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Anschläge in Norwegen:"Ich konnte ihn atmen hören"

Der Mann in Polizeiuniform und schusssicherer Weste ruft die Jugendlichen zusammen, um sie über die Bombenexplosion in Oslo zu informieren, berichten Überlebende später. Dann schießt er in die Menge. Die 15-jährige Elise erzählt, sie habe Schüsse gehört und im ersten Moment gedacht, sie sei sicher - schließlich steht da ein Mann in Polizeiuniform. Das Mädchen versteckt sich hinter dem Felsen, auf dem der Täter steht. "Ich konnte ihn atmen hören", sagt Elise. Mit ihrem Handy ruft sie ihre Eltern an und flüstert ihnen zu, was sie sieht. Die Eltern reden ihr gut zu, sagen, sie soll nicht in Panik geraten und schnell ihre helle Jacke ausziehen, alles wird gut werden.

Norwegen: Massaker auf Insel Utøya

Terror im Ferienparadies

Einige der Opfer versuchen, sich tot zu stellen, doch der Täter schießt viele nach einem ersten Schuss zusätzlich noch einmal in den Kopf, erinnert sich der 21-jährige Dana B. Der Attentäter ist mit einer Pistole und einem Gewehr bewaffnet. "Die Schüsse kamen mit etwa zehn Sekunden Zwischenraum", berichtet eine Überlebende, die sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt hatte. "Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich." Adrian P. erinnert sich, dass der Täter mehrfach schrie: "Ich bringe euch alle um. Alle müssen sterben."

Die von Kiefern bewachsene Insel Utøya ist gerade einmal 500 Meter lang. Den Teenagern bleiben nicht viele Möglichkeiten zur Flucht. Viele von ihnen stürzen sich in den See und versuchen, so dem Angriff zu entkommen. "Ich sah, wie sie ins Wasser sprangen, rund 50 Leute schwammen in Richtung Land", sagt die 42-jährige Anita L., die wenige hundert Meter entfernt wohnt. "Die Leute weinten, zitterten, waren völlig verängstigt. Und sie waren so jung, zwischen 14 und 19 Jahre alt."

Der Täter schießt auch auf die Menschen im Wasser. Lisa Irene J. erzählt später im norwegischen Fernsehen, wie sie sich schwimmend in Sicherheit gebracht hat. "Ich habe überlebt, weil Menschen kamen und mich in ihr Boot gezogen haben." Ihre Mutter hält sie während des TV-Auftritts fest im Arm. Torill H., die mit ihrem Motorboot Jugendliche aus dem Wasser holte, schildert, was für sie das Schlimmste war: "Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Es war so schrecklich, als ich den elften und zwölften abweisen musste."

Mehr als 80 Jugendliche schaffen es nicht zu entkommen, sie fallen den Schüssen zum Opfer. Etwa 50 Minuten, nachdem Urlauber die ersten Schüsse hörten, sei eine Spezialeinheit der Polizei in Oslo in Bewegung gesetzt worden, sagt Polizeichef Sveinung Sponheim. Die Beamten hätten sich in Autos auf dem Weg gemacht, da der Hubschrauber nicht sofort einsatzbereit gewesen wäre. Die Fahrt habe etwa 20 Minuten gedauert. Weitere 20 Minuten seien vergangen, bis die Beamten ein Boot aufgetrieben habe. "Es gab Probleme mit dem Transport nach Utoya", sagt Sponheim. "Es war schwierig, an ein Boot heranzukommen."

Die Bluttat habe etwa anderthalb Stunden gedauert. Der Mann habe sich bei seiner Festnahme nicht widersetzt: "Es musste kein Schuss abgegeben werden". Anders Behring Breivik ist ein 32-jähriger Norweger, der im Internet mit rechtsextremen Parolen aufgefallen ist, der Polizei aber bisher nicht bekannt war. Wenig später finden die Sicherheitskräfte nicht detonierten Sprengstoff auf der Insel. Bis tief in die Nacht sucht die Polizei von Booten und Hubschraubern aus, mit Scheinwerfern, Insel und See ab.

Die Zahl der bestätigten Todesopfer steigt immer weiter an. Angehörige treffen bei einem nahegelegenen Hotel ein, um die Überlebenden abzuholen. Als klar wird, dass Ministerpräsident Jens Stoltenberg bei dem Sommerlager der sozialdemokratischen Regierungspartei am Samstag eine Rede halten sollte, stellt die Polizei einen Zusammenhang zu dem Anschlag in Oslo her. Die New York Times berichtet unter Berufung auf den Terrorexperten Will McCant, eine Gruppe namens Ansar al-Jihad al-Alami, ("Helfer des globalen Dschihad") habe sich zu den Anschlägen bekannt.

Die norwegischen Ermittler bezweifeln jedoch von Beginn an, dass der internationale Terrorismus etwas mit den Attentaten zu tun hat. Wahrscheinlicher ist, dass sich der Anschlag gegen das derzeitige politische System wendet, heißt es. Die Polizei durchsucht die Wohnung des Terrorverdächtigen, den sie für beide Taten verantwortlich macht. Sie schätzt ihn als christlichen Fundamentalisten mit rechten politischen Überzeugungen ein.

"Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität", sagt Ministerpräsident Jens Stoltenberg auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Justizminister Knut Storberget. Norwegen sei eine kleine, aber stolze Nation. "Niemand wird uns mit Bomben zum Schweigen bringen. Niemand wird uns mit Kugeln zum Schweigen bringen." Noch in der Nacht besucht Stoltenberg, der als Jugendlicher selbst oft auf Utøya war, Verletzte beider Anschläge im Krankenhaus.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikel war von 93 Toten die Rede. Am Montag hat jedoch die norwegische Polizei ihre früheren Angaben korrigiert: Demnach wurden auf der Insel Utøya 68 Menschen getötet, bislang war von 86 Toten die Rede gewesen. Dagegen stieg die Zahl der Toten bei dem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel von sieben auf acht.