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Afghanistan: Taliban ermorden Ärzte-Team:Berlin verurteilt "feigen Mord"

Die Bundesregierung hat den Tod einer deutschen Medizinerin in Afghanistan bestätigt. Während Berlin auf eine Bestrafung der Täter dringt, fordert die Opposition nach dem Angriff auf das internationale Ärzteteam politische Konsequenzen.

Entsetzen in Deutschland nach dem Mord an einem Ärzteteam in Afghanistan: Zehn von Kugeln durchsiebte Leichen sind in einem entlegenen Berggebiet im Nordosten des Landes gefunden worden. Wie die Bundesregierung inzwischen bestätigte, befand sich unter ihnen auch eine deutsche Medizinerin.

Debatte um Afghanistan-Einsatz flammt wieder auf

Nach der Ermordung einer deutschen Medizinerin in Afghanistan flammt die Debatte um den Afghanistan-Einsatz wieder auf.

(Foto: dpa)

Die Regierung äußerte sich empört über den Anschlag im Nordosten Afghanistans und spricht von "feigem Mord". Sie dringe auf "gründliche Aufklärung der Umstände" und gemeinsam mit den afghanischen Behörden auf eine Bestrafung der Verbrecher, erklärte die Sprecherin der Bundesregierung in Berlin.

Zuvor hatte der Leiter der christlichen International Assistance Mission (IAM) erklärt, unter den Toten seien eine Deutsche, eine Britin und sechs US-Bürger, die für die Organisation gearbeitet hätten. Dagegen hatte die afghanische Polizei zunächst von sechs deutschen Toten und zwei getöteten US-Bürgern gesprochen. Sie schilderte eine regelrechte Hinrichtung, zu der sich die radikalislamischen Taliban bekannten. Das christliche Hilfswerk ist nach eigenen Angaben seit mehreren Jahrzehnten in Afghanistan tätig.

Hans-Peter Friedrich, CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, forderte in Hinblick auf die Ereignisse mehr Härte gegen Aufständische. "In Afghanistan herrschen kriegsähnliche Zustände. Dort geht es jeden Tag um das Leben unserer Soldaten und der Angehörigen von Hilfsorganisationen", sagte Friedrich. "Deshalb muss man gegen die Drahtzieher der Aufständischen mit aller Härte vorgehen."

Angespannte Situation

Die Situation im Norden Afghanistans sei außerordentlich angespannt. Der CSU-Politiker war erst am Freitagabend von einem gemeinsamen Besuch mit dem CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder aus Afghanistan zurückgekommen. Er hatte sich dort über die Einsatzbedingungen der Bundeswehr informiert.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin zeigte sich entsetzt über die Tötung der ausländischen Helfer. "Wir sind tief erschüttert über die Ermordung von Ärzten und Angehörigen von Hilfsorganisationen in Afghanistan", erklärte Trittin in Berlin. Ihr Tod zeige, wie weit das Land immer noch von einer Stabilisierung entfernt sei.

Trittin fügte hinzu: "Die Bundesregierung muss endlich klar machen, was sie bis zum Abzug der internationalen Kampftruppen 2013/2014 dort noch erreichen will an zivilem Aufbau, an Polizeiausbildung, und zu welchen Bedingungen sie einen politischen Kompromiss mit den Taliban schließen will."

Grausamer Alltag

Die Linken-Vorsitzende Gesine Lötzsch forderte den deutschen Abzug aus dem Land. "Unsere Trauer und unser Mitgefühl gilt den toten Ärzten und ihren Angehörigen", erklärte Lötzsch am in Berlin. "In Afghanistan herrscht Krieg, er ist grausamer Alltag. Er führt uns in jedem Augenblick vor Augen, wie grundsätzlich falsch die Politik dieser und vorheriger Bundesregierungen war und ist", fügte Lötzsch an. Im Interesse der Bevölkerung, der Entwicklungshelfer sowie der deutschen Soldaten müsse die Bundeswehr sofort aus Afghanistan abgezogen werden.

Der Überfall auf die Zivilisten-Gruppe soll bereits vor zwei Wochen stattgefunden haben. Da die Gegend jedoch so abgelegen sei, habe man die Leichen erst am Donnerstag entdeckt, sagte der zuständige afghanische Polizeichef. Die Gruppe habe im Grenzgebiet zu Pakistan gezeltet. Die Leichen, darunter mindestens drei Frauen, seien neben den Geländewagen der Opfer gefunden worden.

Warum die Taliban sich erst jetzt zu dem Angriff auf die Ausländer bekennen, bleibt unklar. Der Polizeichef wollte auch einen Raubmord nicht ausschließen. Mehrere Agenturen berichten übereinstimmend, Ausrüstung, Geld und Ausweispapiere seien gestohlen worden. "Wir konnten keine Ausweise oder etwas in der Art finden", zitiert apn den Polizeichef. "Es wurde nichts zurückgelassen."

© sueddeutsche.de/APN/AFP/dpa/holz/cgr
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