Flüchtlinge weiter anheizt, scheine ein Teil dieser Strategie bereits zu greifen, sagt Tophoven.