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Stare in Wiesbaden:Kackofonie

Stare im Landeanflug

Ein Starenschwarm ist ein erhebendes Naturschauspiel. Außer man wohnt in der Adolfsallee in Wiesbaden.

(Foto: Boris Roessler/picture alliance/dpa)

Die hessische Landeshauptstadt hat Problem-Stare. Sämtliche Register wurden gezogen. Jetzt setzt die Stadt auf Pyrotechnik.

Von Franziska Osterhammer

Die Adolfsallee in Wiesbaden ist eine Prunkstraße. Hohe Gründerzeitbauten, Rechtsanwaltkanzleien, Arztpraxen, eine vierreihige Kastanienallee, Kinderspielplatz. Nur gerade ist die Lage dort, nun ja, beschissen. Man entschuldige die Wortwahl, sie ist nur deswegen angebracht, weil sie stimmt. Seit drei bis vier Jahren haben gut 3000 Stare die Adolfsallee nämlich zu ihrem bevorzugten Schlafplatz auserkoren auf ihrer Durchreise in den Süden. Genauer gesagt: die 24 Kastanienbäume, die direkt um den Kinderspielplatz stehen.

Es heißt zwar immer, Dreck härte ab, aber das ist dann doch zu viel des Guten.

Marco Lange, Leiter des Bezirks 1 Grünhaltung im Grünflächenamt Wiesbaden, ist zwar prinzipiell kein Star-Gegner, aber genervt: Die 3000 Stare kommen teuer. 5500 Euro kostet die Reinigung des Spielplatzes die Stadt seit Juni 2020 pro Monat zusätzlich. Und eigentlich müsste dauernd gereinigt werden.

Die bereits ergriffenen Maßnahmen: Ein Vogelabwehrsystem der Marke Purivox, "Systematische Vogelabwehr seit 1950", wurde in den Bäumen installiert. Jeden Abend von 18 bis 20.30 Uhr werden Falken- und Habichtschreie sowie Warnrufe von Staren in diversen Frequenzen abgespielt, "volle Lautstärke", sagt Lange. Dann gibt es die Ballons: An Bambusstäben wurden sie in den Baumkronen befestigt, gelb, mit roten Augen bedruckt, "scary eyes", so heißen sie auch. Ergebnis? Keines. Unbeeindruckte Stare nach wie vor.

Wiesbaden

Wiesbaden, Adolfsallee: Der Begriff "Kotflügel" bekommt hier eine völlig neue Bedeutung.

(Foto: Oliver Weirich)

Am Donnerstagabend fuhr die Stadt jetzt noch schwerere Geschütze auf, dies im wortwörtlichen Sinne. Immer, wenn ein Teil eines Schwarmes sich in den Baumwipfeln niederlassen wollte, wurden am Boden Knallkörper gezündet. Des Weiteren wurde ein neuer Mix an Vogelschreien abgespielt. War die Kakophonie erfolgreich?

Lange zeigt sich vorsichtig optimistisch. Der Schwarm habe sich nicht mehr gesammelt auf den Stamm-Bäumen niedergelassen, sondern sich in umliegende Grünflächen verteilt. Ob das Manöver nachhaltig Eindruck hinterlassen habe, könne man jetzt noch nicht sagen. Das Prozedere muss dazu erst noch einige Male wiederholt werden.

Tatsächlich hat das Ganze auch mit dem Klimawandel zu tun. Der Klimawandel sorge dafür, dass die Stare erst viel später Richtung Süden abziehen. Mit der Lage am Rhein, umgeben vom Taunus, und dem milden Klima überzeugt man wohl nicht nur Neubürger, sondern auch Stare - vergleichbare Probleme in anderen Städten sind dem Grünflächenamt Wiesbaden nicht bekannt.

Wiesbaden

Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2019, die Problem-Stare sind aber leider immer noch da.

(Foto: Oliver Weirich)

Ganz aus dem Stadtgebiet wird man die Vögel deswegen so schnell nicht rausbekommen, "aber vom Spielplatz sollen sie doch bitte weggehen", sagt Lange.

Und die Anwohner in der Adolfsallee?

Die sind nicht unbedingt begeistert, aber abgehärtet, decken ihre geparkten Autos mittlerweile mit Planen ab, wie Bilder im Internet zeigen, und finden zum Teil sogar Gefallen am einzigartigen Naturschauspiel direkt vor ihrer Haustür. Wer braucht da noch National Geographic.

Nur bei entsprechender Witterung rieche das Ganze dann doch "recht ordentlich", so eine Mitarbeiterin des Umweltamtes. In einer Stellungnahme auf Facebook findet der Ortsbeauftragte der Staatlichen Vogelschutzwarte deutlichere Worte: Es stinke dort "wie Zoo".

© SZ/muth
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