Süddeutsche Zeitung

25 Jahre Super-GAU in Tschernobyl (8):Der Stoff, aus dem die Bombe ist

Trotz Tschernobyl, trotz Fukushima: Das Geschäft mit der Atomenergie floriert, viele Staaten starten gerade Atomprogramme. Doch jedes Industrieland mit zivilem Nuklearprogramm verfügt über die Technologie, um innerhalb eines Jahres Atomwaffen bauen zu können. Wie aus der zivilen Nutzung eine neue Bedrohung erwächst.

Paul-Anton Krüger

Am 8. Dezember 1953, lange vor dem Super-GAU von Tschernobyl, trat US-Präsident Dwight D. Eisenhower vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der Ex-General, der im Zweiten Weltkrieg die alliierten Truppen in Europa kommandiert hatte, kündigte den Delegierten an, er werde "in einer neuen Sprache" zu ihnen sprechen, von der er es vorgezogen hätte, sie nie zu benutzen: "Diese neue Sprache ist die Sprache der atomaren Kriegsführung."

Es war ein letzter Versuch, das nukleare Wettrüsten aufzuhalten. Die USA hatten zu diesem Zeitpunkt 42 Atombomben getestet, wie Eisenhower sagte - den Horror der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki ließ er unerwähnt. Auch die Sowjetunion hatte eine Reihe von Atomtests vorgenommen. Das Szenario eines Atomkrieges war greifbar, und nicht wenige hochrangige US-Generäle glaubten, man könne einen solchen Krieg führen - und gewinnen.

"Kein Mitglied der Menschheit, das bei Verstand ist, kann einen Sieg in solcher Verwüstung entdecken", hielt Eisenhower dem entgegen - und entwarf vor den Delegierten der UN seine Vision von der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Er ahnte nicht, welch gewaltige Risiken auch eine solch friedliche Nutzung birgt. Bis zur Katastrophe von Tschernobyl sollten noch 33 Jahre vergehen. Und so fuhr Eisenhower fort: "Es reicht nicht, den Soldaten diese Waffe aus der Hand zu nehmen. Sie muss in die Hände jener gegeben werden, die wissen, wie man ihre militärische Hülle entfernt und sie für die Kunst des Friedens nutzbar macht."

Doch so einfach, wie Eisenhower es damals erscheinen ließ, ist die Sache nicht. Mit dem Willen der Supermächte, auf ihre nuklearen Arsenale zu verzichten, war es nicht allzu weit her. Vor allem aber sind die zivile Nutzung der Kernenergie - zumindest die zur Energieerzeugung - und die militärische miteinander verwachsen wie siamesische Zwillinge.

Dieselbe Technologie, die Uran-Brennstoff für Atomkraftwerke liefert, kann den nuklearen Kern der Bombe liefern. Derselbe Reaktor, der Strom erzeugt, erzeugt zugleich Plutonium. Und dieselbe Anlage, die verbrauchte Brennelemente aufarbeitet, extrahiert Plutonium, den Grundstoff moderner Atomwaffen wie auch thermonuklearer Bomben. Kaum verwunderlich, denn all diese Technologien wurden ja ursprünglich in militärischen Programmen entwickelt, die nichts anderes zum Ziel hatten, als Bomben zu bauen.

Die Grundidee der "Atoms for Peace"-Rede Eisenhowers lebt allerdings bis heute fort - im Atomwaffensperrvertrag, der 1970 in Kraft trat. Seine Mitglieder, inzwischen 189 Staaten, haben Atomwaffen abgeschworen, die fünf offiziellen Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich ausgenommen. Als Gegenleistung verspricht der Pakt den Nichtkernwaffenstaaten technische Unterstützung für die zivile Nutzung der Atomenergie, die offiziellen Atommächte verpflichteten sich zur Abrüstung. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien mit ihren Inspektoren wacht darüber, dass der Vertrag eingehalten wird.

Wie schmal der Grat sein kann, ist in den vergangenen Jahren am Streit um das iranische Atomprogramm deutlich geworden: Die Islamische Republik hat jahrelang im Geheimen Zentrifugen zur Urananreicherung entwickelt - und parallel dazu zumindest die Forschung und Entwicklung von Sprengköpfen vorangetrieben. Nachdem diese Aktivitäten 2002 aufgeflogen waren, deklarierte Teheran das Programm als zivil. Die Anreicherung sei notwendig, um später einmal unabhängig die Brennstoffversorgung der iranischen Atomkraftwerke zu sichern, hieß es aus Teheran.

Boom der Nuklearenergie

Im Westen mag man das nicht so recht glauben, denn die Anlage in Natans mit ihren bisher 9000 Zentrifugen ist viel zu klein, um den von Russland fertiggestellten Reaktor in Buschehr zu versorgen - aber durchaus groß genug, um nach kleineren technischen Änderungen hochangereichertes Uran für Bomben zu produzieren. Russland hat vertraglich zugesichert, den Brennstoff für Buschehr zu liefern - und ihn anschließend wieder zurückzunehmen. Iran brauche also gar keine eigene Anreicherung, lautet das oft benutze Argument.

Inzwischen reichern die Techniker in Natans Uran auf bis zu 20 Prozent des spaltbaren Isotops 235 an. Damit sind allerdings bereits drei Viertel der Trennarbeit erledigt, die nötig ist, um den Bombenstoff zu erlangen, also auf 90 Prozent hochangereichertes Uran. Iran begründet diesen Schritt damit, dass es neue Brennelemente für seinen einst von den USA errichteten Forschungsreaktor in Teheran brauche, der Radionuklide für die Medizin produziere. Der Westen weigere sich, diese zu liefern. Westliche Diplomaten sehen jedoch auch darin nur einen Vorwand, denn Iran ist technisch überhaupt nicht in der Lage, das Uran in die erforderlichen Brennstoffplatten zu verarbeiten.

Der UN-Sicherheitsrat hat zwar von Iran gefordert, die Anreicherung einzustellen, bis alle Zweifel über sein Atomprogramm ausgeräumt sind. Darüber hinaus hat er aber keine Handhabe. Das Recht der Iraner, grundsätzlich selbst Anreicherung betreiben zu dürfen, erkennen die USA und ihre Verbündeten an. Theoretisch könnte Iran sogar bis auf den für Waffen erforderlichen Grad anreichern, ohne damit gegen den Sperrvertrag zu verstoßen. Der letzte Schritt, der dann noch zur Bombe fehlt, wird immer kleiner.

Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit einem kleinen Schwerwasser-Reaktor, den Iran in Arak errichtet. Während Teheran behauptet, ihn für Forschungszwecke nutzen zu wollen, verweisen westliche Staaten darauf, dass sich dieser Reaktortyp ideal dafür eignet, Plutonium zu erbrüten. Pakistan nutzt einen von der Funktionsweise ähnlichen Reaktor, um sein Arsenal auszubauen.

Die einzige Sicherheit gegen einen Missbrauch dieser Anlagen bieten die Inspektionen der IAEA, die sicherstellen sollen, dass kein Spaltmaterial unbemerkt für militärische Zwecke abgezweigt werden kann. Die Kontrolleure aus Wien überwachen aber auch weniger kritische Länder - etwa Deutschland oder Japan. Jedes Industrieland mit einem kompletten zivilen Nuklearprogramm verfügt grundsätzlich über die Technologie, um binnen sechs bis zwölf Monaten Atomwaffen bauen zu können. Die Zahl dieser virtuellen Atommächte liegt bei mehr als 20 - und Iran kommt diesem Status immer näher, wie der frühere IAEA-Chef Mohamed ElBaradei kurz vor Ende seiner Amtszeit schon 2009 sagte.

Bis Ende vergangenen Jahres haben mehr als 60 Mitgliedstaaten die IAEA informiert, dass sie Atomenergieprogramme starten wollen, wie der neue Chef der Behörde, Yukiya Amano jüngst erklärte. Auch wenn es sich aufgrund der Nuklearkatastrophe in Fukushima-1 manche vielleicht noch einmal überlegen werden und Experten bei vielen dieser Länder die grundlegenden Voraussetzungen für den Bau von Atomkraftwerken nicht gegeben sehen - der Boom der Nuklearenergie wirft die Frage auf, wie es sich verhindern lässt, dass immer mehr Staaten über kritische Technologien verfügen.

Ein Vorbild dafür sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie haben freiwillig auf jede Anreicherungs- und Aufarbeitungstechnologie - nach iranischer Lesart ein "unveräußerliches Recht" - verzichtet und dies in ihrem Atomgesetz festgeschrieben. Um andere Länder zu einem solchen Vorgehen zu ermutigen und ihnen auch die nötige Versorgungssicherheit mit Brennstoff zu garantieren, hat der Gouverneursrat in jüngster Zeit zwei sogenannten Brennstoffbanken zugestimmt, eine davon unter Kontrolle der IAEA selbst, die andere von Russland betrieben. Wenn ein Land sich am Markt nicht mehr mit dem nötigen Uran versorgen kann, sollen sie einspringen - freilich nur, wenn bei der IAEA keine Untersuchung wegen möglicher Verstöße anhängig ist. Auch dieses Modell hatte Eisenhower übrigens 1953 in seiner Rede schon vorgeschlagen.

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