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Norwegen: Attentäter Anders Behring Breivik:"In den Gefängnissen eine Kreuzritter-Bewegung gründen"

Die verheerenden Anschläge mit mindestens 76 Toten sollen nur der Auftakt gewesen sein: In seinem Manifest phantasiert Anders Behring Breivik über den Sturz der demokratischen Regierungen aus der Haftanstalt heraus. Hinter Gittern will er Gleichgesinnte rekrutieren - und das Gefängnis zur "Trainingsbaracke" machen.

Die Geschichte des Anders Behring Breivik endet nicht mit seiner Tat - sie beginnt damit: So sähe es jedenfalls der 32-Jährige selbst gerne. Sein mehr als 1500 Seiten starkes Manifest erzählt nicht nur die Genese eines Massenmords: "2083", so der Titel des Pamphlets, kündigt auch vom Niedergang der "marxistisch-multikulturellen Regime" bis zum Jahr 2083. Dabei will Breivik eine herausragende Rolle spielen: Im Gegensatz zu vielen Amokläufern, die den eigenen Tod miteinplanen, ist der Tod für ihn offensichtlich keine Option.

A picture of Anders Behring Breivik taken from a book downloaded from a link posted on the Norwegian discussion website, www.freak.no, and entitled '2083 - A European Declaration of Independence', is seen in this screen grab

Anders Behring Breivik, wie er sich selbst wohl am liebsten sieht: Das Foto in Kampfmontur hat der mutmaßliche Attentäter seinem Manifest angehängt.

(Foto: Reuters)

Als ihn die norwegische Polizei am späten Freitagnachmittag auf der Insel Utøya schließlich stellt - nachdem er mutmaßlich im Zentrum Oslos eine Bombe gezündet und auf dem kleinen Eiland im Tyrifjord ein Blutbad angerichtet hat -, ergibt sich Breivik widerstandslos.

Mittlerweile sitzt der Mann, der vermutlich allein für den Tod von mehr als 70 Menschen verantwortlich ist, in Oslo in Untersuchungshaft. Noch an diesem Montag ist er dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden. Vorab hieß es, Breivik wünsche sich eine öffentliche Anhörung und wolle in Uniform Auskunft zu seinen Motiven geben. Der Richter verwehrte ihm die Selbstinszenierung jedoch und schloss Medien und Öffentlichkeit aus.

Gegenüber den Vernehmungsbeamten hat Breivik die ihm vorgeworfenen Taten bereits teilweise eingeräumt. Über seinen Anwalt ließ der 32-Jährige verlauten, diese seien "grauenhaft, aber notwendig". Trotz des Geständnisses plädierte er bei seinem Haftprüfungstermin auf "nicht schuldig". In seinen schriftlichen Ausführungen nennt Breivik die auf das Attentat folgende Zeit "Propagandaphase".

Diese ist - den Bemühungen der norwegischen Justiz zum Trotz - bereits in vollem Gange: Denn der 32-Jährige hat vorgesorgt.

Im hinteren Teil seines Manifests interviewt sich Breivik selbst und liefert Antworten auf alle möglichen Fragen. So gibt er bereitwillig Auskunft über seinen familiären Hintergrund (sein Stiefvater sei ein "primitives, sexuelles Tier, aber gleichzeitig ein liebenswerter und guter Typ"), er berichtet von jüngsten Party-Erlebnissen (anlässlich des 30. Geburtstags eines Freundes habe er so viel Alkohol getrunken wie schon lange nicht mehr) - und er gewährt einmal mehr Einblick in sein radikal-reaktionäres wie menschenverachtendes Weltbild.

So schreibt er auf Seite 1360, zivile Opfer seien der "einzige pragmatische Weg, vorwärtszukommen". Der Massenmörder stilisiert sich zum Märtyrer, der selbstlos den Hass der Gesellschaft auf sich nimmt, um einem höheren Ziel zu dienen. Man könne sein Handeln mit einem Elternteil vergleichen, das seine Kinder schlage, heißt es auf Seite 1383: "Das Kind wird seine Eltern erst einmal hassen, aber mit der Zeit wird es verstehen, dass seine Eltern es nur beschützen wollen."

Bei einer Verurteilung drohen Breivik 21 Jahre Haft, die Höchststrafe in Norwegen. Nach einem Bericht der norwegischen Zeitung Aftenposten ziehen die norwegischen Ermittler wegen der besonderen Schwere der Taten auch eine Strafverfolgung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Betracht: In diesem besonderen Fall könnte der 32-Jährige für 30 Jahre in Haft kommen.

Eine Sicherungsverwahrung wie in Deutschland gibt es in dem skandinavischen Land explizit nicht. Jedoch sei es theoretisch möglich, Kriminelle über die eigentliche Strafdauer hinaus wegzusperren, zitiert das amerikanische Nachrichtenportal Daily Caller einen norwegischen Rechtsexperten: "Wenn die Person als besondere Gefahr für die Gesellschaft betrachtet wird, ist es möglich, diese Person zu einer Strafe zu verurteilen, die es den Behörden erlaubt, sie oder ihn über die 21 Jahre hinaus in Gewahrsam zu behalten", sagte Nils Christie, Professor an der Uni Oslo, dem Blatt. Allerdings müsse dies erneut vor Gericht verhandelt werden. "Soweit ich weiß, tritt so ein Fall so gut wie nie ein."

Breivik hat offenbar nicht vor, die Zeit hinter Gittern ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein Absatz in seinem Manifest ist den Strukturen in westeuropäischen Haftanstalten gewidmet. Dort sei es für einen Ritter der Gerechtigkeit - und als solcher sieht er sich selbst - möglich, sich mit gleichgesinnten Individuen anzufreunden, die seine politischen Überzeugungen teilten. Europäische Patrioten sollten Schritte ergreifen, "innerhalb unserer Gefängnisse eine Kreuzritter-Bewegung zu gründen, die allen Individuen innerhalb der Bewegung Schutz bietet".

In der Rekrutierung von "patriotischen Widerstandskämpfern" sieht er eine - beziehungsweise seine? - vornehmliche Aufgabe der kommenden Dekaden. Haftanstalten seien der ideale Ort, um Mitglieder für politische Zwecke anzuwerben. "Eines unserer primären Ziele sollte sein, westeuropäische Gefängnisse zu Trainingsbaracken zu machen, aus denen wir unsere Streitkräfte beziehen können."

Außerhalb der Gefängnismauern will Breivik bereits Unterstützer gefunden haben: In seiner Anhörung sprach der Beschuldigte demnach von "zwei weiteren Zellen in unserer Organisation".

Angesichts seines öffentlich zugänglichen Gedankenguts erscheint es fraglich, ob die norwegische Justiz Breivik die Möglichkeit geben wird, Einfluss auf Mitgefangene auszuüben. Eine Möglichkeit wäre, den 32-Jährigen abgeschottet von anderen Häftlingen in Einzelhaft zu verwahren. Solange noch keine Gutachten über den Geisteszustand des Norwegers vorliegen, ist auch die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eine Option.

Sicher scheint nur, dass die Monstrosität des vorliegenden Verbrechens das norwegische Rechtssystem vor eine noch nie dagewesene Herausforderung stellen wird.

© sueddeutsche.de/bön/lala

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