Wetter - Düsseldorf:Aufatmen an Steinbachtalsperre: Reul nimmt Behörde in Schutz

Deutschland
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Foto: Marcel Kusch/dpa (Foto: dpa)

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Düsseldorf/Euskirchen (dpa/lnw) - Mehrere Tage nach Beginn der Flutkatastrophe gibt es in Nordrhein-Westfalen einen Grund zum Aufatmen: Die seit Tagen vom Hochwasser bedrohte Steinbachtalsperre in der Nähe von Euskirchen hält. "Ein Dammbruch ist jetzt nicht mehr zu befürchten", teilte die Bezirksregierung Köln am Montag mit. Zuvor hatten Fachleute die Standsicherheit des Damms begutachtet. In den vergangenen beiden Tagen sei so viel Wasser abgelassen und abgepumpt worden, dass die Experten nun von einer stabilisierten Lage ausgingen, hieß es. "Die Talsperre wird in den nächsten Tagen abgefischt und dann vollständig entleert."

Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der sich die Talsperre am Montag zusammen mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) anschaute, sagte, ein Bruch habe verhindert werden können. Es bestehe nun die Chance, "dass sich die Lage endgültig" entspanne. Der Rhein-Sieg-Kreis meldete, die Evakuierungsmaßnahmen für die Orte Swisttal und Rheinbach könnten nun aufgehoben werden.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) schaltete sich unterdessen in die Debatte ein, ob rechtzeitig vor dem Hochwasser gewarnt worden war. Aus Sicht von Reul haben die Städte und Kreise gut reagiert. "Ich kenne keinen Fall, wo auf Grund zu später Evakuierung Schaden entstanden ist", sagte er in Düsseldorf. Ein größeres Problem sei vielfach gewesen, dass Menschen Warnungen nicht ernst genommen hätten und ihr Haus nicht verlassen wollten.

"Das allergrößte Problem" sei nicht, "dass irgendeiner an irgendeiner Stelle mal irgendwas falsch oder zu wenig gewarnt hat", so Reul. "Sondern ich glaube, die Befindlichkeit bei uns ist: Wir leben in einer heilen Industriewelt, einer Superwelt - und uns kann nichts passieren. Katastrophen finden irgendwo anders statt." Grundsätzlich zuständig für die Schutzmaßnahmen seien die Kreise und Städte, bekräftigte er zudem. "Das ist ein scharfer Grundrechtseingriff, Leute von ihrem Grund und Boden zu vertreiben." Er versprach zugleich, das Vorgehen der staatlichen Stellen "schonungslos und ehrlich" aufzuklären. Dazu sei aber jetzt nicht die Zeit.

Unter anderem hatte eine britische Wissenschaftlerin den deutschen Behörden "monumentales" System-Versagen vorgeworfen. Klare Hinweise, die im Rahmen des europäischen Frühwarnsystems EFAS bereits vier Tage vor den ersten Überschwemmungen herausgegeben wurden, seien offenbar nicht bei der Bevölkerung angekommen, sagte Hannah Cloke von der Universität Reading der "Sunday Times".

Nach Informationen des Innenministeriums vom Montag sind bei der Flutkatastrophe mindestens 47 Menschen ums Leben gekommen. Man könne noch immer nicht ausschließen, noch weitere Opfer zu entdecken. Viele Menschen galten auch immer noch als vermisst. Die Flut hatte Häuser und Autos weggespült. Die Aufräumarbeiten sind noch im vollen Gange.

Im Westen Deutschlands waren auch am Montagmittag noch rund 30 000 Menschen im Gebiet des Versorgers Westnetz ohne Strom. In Stolberg sind im Stadtarchiv zudem wegen Überflutungen viele historische Dokumente in Gefahr. "Unsere komplette Stadtgeschichte ist abgesoffen", sagte Bürgermeister Patrick Haas (SPD) der dpa.

Auf der überspülten Bundesstraße 265 bei Erftstadt wurden mittlerweile alle vom Hochwasser eingeschlossenen Fahrzeuge geborgen. Tote seien glücklicherweise dabei bislang nicht entdeckt worden, erklärte ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises am Montag. Allerdings gebe es noch ein Regenrückhaltebecken in der Nähe der Straße, das noch ausgepumpt werde.

Auf der B265 waren mehr als 100 Fahrzeuge vom Hochwasser eingeschlossen worden. Der Rhein-Erft-Kreises hatte erklärt, es sei unklar, ob es alle Insassen rechtzeitig aus ihren Wagen geschafft hätten, als sie von den Wassermassen überrascht wurden.

Auch im besonders stark getroffenen Erftstädter Stadtteil Blessem wurden zunächst keine Todesopfer der Hochwasserkatastrophe gefunden. 29 Menschen galten aber noch als vermisst, sagte der Sprecher des Kreises. In dem Stadtteil hatte ein gewaltiger Erdrutsch Straßen und Häuser mitgerissen. Die Abbruchkante am Rand des Kraters galt zunächst weiterhin als Risikozone.

Der Stadtteil war am Montag nach Angaben der Stadt komplett geräumt. Am Sonntagabend seien Einsatzkräfte die Häuser abgegangen. Dabei seien Haustiere gefunden und gerettet worden - Menschen habe man nicht angetroffen.

Die Suche nach den Vermissten laufe unter Einsatz sämtlicher verfügbarer Ressourcen, sagte die Bürgermeisterin von Erftstadt, Carolin Weitzel, im "Morgenmagazin" von WDR 2. Im Einsatz mit den Rettungskräften vor Ort seien Roboter, Sonargeräte, Drohnen und Suchhunde.

Am Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in NRW erwartet, um sich ein Bild von der Hochwasserkatastrophe zu machen. Zusammen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kommt sie nach Bad Münstereifel. Die Stadt wurde vom Hochwasser massiv verwüstet.

© dpa-infocom, dpa:210719-99-439955/4

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