bedeckt München 17°

"Alternative Mitte":Protest gegen Gauland - auch in der AfD

AfD-Vorstand Alexander Gauland beim Kongress der Jungen Alternative 2018 in Seebach - Gauland bezeichnetet auf der Konferenz Adolf Hitler und den Nationalsozialismus als "Vogelschiss der Geschichte".

Gauland hatte in einer Rede den Nationalsozialismus verharmlost und Hitler als "Vogelschiss der Geschichte" bezeichnet.

(Foto: AFP)
  • Gauland verharmlost den Nationalsozialismus als "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte und zieht Kritik von allen Seiten auf sich. Auch die Bundesregierung zeigt sich entsetzt.
  • In der AfD distanziert sich nur eine kleine Gruppe. Am Montag entschuldigt sich Gauland für die "Wirkung" seiner Aussage.
  • Die scharfen Worte der "Alternativen Mitte" offenbaren, wie tief die Gräben in der Partei sind.

Von Jens Schneider, Berlin

Es ist gut eine Stunde vor Mitternacht am Sonntag, als die Erklärung der sogenannten "Alternativen Mitte" versendet wird. Das ist die Gruppierung in der AfD, die gern für die bürgerliche Mitte stehen will. Sie nennt sich "Interessengemeinschaft".

Der mächtigste Mann der Partei, Alexander Gauland, betont gern, dass es gut sei, sie in der Partei dabei zu haben. Wie mächtig die Gruppierung ist, lässt sich schwer sagen. Einige Mitglieder sind im erweiterten Vorstand der Partei, trotzdem vertreten sie nur eine Minderheit. An diesem Sonntag bezieht die Gruppe deutlich Position: Sie distanziert sich klar von Alexander Gaulands Aussagen über den Nationalsozialismus. Die "Alternative Mitte" schreibt, sie entschuldige sich "öffentlich bei allen Opfern des Naziregimes sowie deren Familien für die als unglaubliche Bagatellisierung der Nazizeit empfundene Äußerung unseres Parteivorsitzenden". Und sie bittet Gauland, sich zu entschuldigen. Vorher schon schrieb der AfD-Bundestagsabgeordnete Uwe Witt auf Facebook: "Der größte Massenmörder Deutschlands, Hitler, ist beileibe kein Vogelschiss!"

Es sind die Aussagen von wenigen in der AfD. Doch deren Deutlichkeit offenbart, was der Partei und ihren führenden Köpfen an Menschlichkeit und historischem Verständnis fehlt.

Am Samstag hatte Gauland auf dem Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation "Junge Alternative" gesagt, Hitler und die Nationalsozialisten seien nur ein Vogelschiss in 1000 Jahren deutscher Geschichte. Politiker aller Parteien verurteilten seine Worte, auch Regierungssprecher Steffen Seibert: Es sei "beschämend, dass wir uns mit solchen Äußerungen eines Bundestagsabgeordneten befassen müssen".

Auch die Erklärung der "Alternativen Mitte" ist eine klare, entschiedene Distanzierung. Sie ist besonders bemerkenswert, gerade weil sie von einer kleinen Gruppe in der AfD kommt. Sie steht in großem Kontrast zum Verhalten der AfD-Spitze. Von der kommt zunächst nichts, dann auf Nachfrage eine gewundene Erklärung, die Gaulands schlimme Aussagen als eine Art Fauxpax abtut und am Ende eher wie eine Entschuldigung klingt. Allen voran der nominell wichtigste Mann, der erste Parteivorsitzende Jörg Meuthen. Er nennt Gaulands "Vogelschiss"-Satz gegenüber Zeit Online "in der Tat ausgesprochen unglücklich und die Wortwahl unangemessen".

"Unglücklich"? "Unangemessen"? Die Aussagen Gaulands übertrafen in ihrer Widerwärtigkeit fast alles, was man in den vergangenen Jahren von ihm und anderen AfD-Spitzenpolitikern zu hören bekam. Der Parteichef Meuthen aber stört sich vor allem an der Wortwahl. Und er nimmt Gauland auch noch vor Kritik in Schutz, wenn er sagt: Im Kontext der Rede werde "vollkommen deutlich, dass er dort in gar keiner Weise die entsetzlichen Greueltaten der Nazizeit verharmlost oder relativiert hat, wie ihm nun reflexartig unterstellt wird". Meuthen versteht also genauso wenig wie Gauland selbst, was dessen Aussagen über sein Denken verraten. Tatsächlich springt Meuthen seinem Ko-Vorsitzenden zur Seite. Er unterstützt den Mann, mit dem er politisch eng verbunden ist.

Hier zeigen sich die üblichen Muster von AfD-Spitzenpolitikern, die für das Unentschuldbare immer noch eine Erklärung finden, es relativieren oder bagetellisieren - oder gleich ganz schweigen. Da wäre zum Beispiel Alice Weidel, die an der Seite von Gauland Chefin der Bundestagsfraktion ist. Sie sendet täglich Botschaften in scharfem Ton über Facebook aus, wenn es gegen Muslime oder Flüchtlinge geht. Zu Gaulands Aussagen findet sich schlicht nichts.

Der Bundesvorstand, dem Weidel angehört und den Meuthen und Gauland führen, sendet an diesem Montag lediglich eine bizarre Botschaft aus. Sie bezieht sich auf eine trübe Begebenheit, die sich auch auf dem Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation abspielte. Dort hatten etliche Teilnehmer beim Absingen des "Deutschlandslieds" auch jene Strophe gesungen, die aus gutem Grund nicht Bestandteil der Nationalhymne ist: "Deutschland, Deutschland über alles!" Auch da störte sich zunächst niemand so recht dran. Nun teilt der AfD-Bundesvorstand mit, dass er sein "Befremden und seine Missbilligung" ausdrücke. Zu Gauland? Nichts.

Gauland entschuldigt sich am Montag doch noch

Gauland selbst braucht zwei Tage und mehrere Anläufe, um dann doch zumindest ein wenig Bedauern auszudrücken. Er hatte sich am Sonntag zunächst in persönlichen Erklärungen gerechtfertigt. Er behauptete darin, man wolle ihm übel, und verstehe ihn bewusst falsch. Man könne ihm keine "Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems" nachsagen.

Auch am Montag spricht er weiter von "Missverständnissen und Missdeutung". Er schreibt, für ihn sei "Vogelschiss" der letzte Dreck, "ein animalischer Auswurf, mit dem ich den Nationalsozialismus verglichen habe". Aber er müsse zur Kenntnis nehmen, dass viele den Begriff als unangemessene Bagatellisierung gesehen hätten. Nichts habe ihm ferner gelegen, erklärt Gauland.

Sein Bedauern bezieht sich allein darauf, wie seine Aussagen aufgenommen wurden. Die Erklärung endet mit dem Satz: "Die entstandene Wirkung bedaure ich. Niemals war es meine Absicht, die Opfer dieses verbrecherischen Systems zu bagatellisieren oder gar zu verhöhnen."

© SZ.de/lalse/liv/gal/bepe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema