Josef von Nazareth:Der stille Held der Bibel

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Christi Geburt von Julius Schnorr von Carolsfeld

Bibelillustration von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872): Geburt Christi im Stall mit Maria und Josef (li.) sowie Hirten.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ehemann von Maria, aber nicht Jesu Vater: Josef bleibt in der Weihnachtsgeschichte im Hintergrund. Welche Rolle spielte der Mann, der Gottes Sohn aufzog?

Von Josef Schnelle

Über Josef von Nazareth und dessen Leichtgläubigkeit lachen "echte Männer" noch heute. Da wird ihm "im Traum" eingeflüstert, seine Verlobte Maria sei von einem "Heiligen Geist" heimgesucht worden und sei jetzt schwanger. Er aber sei auserwählt, ihr bei der Aufzucht des Gottessohnes, ein solcher sei das ungeborene Kind nämlich, zu helfen.

Gerade war der künftige Ehemann von einer Dienstreise als Zimmermann zurückgekehrt, um ein hochschwangeres Weib vorzufinden, das beteuerte, immer noch Jungfrau zu sein. Josef haderte ein bisschen mit dem Schicksal, fand sich dann aber bereit, das "Kuckuckskind", immerhin von Gott, aufzuziehen.

Josef, der in den meisten Darstellungen der Weihnachtsnacht nur still und zurückhaltend in der Ecke steht, ist auf den ersten Blick die komische Skandal- und Seitenfigur. Es sei denn, man glaubt die ganze Geschichte. Schließlich kann die wirkmächtige Weltreligion doch nicht ganz auf Sand oder auf einer einzigen kleinen Lüge aufgebaut sein.

Oder war Josef schon der erste moderne Mann, der Windeln wechselte, Süppchen kochte und als stiller Anpacker im Hintergrund einer Patchworkfamilie glänzte, wie manche moderne Theologen meinen, zum Beispiel Margot Käßmann? Sie findet auch, man könne den Josef in der Krippenkonstellation ruhig ein bisschen mehr nach vorn stellen.

Wer war Josef von Nazareth wirklich? Der schweigsame wahre Held der Weihnachtsgeschichte, der lange nur als alter Mann mit Bart gezeigt wurde? Er betrat das Geschehen schon als Witwer, der auf Geheiß der Priester die Tempeljungfrau Maria - als solche war sie der Legende nach in Jerusalem aufgewachsen - ehelichte.

Die Priester hatten es sich nicht leicht gemacht. Jeder Bewerber musste wie im Märchen einen Stab abgeben, der ihm nach der Vorstellung zurückgegeben wurde. Josefs Stab ergrünte und es schlüpfte eine Taube daraus hervor als deutliches Zeichen der Auserwähltheit.

So erzählt es das frühchristliche apokryphe Protoevangelium des Jakobus, das als griechisch verfaßter Papyrus "Bodmer 5" aus dem dritten Jahrhundert stammt, doch wahrscheinlich noch 200 Jahre älter sein dürfte. Diese Legendensammlung um Marias Lebensgeschichte erzählt auch vom "Prüfungswasser Gottes", das beide trinken mussten und den Verdacht des Ehebruchs Marias endgültig entkräftete.

Sie überlebten es nämlich, zum Glück für Maria, die sowieso Angst haben musste, als Ehebrecherin gesteinigt zu werden. Josef war also in jeder Hinsicht ein Glücksfall für die gesamte Heilsgeschichte.

Zimmermann war er wahrscheinlich nicht. Passend zum sozialrevolutionären Lukas-Evangelium machte man ihn im Mittelalter zum schlichten Handwerker. In den griechischen Bibelübertragungen ist jedoch von einem Tekton, einem "Baumeister und Architekten", die Rede.

Als solcher dürfte Josef wohl kaum bitterarm gewesen sein. In den kanonisierten Evangelien hat Josef nur ganz wenige Auftritte und spricht kein einziges Wort. Er ist Ziehvater, Helfer und Ernährer, meldet sie in Bethlehem zur Volkszählung an, steht bei der Geburt ohne Heiligenschein im Hintergrund, begleitet Maria mit dem Baby auf dem Esel bei der beschwerlichen Flucht nach Ägypten und bringt Jesus später mit Maria zur Beschneidung.

Als der Zwölfjährige einmal beim Osterfest in Jerusalem ausbüxt, ist Josef bei seinem letzten Auftritt nur noch im Plural der suchenden "Eltern" mit erwähnt. Irgendwann zwischen diesem Erscheinen und Jesu öffentlichem Auftreten muss Josef gestorben sein, denn sonst hätte ihn der gute Sohn wohl zur berühmten Hochzeit zu Kana in Galiläa mitgenommen, anstatt nur seine Mutter Maria mit allen Ehren zu empfangen.

War Josef von Nazareth mehr als nur der friedliche und gerechte, die Eintracht der "Heiligen Familie" bewachende pater familias? Das wäre ja schon genug des Heldentums gewesen. Denn wer hat Jesus die ersten Schritte beigebracht und ihn im Lesen und Schreiben unterwiesen, ihm die Welt gezeigt und ihn zum Schreiner oder Architekten ausgebildet? Für den menschlichen Anteil an der Persönlichkeit Jesu Christi ist Josef jedenfalls direkt mit zuständig gewesen.

Vielleicht war Josef eine wichtigere Figur, als es die Evangelien mitteilen. Im einzigen Spielfilm, den der Italiener Raffaele Mertes 2000 ausdrücklich der Josefsfigur widmete, spielt ihn Tobias Moretti als handfesten Actionhelden, der mitten im Leben steht. Für Herodes Antipas baut er Tempeltüren und wird beinahe in einen antityrannischen Aufstand der Zeloten verwickelt. Er schlägt auch schon mal zu, wenn's seiner guten Sache dient.

Jesu Brüder - oder Halbbrüder - spielen im Frühchristentum eine wichtige Rolle

Mag sein, dass das Leben Josefs, der erst im 20. Jahrhundert als Schutzpatron des Tages der Arbeit und des Zweiten Vatikanischen Konzils richtig ins Zentrum kirchlicher Aufmerksamkeit geriet, wohl eher nicht einem Abenteuerhelden im Sandalenfilm glich. Doch zu seiner Zeit galt er als schweigsamer, aber bedeutender Mann. Nicht umsonst bemühen sich auch die Evangelien, seine Herkunft und damit auch die seines Ziehsohnes von König David nachzuweisen.

Auch Josefs echte Söhne, die Brüder oder Halbbrüder von Jesus, spielen in der frühchristlichen Gemeinde eine wichtige Rolle. Vor allem "Jakobus der Gerechte", der um 62 ermordet wurde. Vielleicht war auch Josef selbst zu seinen Lebzeiten ein hochgeachteter "Gerechter" gewesen. Seine Spur verliert sich im Ungewissen.

So geheimnisvoll er bleibt, so sind wenigstens ein paar Sätze aus dem Protoevangelium des Jakobus erhalten, in denen Josef poetisch eindrucksvoll vom absoluten Stillstand des Himmels bei der Geburt Jesu berichtet: "Ich aber blickte hoch und sah die Luft erstarrt und blickte ins Himmelsgewölbe und sah es stillstehen und die Vögel des Himmels ohne Bewegung."

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