Abtreibungsrecht in Texas:Sieg für Wendy Davis

Lesezeit: 3 min

Elf Stunden ohne Essen, ohne Wasser, ohne Sitzen, ohne Toilette: Die texanische Senatorin Wendy Davis verhindert mit einer Dauerrede die Verabschiedung eines Anti-Abtreibungs-Gesetzes. Und die US-Frauenbewegung hat eine neue Heldin.

Von Hannah Beitzer

Es war eine dramatische Nacht in Texas, an deren Ende es der demokratischen Senatorin Wendy Davis gemeinsam mit ihren Mitstreitern gelang, ein umstrittenes Anti-Abtreibungsgesetz vorläufig zu stoppen. Wie lange genau die blonde Frau am Rednerpult stand, und die Abstimmung mit einem Plädoyer für eine liberale Abtreibungsregelung aufhielt, darüber gehen die Meinungen auseinander: zehn Stunden? Elf?

Fest steht jedoch: Wendy Davis, Jahrgang 1963, ist die neue Heldin der amerikanischen Frauenbewegung. Unter dem Hashtag #standwithwendy solidarisierten sich zahlreiche Menschen mit der Senatorin - darunter auch US-Berühmtheiten wie Lena Dunham, Autorin und Hauptdarstellerin der erfolgreichen HBO-Serie Girls.

"Dieses Gesetz hat Einfluss auf sehr viele Menschen", sagt sie zu Beginn ihres "Filibuster" - so heißen in den USA jene Endlosreden, die in den Parlamenten der USA häufig dazu genutzt werden, die Abstimmung über ein unliebsames Gesetz zu verzögern. Während dieser Zeit gilt: Keine Pausen, auch nicht für einen Toilettenbesuch. Trinken, hinsetzen oder anlehnen, all das ist den Dauerrednern verboten.

Sie wolle damit tausenden Texaner eine Stimme geben, die sonst nicht gehört würden, fährt Davis fort - und redet dann fast elf Stunden weiter, bis es den Republikanern schließlich um 22:03 Uhr gelingt, den Filibuster zu unterbrechen. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Abstimmung noch möglich - erst ab Mitternacht können laut Senatsordnung keine Gesetze mehr verabschiedet werden.

Doch Davis erhält Hilfe: Zunächst legen die Demokraten ständig neue Anträge vor, um Zeit zu gewinnen. Dann, eine Viertelstunde vor Mitternacht, beginnen Aktivisten, die Sitzung zu stören - so lange, dass keine Abstimmung mehr stattfinden kann. Ein voller Erfolg für Wendy Davis und ihre Anhänger - wenngleich die Befürworter des Gesetzes durchaus eine Chance haben, die Verschärfung im nächsten Anlauf durchzubringen, wie die New York Times berichtet.

Protesters In Texas Statehouse Block Texas Lawmakers From Passing Abortion Bill

Die demokratische Senatorin Wendy Davis: die neue Heldin der amerikanischen Frauenbewegung.

(Foto: AFP)

Alleinerziehende Mutter und Harvard-Absolventin

Für Davis ist es nicht der erste Filibuster ihrer Laufbahn. Bereits 2011 redete sie gegen einen Haushaltsentwurf an, der schmerzliche Einschnitte im staatlichen Schulsystem vorsah - und bereits damals schäumten ihre politischen Gegner. Und nun zeigt die Senatorin aus Fort Worth also ähnlichen Einsatz für ein liberales Abtreibungsrecht.

Die Verschärfung des texanischen Gesetzes sah ein weitreichendes Verbot von Abtreibungen ab 20 Wochen nach der Befruchtung oder später vor. Darüber hinaus fordert die Regelung, dass alle 42 Abtreibungskliniken des Bundesstaates eine Lizenz als Tagesklinik bräuchten - ein Kriterium, das nur ein Bruchteil der medizinischen Einrichtungen bisher erfüllt und wahrscheinlich zu einer Reihe von Klinikschließungen führen würde.

Davis gilt auch deswegen als besonders glaubhaft in sozialen Fragen, weil sie nicht gerade mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Bereits mit 14 Jahren, so heißt es auf ihrer Homepage, arbeitete sie neben der Schule, um ihre alleinerziehende Mutter und die Geschwister zu unterstützen. Mit 19 wurde sie selbst Mutter, zog die Tochter nach der Scheidung mit ihrem Mann alleine groß. Dennoch gelang es ihr, als erste in ihrer Familie ein Studium abzuschließen. Anschließend besuchte sie die renommierte Harvard Law School. Davis ist also eine Self-Made-Woman, wie sie im Buche steht.

Mit gewohnt deftigen Worten feierte das feministische Blog Jezebel nun die Senatorin: "Ich weiß, es ist schwer vorstellbar, dass jemand, der mit dem Vagina-Defekt geboren ist (eine Frau, Anm. d. Red.), so lange gleichzeitig stehen und reden kann und dann auch noch Dinge sagt, die Sinn ergeben - aber Senator Davis hat es verdammt nochmal getan", schreibt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus die Autorin Laura Beck.

"Elf Stunden. Kein Essen. Kein Wasser. Keine Toilettenpause. Kein Sitzen. Kein Anlehnen. Senatorin Wendy Davis ist immer noch gut drauf", schreibt Lisa Falkenberg, Journalistin des Houston Chronicle, beeindruckt auf Twitter. Als Zeichen ihres Durchhaltewillens schickte die Senatorin übrigens auch mit ihrer Kleidung beeindruckende Signale an den politischen Gegner: Sie trug zum hellen Kostüm Turnschuhen in grellem Pink. Eine Wendy Davis, so die Botschaft, hält keiner davon ab, für ihre Überzeugung einzustehen - notfalls auch elf Stunden lang.

Mit Material von dpa.

Linktipp: Warum Texas ein ganz besonderer Bundesstaat ist, erklärt Matthias Kolb in diesem Text.

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