AfD Noch dürftiger als Gauland kann man sich kaum geben

Alexander Gauland beim Interview mit dem ZDF.

(Foto: dpa)

In einem Fernsehinterview wird klar, wie wenig Konkretes der AfD-Chef zu bieten hat. Doch zumindest bei einem Teil der AfD-Anhänger dürfte er damit sogar Pluspunkte machen.

Kommentar von Detlef Esslinger

Ist ein "Sommerinterview" des ZDF mit dem AfD-Vorsitzenden Gauland der Befassung wert? Die "Sommerinterviews" sind so eine Art Pausenfüller im Fernsehen: Es gibt nun mal die Sendeplätze sonntagabends, und irgendwie müssen sie bestückt werden. Also setzen sich die Berliner Studioleiter von ARD und ZDF mit den Parteichefs in die Sonne und stellen Fragen. Keiner beschäftigt sich danach groß damit, was Nahles oder Seehofer dort äußerten. Warum also Gauland das Privileg geben, ihn zu rezensieren?

Weil es in vielfacher Hinsicht erzählend und erklärend war. Nach allen landläufigen Erfahrungen von Politik und Medien hat sich der Mann sagenhaft blamiert. Nach Lösungsvorschlägen zum Klimawandel gefragt, sagte er: "Wir glauben nicht, dass das sehr viel mit menschlichem Tun zu tun hat." Zur Digitalstrategie, die ein AfD-Abgeordneter neulich im Bundestag anmahnte, sagte er, davon könne "im Moment keine Rede sein, und ich wüsste auch keine". Als der Interviewer konkret nachhakte, wie er die kleinen Leute davor schützen wolle, dass eine Firma wie Airbnb die Mieten in den Städten treibt, sagte er: "Da kann ich Ihnen im Moment keine Antwort drauf geben."

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Nur mal angenommen, Andrea Nahles oder Horst Seehofer würden so antworten: Sie würden sich zum Gespött machen. Und sie würden ihren Parteien womöglich den Rest geben. Das eine ist doch, wenn man als Politiker keine Antworten auf Fragen hat, die die Leute umtreiben. Das andere ist, wenn man dies auf eine Art kundtut wie Gauland. Er vermittelte den Eindruck, zu all diesen Themen aus exakt einem Grund nichts sagen zu können: weil er sich nie damit beschäftigt hat.

Eigentlich ist dies unfassbare Arroganz. Eigentlich ist dies die Mitteilung, dass er seinen Wählern nichts zu bieten weiß, was ihr Leben vielleicht erleichtern würde. Eigentlich belegt er damit nur den Eindruck, außer Parolen, Vorurteilen und Hass kaum etwas im Repertoire zu haben. Noch dürftiger, noch hilfloser als Alexander Gauland im ZDF-"Sommerinterview" kann man sich kaum geben, damit die Leute endlich kapieren, wer ihr Sachwalter ganz bestimmt nicht ist. Eigentlich.

Doch wer mit dieser Hoffnung den nächsten Umfragen entgegensieht, wird wohl eine Enttäuschung erleben. Die wenigsten Wähler richten ihre Entscheidung danach aus, was ein Politiker konkret gegen Airbnb tun will. Die meisten beschäftigen sich mit Politik nur höchst nebenbei, sie urteilen auf Basis eines Bauchgefühls - und vor allem die Wähler der AfD sehen deren Politikern Dinge nach, die sie denen der anderen Parteien nie nachsehen würden; ja, sie wertschätzen sogar Gaulands zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit: "Vielen ist es lieber das man eine ehrliche Antwort bekommt als das wie die anderen jahrelang uns anlügen", schreibt nun einer bei Twitter. "Das macht die AfD nur noch interessanter u. Sympathischer".

Zumindest ein Teil der AfD-Anhänger besteht aus Bürgern, die sich in ihren Gewissheiten verschanzt haben. Ein weiterer Teil sieht in ihr den Knüppel, mit dem sie meinen, ohne Schaden für sie selbst auf etablierte Parteien schlagen zu können. Man wird die AfD nicht zurückdrängen, indem man auf Debatten mit diesen Bürgern hofft. Man wird sie zurückdrängen, indem man möglichst viele derjenigen mobilisiert, die meinen, sooo wichtig sei ihre Teilnahme an der nächsten Wahl auch wieder nicht; auf ihre eine Stimme komme es nicht an. Doch, kommt es.

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