Ruhrgebiet Wie ist es auf dem "hässlichsten Weihnachtsmarkt in Deutschland"?

Der angeblich unbeliebteste Weihnachtsmarkt Deutschlands.

(Foto: City Initiative Gelsenkirchen e.)
  • Der Gelsenkirchener Weihnachtsmarkt wurde in einem fragwürdigen Internet-Ranking zum unbeliebtesten in Deutschland gekürt.
  • Nach vielen Jahren, in denen sich Besucher und Händler über den ungemütlichen Weihnachtsmarkt beklagten, versucht das Stadtmarketing nun, das Ruder herumzureißen: mit einem Weihnachtsdorf.
Von Jana Stegemann, Gelsenkirchen

Wird es hier jemals nochmal schön? Vorbei an der Kneipe "Charlys Bummelzug", wo das Stauder-Pils 1,50 Euro kostet, nebenan gibt's Handschuhe für zwei Euro. "Nanu-Nana" bietet Pokale mit dem Schriftzug "Bester Lover der Welt" an. Niemand bleibt länger als nötig im Gelsenkirchener Bahnhofscenter.

In der sich anschließenden Bahnhofstraße, einer der am stärksten frequentierten Shoppingzeilen des Ruhrgebiets, reihen sich Billigläden, Drogerien und Backshops aneinander. Eine konforme Einkaufsmeile, wie es sie in vielen deutschen Innenstädten gibt. In großem Abstand stehen Weihnachtsmarkt-Fressbuden vor den Geschäften. Das Zelt in Biermanns Bauernstüberl ist zwar beheizt, aber trotzdem fast leer. Die Kinder-Eisenbahn in der Nähe steht still. Vorm H&M dreht sich ein kleines Kinderkarussell, bei "Lecker Lecker" kostet die Dose FC Schalke Energy-Drink einen Euro. Der dreizehn Meter hohe Weihnachtsbaum besteht aus aufeinandergetürmten blau-weiß leuchtenden Kugeln. Eine Hommage an den örtlichen Fußballverein. Vor der "Krippenschenke" prasselt ein Lagerfeuer, an dem sich niemand wärmt.

Wer hier entlanggeht, versteht sofort, warum der Gelsenkirchener Weihnachtsmarkt zum unbeliebtesten der Republik gewählt wurde. Beim Ranking eines Testportals landete er auf dem letzten Platz. Das Portal hat für seine Liste nach eigenen Angaben 67 000 Nutzerbewertungen von 76 deutschen Adventsmärkten auf Facebook und Google ausgewertet und daraus eine Durchschnittsnote gebildet, ein fragliches Vorgehen. Die Zahl der Beurteilungen schwankt zwischen 5842 (Erfurt) und 30 (Gelsenkirchen). Das Ranking ist aus dem Vorjahr. Der schönste Weihnachtsmarkt steht demnach in Bremen. Über den Gelsenkirchener schrieb ein Facebook-Nutzer hingegen: "Der leerste und hässlichste Weihnachtsmarkt in Deutschland". Aber das war im Jahr 2016. Und heute?

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Leider lässt sich ein über Jahre angekratztes Image nicht so schnell aufpolieren

Auf dem Heinrich-König-Platz, der Volksmund hier sagt nur "HKP", wandelt sich die Tristesse. Vor der Propsteikirche ist in V-Form ein Weihnachtsdorf aufgebaut. Heimelige Holzhütten, stilvoll geschmückte Tannen, warmes Licht, gemütliche Sitzplätze, leise Musik. Es ist der Versuch des Stadtmarketings nach vielen Jahren, in denen sich Besucher und Händler gleichermaßen über den ungemütlichen Weihnachtsmarkt beklagten, das Ruder herumzureißen. Aber lässt sich ein über Jahre angekratztes Image so schnell aufpolieren?

Die Nachricht, dass Gelsenkirchen den laut Netz-Testurteil unpopulärsten Weihnachtsmarkt Deutschlands hat: für viele keine Überraschung. Die 260 000- Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet gilt längst als Armenhaus der Republik. Da passt der letzte Platz perfekt ins Bild. Dabei ist das Weihnachtsdorf unter dem Motto "Weihnachten bei Freunden" ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn nicht viel los ist.

Fast jeder Vierte lebt hier von staatlicher Unterstützung

"Gelsenkirchen kriegt erst am Monatsende Geld", sagt eine Verkäuferin. Gelsenkirchen ist die Stadt in NRW mit dem höchsten Anteil an Hartz IV-Beziehern, fast jeder Vierte lebt hier von staatlicher Unterstützung. Gut sei die Stimmung in diesem Jahr trotzdem. Wer mit den Händlern spricht, merkt: In Gelsenkirchen sind die Einheimischen zur Selbstkritik fähig. "Letztes Jahr war es schlimm, aber dieses Jahr ist es schön. Die Leute sind viel besser drauf, endlich, endlich haben wir hier auch Weihnachtsflair", sagt eine andere Verkäuferin.

Katrin Kolender trinkt mit ihrem Mann, ihren Kindern und Freunden einen Feierabend-Glühwein. Die Gelsenkirchenerin kann sich über das Ergebnis des Rankings richtig aufregen: "Ja, die letzten Jahre war der Markt schrecklich, jetzt finde ich ihn aber richtig nett." So sehen das auch andere Besucher. Zwei Schülerinnen wollten eigentlich "nur kurz zum Primark", jetzt stehen sie am Eingang des Weihnachtsdorfes. "Dass es sowas bei uns jetzt überhaupt gibt, ist doch super", sagt Selin, Marie nickt.

"Nettes Ambiente, kleine feine Büdchen"

In Gelsenkirchen bringen die Händler die Einnahmen zwar abends nicht mit Schubkarren zur Bank wie in Nürnberg und München, aber darum geht's ja auch nicht, findet Elisabeth Hanke. Die Rentnerin aus Gelsenkirchen verkauft in einem Hüttchen ihre selbstgebastelten Grußkarten. "Gestern hat eine Frau 20 Karten auf einmal gekauft, das war natürlich schön. Aber sonst freue ich mich am meisten über die Gespräche mit den Besuchern." Die können sich aber nicht nur auf den Plausch mit Frau Hanke freuen, sondern auch über moderate Weihnachtsmarktpreise: Der Glühwein für einen guten Zweck kostet 2,50 Euro pro Tasse, Reibekuchen pro Stück einen Euro, Bubble-Glüh und Winter-Erdbeerbowle sind für vier Euro zu haben.

Nun der Blick ins Netz nach zwei Wochen Weihnachtsmarkt, Halbzeit in Gelsenkirchen: Nur eine negative und 27 positive Bewertungen. "Nettes Ambiente, kleine feine Büdchen", "mit ganz viel Liebe aufgebaut und dekoriert", "nach Jahrzehnten von Weihnachtsmarkt-Katastrophen endlich wieder ein Schritt in die richtige Richtung".

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