bedeckt München
vgwortpixel

Amnesty-Bericht:Zehntausende in Syrien verschleppt und verschwunden

Syrian detainees, who were arrested over participation in the protests against Syrian President Bashar al-Assad's regime,are seen walking at the Damascus police leadership building to sign their release papers

Zehntausende habe das Assad-Regime verschleppt, berichtet Amnesty International. Das Plakat des Diktators hängt vor einem Polizeigefängnis in Damaskus.

(Foto: REUTERS)
  • Mehrere zehntausend Menschen sind im syrischen Bürgerkrieg von Regierungskräften verschleppt worden, meldet Amnesty International.
  • Inzwischen existiert ein Schwarzmarkt, auf dem Angehörige der Opfer für Informationen über deren Verbleib bezahlen.

Zehntausende von Menschen sind in Syrien von Regierungskräften verschleppt worden und bis heute verschwunden. Das berichtet Amnesty International (AI). Der Report der Menschenrechtsorganisation spricht von systematischen, fast alltäglichen Menschenrechtsverletzungen des Assad-Regimes, dessen Militär, Geheimdienste, aber auch Milizen wie die Schabiha immer wieder Menschen mit Gewalt aus ihren Häusern, Büros oder aus ihren Autos geholt hätten und verschwinden ließen.

Der Bericht bestätigt frühere Vorwürfe, die 2014 bereits zu einer Resolution des UN-Sicherheitsrates geführt haben. Er passt auch zu den Fotos von etwa 11 000 Toten, die ein Fotograf der syrischen Militärpolizei aus dem Land geschmuggelt hat. Offenbar wurden sie von Sicherheitskräften getötet - viele, nachdem sie zuvor gefoltert wurden.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Amnesty selbst befragte in den vergangenen Monaten 71 aus Syrien geflohenen Menschen, die über das Verschwinden von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen berichten konnten. Außerdem befragte die Organisation acht Syrer, die verschleppt wurden, dann aber wieder frei kamen. Zudem informierte sich die Organisation bei 14 internationalen und nationalen Experten. Auf der Grundlage der Gespräche, früherer Untersuchungen und den Berichten anderer Beobachtungsgruppen kommt AI zu dem Schluss, dass die Verschleppungen seit 2011 "Teil eines von der Regierung organisierten Angriffs auf die Zivilbevölkerung sind, der so breit angelegt und systematisch war, dass es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt".

Bürgerkrieg in Syrien Menschliche Schutzschilde - öffentlich ausgestellt
Bürgerkrieg in Syrien

Menschliche Schutzschilde - öffentlich ausgestellt

Syrische Aufständische sperren offenbar gefangene Soldaten der Regierungsarmee in Käfige, die sie auf öffentlichen Plätzen aufstellen. Das Assad-Regime soll so von Luftangriffen abgehalten werden.   Von Markus C. Schulte von Drach

Eine Quelle, auf die sich Amnesty beruft, ist das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, eine Gruppe von Oppositionellen, die etliche Kontakte in dem Bürgerkriegsland aufrecht erhalten. Das Netzwerk hat die Namen von insgesamt mehr als 65 000 Menschen identifiziert, die offenbar zwischen März 2011 und August 2015 verschleppt wurden und bis heute nicht wieder aufgetaucht sind - darunter 58 000 Zivilisten. Unter den Opfern waren zu Beginn des Konflikts demnach vor allem Demonstranten, politische und Menschenrechtsaktivisten, Ärzte. Dann begann das Regime, auch Soldaten und Regierungsmitarbeiter sowie deren Familienmitglieder zu verschleppen, bei denen der Verdacht bestand, sie wären abtrünnig.

Inzwischen hat das "System der Verschleppung" soweit um sich gegriffen, dass die Verantwortlichen es zum Teil für ihren eigenen Vorteil nutzen - sei es, um gezielt Menschen unter Druck zu setzen, sei es, um damit Geld zu machen. Da Familienmitglieder damit rechnen müssen, selbst zu verschwinden, wenn sie nach ihren Angehörigen fragen, wenden sie sich an Mittelsmänner mit Verbindungen zu den Behörden. Diese kaufen und verkaufen Informationen über verschleppte Häftlinge.