Großbritannien:Strand statt Büro - Außenminister in Bedrängnis

Britain's Foreign Secretary Raab arrives at the Foreign, Commonwealth and Development Office in London

Erst im Urlaub, dann schnellen Schrittes ins Büro: der britische Außenminister Dominic Raab (im weißen Hemd) am 20. August bei der Ankunft in seinem Ministerium.

(Foto: PETER NICHOLLS/REUTERS)

Als Kabul fiel, machte der britische Außenminister Dominic Raab weiter Urlaub auf Kreta. Nun fordert die Opposition seinen Rücktritt.

Von Alexander Mühlauer, London

An jenem Wochenende, als die Taliban in Kabul einmarschierten, war Dominic Raab in einem Fünf-Sterne-Resort auf Kreta. Der britische Außenminister verbrachte dort seinen Sommerurlaub. Noch am vergangenen Sonntag wurde er laut Medienberichten am Strand gesichtet. Erst am Montag saß Raab wieder an seinem Schreibtisch in London. Da hatten die Taliban bereits die Kontrolle über die afghanische Hauptstadt erlangt.

Dass der Außenminister es nicht für nötig gehalten hatte, sein Urlaubsdomizil früher zu verlassen, löste in dieser Woche massive Kritik in Westminster aus. Die größten Oppositionsparteien forderten Raabs Rücktritt. So sprach etwa die für Außenpolitik zuständige Labour-Abgeordnete Lisa Nandy von einem "unverzeihlichen Versagen" des Tory-Ministers: "Während britische Truppen nach Afghanistan flogen, um Menschen zu retten, weigerte sich Dominic Raab, seinen Sommerurlaub zu unterbrechen. Die Nachlässigkeit der Regierung wird Menschenleben kosten."

Der Außenminister ließ jegliche Rücktrittsforderungen an sich abprallen. Zu Beginn der Woche gab er allerdings in einem Interview mit der BBC zu, dass er im "im Nachhinein" natürlich nicht in den Urlaub gefahren wäre, wenn er gewusst hätte, wie schnell die Taliban in Richtung Kabul vorrücken würden. Und selbst als er in Griechenland war, habe er "ständig Meetings abgewickelt und mit ausländischen Gesprächspartnern gesprochen".

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Ein Telefonat wollte Raab jedoch offensichtlich nicht führen. Obwohl ihn hochrangige Beamte am vergangenen Freitag vor dem Fall Kabuls darum baten, mit dem afghanischen Außenminister über die dringende Evakuierung von Ortskräften zu sprechen, soll Raab den Anruf an einen Vertrauten delegiert haben. Laut Daily Mail beharrte die afghanische Seite aber darauf, mit dem Minister selbst zu sprechen.

Das Außenministerium teilte am Freitag mit, dass das Telefonat am Ende gar nicht stattgefunden habe. "Angesichts der sich rasch verändernden Situation war es nicht möglich, einen Anruf vor dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung zu vereinbaren", sagte ein Ministeriumssprecher. Verteidigungsstaatssekretär James Heappey erklärte in der BBC, dass "kein einziger Anruf etwas an der Geschwindigkeit des Zusammenbruchs der afghanischen Regierung oder an der Geschwindigkeit, mit der wir die Luftbrücke in Gang setzen konnten, geändert hätte".

Am Freitag berichtete die Times, dass nicht nur Raab während der Machtübernahme der Taliban im Urlaub war. Gleich drei Spitzenbeamte des Außen-, Innen- und Verteidigungsministeriums seien nicht im Dienst gewesen. Dies dürfte die ohnehin harsche Kritik an der Regierung auch innerhalb der Konservativen Partei weiter anheizen.

Bei einer Sondersitzung des britischen Unterhauses in dieser Woche machte eine Vielzahl von Tory-Abgeordneten ihrem Unmut Luft. So fragte etwa die frühere Premierministerin Theresa May: "Wo ist Global Britain auf den Straßen von Kabul?" Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, Tom Tugendhat, ging hart mit der Regierung ins Gericht. Der Westen habe seine Entschlossenheit und Geduld verloren, Kriege zu gewinnen, sagte der Afghanistan-Veteran. Der Tory-Politiker forderte mit Blick auf den Truppenabzug der USA eine Allianz von Staaten, die "nicht von einem einzigen Verbündeten abhängig ist".

Tugendhat war es auch, der am Wochenende vor Raabs Rückkehr aus Kreta ziemlich klare Worte zu dessen Verhalten fand. Er wisse nicht, wie die Regierung auf die Krise in Afghanistan regieren werde, sagte er, "denn wir haben seit einer Woche nichts mehr vom Außenminister gehört, obwohl dies die größte politische Katastrophe seit Suez ist".

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