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Zur Kritik am norwegischen Rechtssystem:Offener Vollzug für einen Massenmörder?

Angesichts der Monstrosität der Verbrechen von Anders Behring Breivik kritisieren manche den liberalen Strafvollzug in Norwegen als "Kuschel-Justiz", Rufe nach härteren Sanktionen werden laut. Der Kriminologe Nils Christie fordert aber: Auch ein Massenmörder muss die Chance auf Resozialisierung haben.

Noch mehr Offenheit und Demokratie will Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg dem Anschlag von Oslo und dem Massaker von Utøya entgegensetzen. "Es ist absolut möglich, eine offene, demokratische und alle Menschen einschließende Gesellschaft zu haben, und gleichzeitig (...) nicht naiv zu sein", betonte er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Oslo. Diese Worte sind insofern bemerkenswert, als dass deutsche Politiker demokratische Freiheiten gerne beschneiden, wann immer sie die nationale Sicherheit in Gefahr wähnen.

Ila landsfengsel prison in Baerum, just outside Oslo

Eine Haftanstalt nahe Oslo: Der Gedanke der Resozialisierung ist in der norwegischen Strafverfolgung zentral - Häftlingen werden vergleichsweise große Freiheiten gewährt.

(Foto: dpa)

Liberalität und Offenheit sind konstitutionelle Werte der norwegischen Gesellschaft: Sie durchdringen und prägen alles öffentliche Handeln - auch die Strafverfolgung. Doch müssen diese Grundpfeiler von Gesellschaft und Justiz unter der Macht der Ereignisse vom vergangenen Freitag nicht unweigerlich zusammenbrechen? Kann ein Rechtssystem, das bisweilen als "Kuschel-Justiz" abgewertet wird, einen Massenmörder wie Anders Behring Breivik angemessen bestrafen - immer unter der Prämisse, dass dieser für schuldfähig erklärt wird?

Internet-Initiative für die Todesstrafe

Im sozialen Netzwerk Facebook formieren sich bereits erste - offensichtlich auch von Norwegern initiierte - Gruppen, die für eine Wiedereinführung der Todesstrafe in dem skandinavischen Land plädieren. Mehr als 3000 Fans hatte die Seite "Ja til dødsstraff for Anders Behring Breivik" am Mittwoch. Seit 1979 gibt es die Todesstrafe in Norwegen offiziell nicht mehr - doch bereits seit 1948 wurde dort niemand mehr hingerichtet.

Maximal 21 Jahre Haft sieht die norwegische Strafverfolgung vor. Verhängt wird die Höchststrafe allerdings selten: Selbst bei schwerem Mord blieben die Richter meist darunter, erklärt Nils Christie, Soziologe und Kriminologe an der Universität Oslo, im Gespräch mit sueddeutsche.de. Zudem müsse selten die komplette Strafzeit verbüßt werden. Im Normalfall kämen selbst verurteilte Mörder bereits nach 15 bis 20 Jahren wieder frei.

Eine der bekanntesten Haftanstalten Norwegens liegt auf dem kleinen Eiland Bastøy. Mit den berüchtigten US-amerikanischen Gefängnisinseln Alcatraz bei San Francisco oder Rikers Island vor New York hat das Eiland im Oslofjord jedoch wenig gemein, im Gegenteil. Bastøy ist eines von mehreren "offenen Gefängnissen" in Norwegen, in denen Häftlinge (wieder) Eigenverantwortung lernen sollen: Hohe Mauern, Wachtürme und Gitter gibt es hier nicht.

Christie hält es für möglich, dass auch Breivik eines Tages in einer vergleichbaren Einrichtung untergebracht wird: "Er wird nicht versuchen wegzulaufen." Gerade Kriminelle, die zu langen Haftstrafen verurteilt würden, hätten ein Bedürfnis nach einer offenen Umgebung.

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