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Katastrophenübung:Warum um elf die Sirenen heulen

Bundesweiter Warntag 2020

Blick auf eine Sirene auf dem Krankenhaus Merheim.

(Foto: dpa)

Mit einem "Warntag" soll an diesem Donnerstag das Katastrophenbewusstsein der Bevölkerung geschärft werden.

Von Mareen Linnartz

An diesem Donnerstag um elf Uhr werden sich manche wundern und bei anderen Erinnerungen wach werden: Denn dann werden im ganzen Land Sirenen heulen, eine Minute lang. Der Alarm ist Teil eines sogenannten "Warntages", den das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) schon lange vor der Corona-Pandemie ersonnen hat.

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat es diese Form des gesamtgesellschaftlichen Krisen-Trainings zumindest bundesweit so nicht mehr gegeben, ein eindeutiger Missstand, wenn es nach Christoph Unger, Präsident des BBK, geht. Man dürfe die Bevölkerung nicht in Sicherheit wiegen, sie nicht "einlullen", das berge Risiken, lässt er sich von der Deutschen Presse-Agentur zitieren. Er glaubt, dass die Zukunft "ungemütlicher" werden wird. Mit Überschwemmungen, Terroranschlägen, Hochwasser, Erdbeben, aber auch Hitzewellen, wie es sie schon 2018 gegeben hat.

Es wird nicht mehr nur mit Sirenen Alarm geschlagen

Deswegen also der Warntag, um das Bewusstsein für Bedrohungen zu schärfen und das Wissen, wie darauf zu reagieren ist, zu erweitern. Sirenen sind da nur ein Instrument der Schärfung, genau genommen sogar nur ein kleines. Weil nach der Wiedervereinigung nicht nur bundesweite Alarmübungen ad acta gelegt wurden, sondern Sirenen, diese Relikte des Kalten Krieges, gleich mit verschwanden, sind sie heute nur noch vereinzelt zumeist in ländlichen Gebieten im Einsatz und in Großstädten wie Berlin schon länger nicht mehr zu vernehmen.

Abgesehen davon sind sie auch heute, 30 Jahre und, was die technische Entwicklung angeht, eine Ewigkeit später, nicht mehr das Kommunikationsmittel der ersten Wahl. Und so werden an diesem 10. September für den Probealarm nicht nur die Sirenen heulen und Radiosender ihre laufenden Sendungen unterbrechen, sondern unter anderem auch digitale Werbetafeln an Straßen und die Warn-App NINA genutzt - die schon jetzt während der Corona-Monate ein Informationskanal der Bundesregierung gewesen ist.

So ein Warntag sei schon gut und sinnvoll, sagt Martin Voss von der Katastrophenforschungsstelle Berlin. Aber in Zeiten wie diesen, in denen das ganze Land schon monatelang die Erfahrung einer Krise gemacht habe, eher nur "ein Impuls", um sich grundsätzlicher darüber zu verständigen, wie man als Gesellschaft auf Katastrophen am besten reagieren sollte - und wie Regierung und Behörden am besten kommunizieren können.

An diesem Donnerstag jedenfalls werden die Sirenen noch ein weiteres Mal heulen, um 11.20 Uhr, wieder eine Minute lang. Als Zeichen dafür, dass nun der Spuk vorbei ist, den es von jetzt an jedes Jahr am zweiten Donnerstag im September geben soll.

© SZ/nas
Frank Roselieb

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Frank Roselieb berät Regierungen, wie sie in Krisen mit ihren Bürgern kommunizieren sollten. Ein Gespräch darüber, was in Deutschland zu Beginn der Pandemie schiefgelaufen ist und warum manche Informationen geheim bleiben müssen.

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