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Al-Qaida nach dem Tod Bin Ladens:Die neue Nummer eins

Zwanzig Jahre lang war er der Stellvertreter Bin Ladens - nach dem Tod des Al-Qaida-Chefs übernimmt Aiman al-Zawahiri wohl die Führung. Die Zentrale des Terrornetzwerks scheint geschwächt - ihre regionalen Ableger sind es nicht. Und Bin Laden wird auch als Märtyrer eine Ikone der Terroristen bleiben.

Janek Schmidt

Das Treffen sollte Klarheit bringen über die Zukunft des Heiligen Kriegs. Mehr als 50.000 sowjetische Soldaten hatten sich in jenem Sommer 1988 bereits aus Afghanistan zurückgezogen, die restlichen sollten bald folgen. Also rief Scheich Abdullah Azzam, der den Einsatz arabischer Kämpfer in Afghanistan koordinierte, zu einer Zusammenkunft in der nordpakistanischen Stadt Peschawar. Es war der 11. August 1988, als sich die wichtigsten arabischen Gotteskrieger trafen und die Strategie festlegten für eine Gruppe, die in Zukunft al-Qaida (die Basis) heißen sollte.

Nach zwanzig Jahren als Stellvertreter Bin Ladens wird er wohl die neue Nummer eins des Terrornetzwerks: Der Ägypter Aiman al-Zawahiri.

(Foto: AFP)

In dieser neuen Organisation vereinten sich drei Stärken der arabischen Kämpfer: die Kontakte des sogenannten Dienstleistungsbüros, über das Azzam arabische Rekruten für den Krieg in Afghanistan organisierte; das Geld des reichen saudischen Unternehmersohns Osama bin Laden, sowie die Kampferfahrung ägyptischer Islamisten aus der Terrorgruppe Egyptian Islamic Jihad unter der Führung von Aiman al-Zawahiri. Nachdem Azzam ein Jahr später bei einem mysteriösen Anschlag starb, war endgültig klar, wer bei al-Qaida das Sagen haben würde: der Terror-Financier Bin Laden und sein ägyptischer Stellvertreter Zawahiri.

Zwar ist die Personalstruktur von al-Qaida zu großen Teilen fließend. So bezeichneten etwa die USA seit 2003 mindestens fünf verhaftete oder getötete Islamisten als mutmaßliche "Nummer 3". Doch bestand die Doppelspitze des Netzwerks seit mehr als 20 Jahren. Da bei dem Angriff auf Bin Ladens Versteck in der Nacht zum Montag keine Rede von Zawahiri war, mutmaßen viele Beobachter, dass er unversehrt ist und nach dem Tod Bin Ladens an die Spitze von al-Qaida aufrücken wird. Doch fragen sie zugleich, ob der als Stratege bekannte Islamist fähig sein wird, das zersplitterte Netzwerk zu führen.

Der stille Medizinstudent

Gewisses Ansehen zieht Zawahiri daraus, dass er wie Bin Laden berühmte Vorfahren hat: Sein Großvater mütterlicherseits war Präsident der Universität Kairo und sein Großonkel väterlicherseits sogar Rektor der Al-Azhar-Universität, der angesehensten Bildungseinrichtung der islamischen Welt.

So wuchs er in einem wohlhabenden Vorort von Kairo als fleißiger, stiller Schüler und späterer Medizinstudent auf, in einer Zeit, in der viele Ägypter versuchten, sich von der politischen und sozialen Dominanz des Westens zu lösen. Dabei geriet auch er unter den Einfluss der Muslimbrüder und ihres Vordenkers Sayyid Qutb, der Zawahiris Denken prägte.

Mit dem Ziel, einen islamischen Staat in Ägypten zu gründen, trat Zawahiri in den siebziger Jahren der neuen Terror-Gruppe Egyptian Islamic Jihad bei, die 1981 Präsident Anwar al-Sadat ermordete. Zusammen mit 300 anderen Verdächtigen wurde Zawahiri festgenommen und blieb drei Jahre in Haft, bis er 1985 über Saudi-Arabien nach Pakistan ausreiste. Dort half er als Chirurg und zunehmend als Stratege für arabische Kämpfer im Krieg gegen die Sowjetunion und stieg auf bis zum Vertreter Bin Ladens.

Da al-Qaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan und Pakistan zunehmend unter Druck geriet, verringerte sich der planerische Einfluss von Zawahiri und Bin Laden. Das letzte Mal, dass sich beide zusammen öffentlich zeigten, war in einem Video, das der Sender al-Dschasira am 10. September 2003 ausstrahlte.

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