40 Jahre Deutscher Herbst:Spurensuche im "Volksgefängnis" der RAF

Schleyer-Entführung

Im dritten Stock dieses Hauses in Erftstadt-Liblar (mittlere Reihe) wurde Hanns Martin Schleyer gefangen gehalten (Foto von 1978).

(Foto: Martin Athenstädt/dpa)

Vor vierzig Jahren entführte die Rote Armee Fraktion Hanns Martin Schleyer. Mehrere Tage lang wurde der Arbeitgeberpräsident in einer Kleinstadt nahe Köln festgehalten.

Von Christian Wernicke, Erftstadt-Liblar

Hoch oben leuchten die orange-braunen Balkons in der Sonne, die einst berüchtigte Adresse prangt selbstbewusst über dem Eingang auf Beton: "Zum Renngraben 8". Erst drinnen umfängt den Besucher die kalte, anonyme Atmosphäre des Plattenbaus.

Das graue Treppenhaus, der kahle Etagenflur - alles wirkt wie vor 40 Jahren. Wie auf den Fotos von anno 1977, die jetzt wieder aus den Archiven gekramt werden über das Hochhaus in Erftstadt-Liblar nahe Köln: Dritte Etage, ein Filzteppich führt den langen Gang entlang bis nach hinten links, zur Wohnung 104. Zum Ort der Geschichte.

Frau S. öffnet die Tür, sie lächelt. Doch das ist vorbei, sobald die schlanke Frau mit dem blonden Pferdeschwanz erfährt, dass es "schon wieder um diese alte Sache" geht. Sie hebt beide Hände zur Abwehr. "Wir haben doch nichts getan", stöhnt die 33-jährige Mutter zweier Mädchen, "lassen Sie uns in Ruhe."

Ihr Akzent weist sie als Russlanddeutsche aus, vor mehr als zehn Jahren haben sie und ihr Mann das Appartement im dritten Stockwerk erworben. Arglos, ahnungslos: 78 Quadratmeter, drei Zimmer plus Küche, Bad und eben jener Diele, in der früher ein riesiger Einbauschrank stand. "Als wir die Wohnung gekauft haben, wussten wir von nichts."

Vor vier Jahrzehnten war Wohnung 104 der Tatort eines Verbrechens, das die gesamte Republik erschütterte. Am 5. September 1977 hatten Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt, in der Nacht schleppten die Entführer ihre Geisel aus der Tiefgarage in den Unterschlupf. Zehn Tage blieb Schleyer in Erftstadt.

Oft ketteten die Terroristen ihr Opfer im Wandschrank an, meist hockte er auf einer Matratze im heutigen Kinderzimmer. "Volksgefängnis" nannte die RAF diese Mietwohnung. Sechs Wochen später wurde Schleyer im französischen Mulhouse tot in einem Auto gefunden. Erschossen.

Dass Schleyer damals nicht in Erftstadt starb, "das macht die Sache etwas leichter für uns", sagt Frau S., die Nachbewohnerin. So ähnlich denken alle im Hochhaus. Jedenfalls jene, die sich noch erinnern. "Das ist Vergangenheit, das belastet mich nicht", sagt etwa Jürgen Gessner. 1977 mag der deutsche Herbst bleiern gewesen sein, 2017 zeigt Gessner zum Himmel und grinst: "Heiter bis wolkig."

Der Mann mit dem kantigen Kinnbart und dem runden Bauch lebt seit 26 Jahren am Renngraben, auf 40 Quadratmetern im fünften Stock, für 301,56 Euro Monatsmiete, plus Strom. "Jetzt kommt die ganze Geschichte wieder im Fernsehen," weiß der 76-jährige Rentner, "neulich standen wieder Kameraleute vor der Tür - wie jedes Jahr."

Schleyer? "Nie gehört", sagt ein Nachbar. Helmut Schmidt? "Keine Ahnung"

Während Gessner erzählt, steckt er immer wieder seinen Schlüssel in die Wand neben dem Hauseingang. Gessner kennt viele Nachbarn - und wen er nicht kennt, der kommt nicht rein. Drinnen an der Wand warnen Schilder, nur ja "keine Fremden" ins Haus zu lassen, das schade dem Image der Wohnanlage.

Eine alte Dame klagt, nachts floriere der Drogenhandel: "Ich lass keinen rein, ich hab Angst." Auch der Fahrstuhl funktioniert nur mit Schlüssel, "VIP" steht über dem silbernen Schloss. Die Hinweise zur Mülltrennung hängen auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Polnisch und Russisch am Brett. "Um die 20 Nationalitäten", so schätzt die Hausverwaltung, seien in den 120 Wohn-Waben daheim. Probleme? "Das Anwesen ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft in NRW."

Die jungen Mieter wissen meist nicht, welche Geschichte sich zugetragen hat unter diesem Dach. Der 20-jährige Alex K. zum Beispiel, der gerade eine Ausbildung zum Gebäudemanager macht, hat keinen Schimmer. Schleyer? "Nie gehört." Helmut Schmidt? "Keine Ahnung." Baader-Meinhof? "Känn isch nitt."

Ein Rumäne, der seit 2013 in Deutschland lebt und seine Freundin besuchen will, erschrickt, als er vom Terror hört: "Und wie viele haben die Islamisten hier umgebracht?" Ach so, 1977. "Dann ist ja gut."

So verblasst allmählich die Historie im Erftstädter Haus der Geschichte. Nur gegenüber im "Mittelpunkt", der Kegel- und Skatkneipe, trifft man noch Zeitzeugen, die sich genauer an 1977 erinnern. Freddie Könn zum Beispiel, den Bürotechniker, der sich ein Kölsch zum Feierabend gönnt. Könn kannte noch Ferdinand Schmitt, den verhinderten Helden der Stadt.

Der Ortspolizist hatte zwei Tage nach der Schleyer-Entführung den Verdacht an seine Vorgesetzten gemeldet, die RAF-Killer versteckten sich und ihr Opfer am Renngraben. Doch Schmitts Hinweis landete in der falschen Ablage, so ging er verloren. Eine riesige Fahndungspanne. "Das hat den Ferdinand Schmitt sein Leben lang gewurmt", weiß Könn und zuckt mit den Achseln, "aber nun ist er auch tot."

© SZ vom 05.09.2017/gal
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