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Afghanistan:Präsident Karsai verurteilt Nato-Luftangriff

"Angriffe auf Zivilisten sind unannehmbar" - so beschwert sich der afghanische Präsident Karsai über einen Nato-Luftangriff auf Geheiß der Bundeswehr. Bei der Attacke auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen sind offenbar auch Zivilisten gestorben. Franz Josef Jung (CDU) verteidigt die Entscheidung der Bundeswehr.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat den Nato-Luftangriff auf zwei Tanklastwagen mit Dutzenden Toten verurteilt. Angriffe auf Zivilisten seien "in jeder Form unannehmbar", erklärte Karsai am Freitag in der Hauptstadt Kabul. Bei dem von der Bundeswehr angeforderten Angriff wurden laut Karsais Büro in der Nähe der Stadt Kundus 90 Menschen getötet oder verletzt. Der Präsident kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an.

Bei dem Nato-Luftangriff im Einsatzbereich der Bundeswehr in Afghanistan sind auch viele Zivilisten verletzt worden. Ein Nato-Sprecher sagte, die Verletzten würden in nahegelegenen Krankenhäusern behandelt. Zunächst hatte es bei der Internationalen Schutztruppe Isaf geheißen, es seien bei dem Angriff 50 Taliban-Kämpfer getötet worden und keine Zivilisten zu Schaden gekommen.

Anwohner berichteten, in dem gigantischen Feuerball seien auch Zivilisten ums Leben gekommen. "Mehr als 150 Menschen wurden getötet oder verletzt", sagte ein Dorfbewohner namens Nadschibullah. "In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten." Sein 20-jähriger Cousin sei unter den Toten. Die Dorfältesten planten, nach der Beerdigung der Opfer nach Kundus-Stadt zu reisen und sich dort über den Angriff zu beschweren.

Der Sprecher der Provinzregierung, Mahbubullah Sajedi, geht davon aus, dass unter den Opfern auch Kinder seien, die aus den in einer Sandbank an einem Fluss festgefahrenen Lastern Benzin abzapfen wollten. Ein Sprecher des afghanischen Gesundheitsministeriums sagte, "zwischen 200 und 250" Dorfbewohner hätten sich um die Laster geschart. Daher werde eine "große Zahl" von Zivilisten unter den Toten und Verletzten befürchtet.

Kostenloses Benzin

Ein Augenzeuge sagte, die Taliban hätten die Bewohner aufgefordert, kostenlos Benzin aus den Lkw zu zapfen. Daher hätten sich Hunderte Dorfbewohner mit Kanistern und Flaschen um die Tanklaster geschart, als es zu dem Angriff kam.

Ein weiterer Dorfbewohner namens Mohammad Anwer, der seine Neffen am Freitag ins Krankenhaus nach Kundus-Stadt brachte, sagte unter Tränen: "Mein Bruder und seine zwei Söhne gingen in die Gegend, um zu sehen, was passiert. Mein Bruder wurde schwer verbrannt und ist gestorben. Jetzt habe ich seine beiden Söhne mit Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht."

Die Isaf kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an. Präsident Karsai forderte erneut, im Kampf gegen die Taliban-Rebellen müsse der Schutz der Zivilbevölkerung absoluten Vorrang haben.

Der Angriff in der nordafghanischen Provinz Kundus in der Nacht galt der Zerstörung zweier gekaperter Tanklastzüge, die von den Taliban für Selbstmordanschläge hätten genutzt werden können.

Zivilisten "vermutlich nicht unter den Opfern"

Ein Sprecher der Bundeswehr bestätigte, dass bei dem Vorfall "mehr als 50 Aufständische" getötet worden. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam sprach gegenüber sueddeutsche.de davon, dass "unbeteiligte Zivilisten vermutlich nicht" unter den Opfern seien. Einige Medien berichteten hingegen von mindestens 40 zivilen Opfern.

Auch in Brüssel scheint man davon auszugehen, dass es zivile Opfer gibt: EU-Chefdiplomat Javier Solana drückte den Angehörigen möglicher ziviler Toter sein Bedauern aus. "Ich denke, das war sehr dramatisch. Und es tut mir für die Familien der Menschen, die bei der Explosion der Benzintankwagen getötet wurden, sehr leid", sagte Solana am Rande eines EU-Außenministertreffens in Stockholm. "Ich bin darüber sehr traurig."

Ein Bundeswehr-Sprecher in Berlin wies darauf hin, dass es sich bei dem Bundeswehr-Kommandanten in Kundus um "einen ausgesprochen besonnenen Offizier" handele. Er sei "alles andere als ein Hasardeur". Falls Zivilisten in Gefahr gewesen wären, hätte der deutsche Kommandeur den Angriffsbefehl nicht gegeben, sagte ein Ministeriumssprecher. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigte die Anforderung von Luftunterstützung durch die Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban als notwendig. Die Taliban hätten mehrfach angedroht, vor den Bundestagswahlen Anschläge auf die deutschen Truppen verüben zu wollen, sagte Jung am Abend in der ARD. Deshalb sei es eine "sehr konkrete Gefahrenlage" gewesen, als die Taliban in den Besitz der zwei Tanklastwägen gekommen seien.

Die Bundeswehr stellt den Hergang des Vorfalls folgendermaßen dar: Die Aufständischen hätten gegen 1.50 Uhr Ortszeit in der Nähe von Kundus an einem vorgetäuschten Checkpoint zwei beladene Tanklastzüge gekapert, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos.

Keine Soldaten verletzt

Sie hätten den Treibstoff in den Unruhedistrikt Char Darah bringen und selbst nutzen wollen. Die Aufständischen seien dabei entdeckt und gegen 2.30 Uhr Ortszeit erfolgreich bekämpft worden. Zivilisten und deutsche Soldaten seien nicht verletzt worden.

Der Bundeswehrsprecher bestätigte sueddeutsche.de, dass das deutsche Wiederaufbauteam (PRT) in Kundus die Luftunterstützung erbeten habe. Deutsche Flugzeuge seien nicht an dem Luftschlag beteiligt gewesen.

Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, sprach von 90 Toten. 45 der Getöteten seien Taliban-Kämpfer gewesen, auch ihr Kommandeur sei ums Leben gekommen. In den Berichten der Nachrichtenagenturen war teilweise von bis zu 200 Toten die Rede.

Der Bundeswehrsprecher sagte zu sueddeutsche.de, die Causa werde von der Isaf untersucht. An der Untersuchungskommission seien auch Afghanen beteiligt.

USA: Mehr Hilfe für Afghanistan

Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, erklärte, die US-Regierung sei "jedes Mal sehr besorgt, wenn es in einem Konflikt wie diesem Tote gibt, insbesondere unter Zivilisten."

Gleichzeitig plädieren die USA auf mehr Hilfe in Afghanistan. Nach den Worten von US-Generalstabschef Michael Mullen brauchen die USA weiter die Hilfe der Alliierten im Afghanistan-Krieg.

Links-Fraktionschef Oskar Lafontaine forderte erneut einen raschen Abzug aus Afghanistan. FDP und Grüne verlangten eine umfassende Aufklärung. Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP, Birgit Homburger, kritisierte, dass "völlig aufgeregt" diskutiert werde, ohne dass man wisse, was genau geschehen sei. Sie habe "Vertrauen in die Soldaten vor Ort, die ihre Aufgabe verantwortungsvoll wahrnehmen", sagte sie der Süddeutschen Zeitung.