25 Jahre Super-GAU in Tschernobyl (8):Boom der Nuklearenergie

Im Westen mag man das nicht so recht glauben, denn die Anlage in Natans mit ihren bisher 9000 Zentrifugen ist viel zu klein, um den von Russland fertiggestellten Reaktor in Buschehr zu versorgen - aber durchaus groß genug, um nach kleineren technischen Änderungen hochangereichertes Uran für Bomben zu produzieren. Russland hat vertraglich zugesichert, den Brennstoff für Buschehr zu liefern - und ihn anschließend wieder zurückzunehmen. Iran brauche also gar keine eigene Anreicherung, lautet das oft benutze Argument.

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Die erste Atombombe zwölf Sekunden nach ihrer Detonation, aufgenommen am 16. Juli 1945 während des sogenannten "Trinity"-Tests im US-Bundesstaat New Mexico. Acht Jahre und 41 Tests später war das Szenario eines Atomkrieges greifbar, nicht wenige hochrangige Generäle glaubten, man könne einen solchen Krieg führen.

(Foto: AFP)

Inzwischen reichern die Techniker in Natans Uran auf bis zu 20 Prozent des spaltbaren Isotops 235 an. Damit sind allerdings bereits drei Viertel der Trennarbeit erledigt, die nötig ist, um den Bombenstoff zu erlangen, also auf 90 Prozent hochangereichertes Uran. Iran begründet diesen Schritt damit, dass es neue Brennelemente für seinen einst von den USA errichteten Forschungsreaktor in Teheran brauche, der Radionuklide für die Medizin produziere. Der Westen weigere sich, diese zu liefern. Westliche Diplomaten sehen jedoch auch darin nur einen Vorwand, denn Iran ist technisch überhaupt nicht in der Lage, das Uran in die erforderlichen Brennstoffplatten zu verarbeiten.

Der UN-Sicherheitsrat hat zwar von Iran gefordert, die Anreicherung einzustellen, bis alle Zweifel über sein Atomprogramm ausgeräumt sind. Darüber hinaus hat er aber keine Handhabe. Das Recht der Iraner, grundsätzlich selbst Anreicherung betreiben zu dürfen, erkennen die USA und ihre Verbündeten an. Theoretisch könnte Iran sogar bis auf den für Waffen erforderlichen Grad anreichern, ohne damit gegen den Sperrvertrag zu verstoßen. Der letzte Schritt, der dann noch zur Bombe fehlt, wird immer kleiner.

Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit einem kleinen Schwerwasser-Reaktor, den Iran in Arak errichtet. Während Teheran behauptet, ihn für Forschungszwecke nutzen zu wollen, verweisen westliche Staaten darauf, dass sich dieser Reaktortyp ideal dafür eignet, Plutonium zu erbrüten. Pakistan nutzt einen von der Funktionsweise ähnlichen Reaktor, um sein Arsenal auszubauen.

Die einzige Sicherheit gegen einen Missbrauch dieser Anlagen bieten die Inspektionen der IAEA, die sicherstellen sollen, dass kein Spaltmaterial unbemerkt für militärische Zwecke abgezweigt werden kann. Die Kontrolleure aus Wien überwachen aber auch weniger kritische Länder - etwa Deutschland oder Japan. Jedes Industrieland mit einem kompletten zivilen Nuklearprogramm verfügt grundsätzlich über die Technologie, um binnen sechs bis zwölf Monaten Atomwaffen bauen zu können. Die Zahl dieser virtuellen Atommächte liegt bei mehr als 20 - und Iran kommt diesem Status immer näher, wie der frühere IAEA-Chef Mohamed ElBaradei kurz vor Ende seiner Amtszeit schon 2009 sagte.

Bis Ende vergangenen Jahres haben mehr als 60 Mitgliedstaaten die IAEA informiert, dass sie Atomenergieprogramme starten wollen, wie der neue Chef der Behörde, Yukiya Amano jüngst erklärte. Auch wenn es sich aufgrund der Nuklearkatastrophe in Fukushima-1 manche vielleicht noch einmal überlegen werden und Experten bei vielen dieser Länder die grundlegenden Voraussetzungen für den Bau von Atomkraftwerken nicht gegeben sehen - der Boom der Nuklearenergie wirft die Frage auf, wie es sich verhindern lässt, dass immer mehr Staaten über kritische Technologien verfügen.

Ein Vorbild dafür sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie haben freiwillig auf jede Anreicherungs- und Aufarbeitungstechnologie - nach iranischer Lesart ein "unveräußerliches Recht" - verzichtet und dies in ihrem Atomgesetz festgeschrieben. Um andere Länder zu einem solchen Vorgehen zu ermutigen und ihnen auch die nötige Versorgungssicherheit mit Brennstoff zu garantieren, hat der Gouverneursrat in jüngster Zeit zwei sogenannten Brennstoffbanken zugestimmt, eine davon unter Kontrolle der IAEA selbst, die andere von Russland betrieben. Wenn ein Land sich am Markt nicht mehr mit dem nötigen Uran versorgen kann, sollen sie einspringen - freilich nur, wenn bei der IAEA keine Untersuchung wegen möglicher Verstöße anhängig ist. Auch dieses Modell hatte Eisenhower übrigens 1953 in seiner Rede schon vorgeschlagen.

© sueddeutsche.de/segi
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