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Anhänger von Donald Trump:"Wir lieben die Idee, Amerika zu lieben"

Wütend? Das sind die Trump-Fans. Dumme Rassisten? Eher nicht. Sie fürchten den sozialen Abstieg, doch der Republikaner gibt ihnen Hoffnung. Fünf Lehren aus einem Abend mit Trump-Fans.

Von Matthias Kolb, Harrisburg

Die T-Shirts mit den drei Buchstaben "M.A.G." sind unübersehbar. Dutzende, die Donald Trump in Harrisburg sehen wollen, tragen die schwarzen Hemden mit dem "Make America Great"-Motto. Damals steht Trump noch nicht als Präsidentschaftskandidat fest, doch die Fans des Republikaners, mit denen ich spreche, platzen fast vor Selbstbewusstsein.

"M.A.G." ist der Name des örtlichen Trump-Fanclubs, der sich via Facebook organisiert, erklärt mir Gründer Steve Johansen. Neben Michigan und Ohio ist Pennsylvania einer jener Bundesstaaten, wo viele Industriejobs abgebaut wurden und Fabriken vor sich hinrosten. Ohne Erfolge im Rust Belt kommt Trump nie ins Weiße Haus. Um zu verstehen, wieso der Milliardär hier so gut ankommt, reise ich Ende Mai nochmals nach Harrisburg.

In der Bar "Flinchy's", die dem zweiten Gründer der Gruppe gehört, treffen sich etwa zwei Dutzend Mitglieder. Alle sind weiß, die Männer in der Überzahl und ihr Alter reicht von Mitte 20 bis über 70. Alle sind höflich, die Stimmung ist offen und in der vierstündigen Diskussion geht es mehrmals um Europas Flüchtlingskrise, Syriens Bürgerkrieg und Deutschland.

Diese fünf Punkte sind mir am stärksten in Erinnerung geblieben:

1. Einwanderung ist das wichtigste Thema - aber nicht unbedingt die Mauer

Ähnlich wie beim Brexit-Referendum dominiert das Thema Einwanderung die Diskussion in der konservativen Hälfte Amerikas. Ein Mann Anfang 30 sagt:

"Wenn ich meine zweijährige Tochter sehe, dann frage ich mich: Wie wird unser Land in zwanzig Jahren sein, wenn weiter alle Leute einfach über unsere Grenze im Süden gehen können und sofort Geld vom Staat kriegen? Wir brauchen eine Mauer oder irgendetwas."

Wann immer ich mit Republikanern über Migration rede, spüre ich eine große Unsicherheit. Die Angst vor globalem Terrorismus (Können nicht auch IS-Terroristen über die Grenze kommen?) ist unter ihnen viel höher als unter Demokraten. Wie Steve Johansen betonen viele, die USA nicht abschotten zu wollen, doch die Regierung müsse die Kontrolle behalten: "Ein Land muss seine Grenzen bewachen, wir können nicht alle reinlassen. Ich bin für legale Einwanderung - meine Großeltern kamen aus Italien und Norwegen und wurden auf Ellis Island überprüft."

Evan McLaren bestätigt meinen Eindruck, dass sich auch die "M.A.G."-Fans nicht einig sind, wie das Problem zu lösen sei. Manche wirken, als würden sie die Steine der Mauer am liebsten selbst stapeln, während andere sie eher für ein äußerst wirksames Symbol halten. Jura-Student McLaren bewundert Trump für seine klare Position.

"Uns ist allen klar, dass dieses Thema enorm wichtig ist. Trump war der Erste, der auf nationaler Ebene darüber geredet hat. Die Wähler sind stinksauer, dass die Abgeordneten immer ausweichen. Auch als alle Trump attackiert haben, ist er bei seiner Meinung geblieben. Es ist nicht alles perfekt, was er vorschlägt. Aber als ich gesehen habe, dass er dem Druck standhält, hatte er mein Vertrauen gewonnen."

2. Ihre Treue zum Milliardär scheint unzerstörbar

McLaren und Johansen gehören zu jenen Trump-Fans, denen die "Mexiko schickt Vergewaltiger"-Sprüche nicht gefallen. Auch bei Donald Trump ist es nicht anders als bei den übrigen Kandidaten in aller Welt: Nicht alle Anhänger finden jede seiner Aussagen uneingeschränkt gut. Johansen glaubt, dass der Republikaner nach seiner Wahl die Mauer bauen werde, doch er sagt:

Trump-Fan Steve Johansen im Wahlkampf-Büro in Harrisburg, das er mitaufgebaut hat.

(Foto: Matthias Kolb)

"Ich glaube nicht, dass Trump elf Millionen Menschen deportieren wird. Ich sage offen, dass ich manches nicht so gesagt hätte. Wir müssen wissen, wer in die USA einreist, aber es ist falsch, dies an Muslimen festzumachen und einen Einreisestopp zu fordern. Ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit der Muslime gute Leute sind."

Dass Trump, der "Anwalt der kleinen Leute", mit Steven Mnuchin einen Hedgefonds-Investor zum Chef-Spendensammler ernannt hat und nun eng mit jenen Republikaner-Funktionären kooperiert, die er einst als "korrupt" beschimpfte, lässt Johansen nicht zweifeln: "Er weiß als Geschäftsmann, dass man außergewöhnliche Dinge tun muss, um zu gewinnen."

3. Trump-Events schaffen enormes Gemeinschaftsgefühl

Zwischen meinem Besuch in der Flinchy's-Bar und dem Auftritt des 70-Jährigen liegen mehrere Wochen, doch die Begeisterung hält noch immer an. Lisa Vranicar-Patton ist 49 und spricht von einem "Lovefest":

Dieses Foto mit ihrem Idol Donald Trump ziert das Facebook-Profil von Lisa Vranicar-Patton aus Pennsylvania.

"Die Menschen im Publikum lieben die Idee, Amerika zu lieben. Wir Trump-Fans fühlen uns so patriotisch, wir rufen "USA USA" und leisten den Treue-Eid auf die Fahne. Ich kriege Gänsehaut, wenn 10 000 Leute das machen. Ich habe geweint, wie die Frau neben mir. Es war ein Wahnsinnsmoment."

Wer nur die Ausschnitte von Trump-Auftritten sieht, bei denen er andere beleidigt, bekommt einen falschen Eindruck. Bei den acht Events, die ich besucht habe, war die Stimmung nie wirklich aggressiv und oft lachen auch Journalisten. Schon im Februar erklärte mir Ex-Redenschreiber Barton Swaim, wieso es schwer sei, Trump zu hassen: "Wer jemanden zum Lachen bringt, dem gehört die Sympathie des Zuhörers."

In Pennsylvania wird mir klar, dass Trump bei seinen Anhängern viel Optimismus auslöst (ähnliches hörte ich 2012 nie von Romney-Fans). Der 36-jährige Eric Thomas schwärmt vom Gemeinschaftsgefühl:

"Es herrscht eine besondere Stimmung voller Energie bei seinen Events. Man spürt, dass man nicht verarscht wird. Und du hast ja das Publikum gesehen: Es kommen Latinos, es kommen Schwarze, es kommen Weiße, auch Frauen und Kinder. Wenn ich bei seinem Auftritt einen Schwarzen sehe, dann denke ich nur eins: 'Da steht ein weiterer Trump-Fan, der wie ich Amerikaner ist.'"

Wie unterschiedlich die Veranstaltungen von Donald Trump sein können, zeigten zuletzt zwei Artikel. Dem Schriftsteller Dave Eggers zufolge war die Stimmung im kalifornischen Sacramento so "friedlich und patriotisch wie ein Picknick am 4. Juli, dem Nationalfeiertag". Jay Sexton dokumentierte durch Tweets einen Trump-Auftritt in South Carolina: Er spricht von "beiläufigem Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und simpler Hässlichkeit".

4. Sie fühlen sich im Stich gelassen - von allen Politikern

Bob Hirsch erzählt, dass er früher immer die Demokraten gewählt habe, genau wie seine Eltern. Die sind Clinton-Fans, während sein Sohn Bernie Sanders bewundert und nicht versteht, dass Vater Bob seinen Truck mit Trump-Sprüchen verziert. Für den 54-jährigen Hirsch, der sich als arm bezeichnet, geht es mit Amerika nur noch bergab:

"Hier in der Gegend hat jede Familie seit 2008 etwa 7000 Dollar Jahreseinkommen verloren. Als das Nafta-Freihandelsabkommen kam, sagten sie uns: Alles wird gut. Ich habe damals vergebens in der Gewerkschaft gekämpft. Heute sind die Industriejobs weg und es gibt nur noch Dienstleistungen. Aber der Lohn bei McDonald's reicht nicht aus."

Früher gab es in Hirschs Heimatort vier T-Shirt-Fabriken, doch sie sind längst geschlossen. Hirsch, an dessen Halskette ein Kreuz hängt, klagt darüber, dass viele Familien zerbrechen. Weil die Mütter arbeiten müssten, seien die Kinder oft allein und gerieten auf die schiefe Bahn. Die Zahl der Drogentoten ist so enorm gestiegen, dass das Thema im US-Wahlkampf dauerpräsent ist: Und nirgends sterben mehr Männer an einer Überdosis als in Pennsylvania.

Neben Wut ist Nostalgie ein Gefühl, das bei vielen Trump-Fans ständig spürbar ist. Dass der Polit-Neuling so viel Unterstützung findet, liegt auch daran, dass viele konservative Amerikaner wie Steve Johansen nicht nur sauer auf die Demokraten sind:

"Die Republikaner haben gesagt: Wir brauchen die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus, um Obama zu stoppen. Seit 2015 kontrollieren sie den Kongress - und nichts wird anders. Eigentlich müssten die Republikaner "Democrats light" heißen. Zu viele Abgeordnete sind abhängig vom Geld der Lobbyisten."

Beim Auftritt von Trump in Harrisburg ist Sexismus unübersehbar: T-Shirts mit Sprüchen wie "Trump that Bitch" sind der Renner (mehr im US-Blog). Auf den Hemden von M.A.G. steht "Hillary for Prison", denn die E-Mail-Affäre um Clintons Privatserver halten sie für skandalös. Johansen formuliert es so:

"Sie verkörpert das System, das uns so viele Probleme schafft. Die Clintons haben nie etwas in der Privatwirtschaft erreicht. Washington erinnert mich an den 'Zauberer von Oz', da ist nichts echt. Die Leute dort sind niemand Rechenschaft schuldig, aber sie haben die beste Krankenversicherung, die besten Renten, von allem das Beste."

5. Sie spüren eine persönliche Beziehung zu Trump

Dies ist der wohl erstaunlichste Teil: Fast jeder Trump-Fan, mit dem ich spreche, hat eine besondere Verbindung zum Milliardär. M.A.G.-Gründer Johansen arbeitet auch in der Immobilienbranche (als Makler). Eric Thomas sagt, dass Trump immer da gewesen sei: "Ich war fünf, als ich seinen Namen das erste Mal gehört habe, mit 13 habe ich das erste Buch von ihm gelesen." All die angeblichen Skandale interessieren den 36-jährigen Thomas nicht, denn darüber hätten die Boulevardmedien längst berichtet.

Lisa Vranicar-Patton hat Politik studiert und betreibt zwei Eislaufbahnen. Sie bewundert Trump, seit dieser in den Achtzigern eine Eislaufbahn im Central Park renoviert hat. Vranicar-Patton kennt die Trainer der Trump-Kinder: "Sie waren äußerst wohlerzogen, sagen meine Freunde." Dies sei nicht normal in diesen Kreisen, denn viele junge Eisläufer hätten reiche Eltern und seien verzogen. Für abgehoben hält die 49-Jährige Trump aber nicht:

"Er ist authentisch, weil er Macken hat wie wir. Wir haben alle Pleiten erlebt genau wie er, aber er gibt nicht auf. Kein Mensch ist perfekt, und Trump steht zu seinen Fehlern und macht weiter. Und die Frauen lieben ihn. Schülerinnen, Rentnerinnen, alle finden ihn toll."

Die Hauptmotivation, wieso sich Lisa Vranicar-Patton auch weiter als Freiwillige für Trump engagieren wird, liegt an ihrem Sohn. Dieser kam als Soldat schwer verwundet aus Afghanistan zurück. Regelmäßig erfahre er von Selbstmorden seiner Kameraden: "Diese neue Generation an Veteranen braucht Hilfe. Nur Trump versteht das." Ähnlich denkt Bob Hirsch, der mit einer Kirchenorganisation Ex-Soldaten hilft: "Trump verspricht, dass jeder Veteran zu jedem Arzt gehen kann und nichts bezahlen muss."

© SZ.de/ghe

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