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Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern:"Wir gehen von der Verteidigung auf Angriff über"

Waldbrand bei Lübtheen

Zwei Hubschrauber CH53 der Bundeswehr nehmen jeweils 5000 Liter Löschwasser in einem See auf.

(Foto: dpa)

Bei Lübtheen brennen 700 Hektar Wald. Die Anwohner bangen um ihre Häuser, während die Feuerwehr gegen die Flammen kämpft. Ein Besuch unter den Rauchschwaden.

Barbara Promer sitzt an einer Bierzeltgarnitur vor der Sporthalle in Lübtheen. Vor ihr liegt ein aufgeschlagenes Heft mit Kreuzworträtseln. Ihre sonnengebräunten Hände halten sich an einer kleinen Plastikflasche fest, Apfelsaft. Die ehrenamtlichen Helfer haben solche Flaschen palettenweise an Menschen wie Promer ausgegeben. Die 78-Jährige ist eine der evakuierten Anwohner rund um das riesige Waldbrandgebiet im Landkreis Ludwigslust-Parchim, wo gerade der "größte Waldbrand in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns" wütet, wie Umweltminister Till Backhaus (SPD) am Montag sagte. Als er dies sagte, war eine Fläche von mehr als 430 Hektar betroffen. Einen Tag später, am Dienstagabend, ist die Rede von 1200 Hektar betroffener Waldfläche, darunter auch ausgebrannte. Etwa 850 Hektar brennen im Moment noch. Das Feuer dehne sich aber nur noch auf dem Truppenübungsplatz aus, nicht mehr Richtung Ortschaften, hieß es am Dienstagabend.

Aber der Landrat von Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg (SPD), gibt noch keine Entwarnung. "Jetzt davon zu reden, dass der Brand unter Kontrolle sei, wäre viel zu früh", sagt er. Morgens hatte die Einsatzleitung einen Schlachtplan herausgegeben. "Wir gehen von der Verteidigung auf Angriff über", sagte Sternberg. Am Abend zieht er zusammen mit Brigadegeneral Gerd Kropf Bilanz. Sie hätten den Einsatz noch einmal "richtig hochgefahren", so Sternberg. Pionierbrigaden hätten bereits mehrere Kilometer Schneisen geräumt und Wege freigemacht. Sobald die Löschfahrzeuge hineinfahren können, muss "schnell viel Wasser möglichst nah" herangebracht werden, so der Landrat.

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An diesem Mittwoch sollen die 22 bereitstehenden Wasserwerfer eingesetzt werden, sagte Kropf. Über Nacht und auch am Mittwoch werden weitere Schneisen gelegt, "damit wir hoffentlich die Ausdehnung verhindern können". Im Boden liegt alte Munition verschiedener Truppen, die dort in den vergangenen 80 Jahren geübt haben, es besteht akute Explosionsgefahr. Die Feuerwehrkräfte müssen bis jetzt einen Sicherheitsabstand von 1000 Metern einhalten. Deshalb konnte vom Löschen bisher nicht die Rede sein.

Manuela Schwesig (SPD), Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin, hat ihren Familienurlaub unterbrochen und ist am Dienstagabend in Lübtheen angekommen, "um mir ein Bild von der Lage machen zu können und den Einsatzkräften und den Helfern den Rücken zu stärken". Sie bedankt sich bei allen, die daran arbeiten, das Feuer zu bändigen und die Anwohner zu schützen. Sie sagt aber auch, dem Bund müsse "etwas einfallen, damit wir im nächsten Jahr nicht wieder so dastehen." "Wir brauchen einen nationalen Plan für solche Katastrophen. Was tun wir mit solchen Gebieten, die stark mit Munition belastet sind?" Einem Beschluss der letzten Innenministerkonferenz müssten Taten folgen, sagt Schwesig, die zuvor mit einem Hubschrauber der Bundespolizei über das betroffene Gelände fliegen konnte. "Es ist eine wirklich sehr ernste Lage."

Bei Lübtheen lag das Munitionshauptlager der Marine

Von den Dreißigerjahren bis ins Jahr 2015 wurde das Gebiet bei Lübtheen als Truppenübungsplatz genutzt. Auf dem nun brennenden Gelände liegen allerdings nicht nur Munition und Granaten von Militärübungen, sondern auch Sprengmittel aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei Lübtheen lag das Munitionshauptlager der Marine. Nach dessen unkontrollierter und "nicht fachgerechter" Sprengung 1945 durch die Alliierten sei die Explosionsgefahr nicht geringer geworden, sagte Thomas Cogiel vom Munitionsbergungsdienst Mecklenburg-Vorpommern am Montag im "ARD-Brennpunkt". Laut Landesinnenministerium ist das Gebiet immer noch mit bis zu 45,5 Tonnen Munition verseucht.

Vor der Sporthalle in Lübtheen schaut Barbara Promer, helle Augen, grau melierte Haare, kurz zum Himmel auf, vorhin kamen ein paar Regentropfen herunter. Es ist auch hier nicht mehr so heiß wie vergangene Woche. Ein starker Wind weht durch die leeren Straßen, die Wolken hängen tief. "Regen würde helfen", sagt die 78-Jährige. Sie lebt mit ihrem Mann seit 25 Jahren in Jessenitz-Werk, das neben Alt Jabel, Trebs und seit Montagabend auch Volzrade evakuiert wurde. Das Haus, erzählt sie, hätten sie selbst aufgebaut und umgebaut, den Garten immer gepflegt. "Da ist so viel Herz drin", sagt Promer. Immer wieder richtet sich ihr Blick in die Ferne. "Wie soll man sich schon fühlen, wenn man mitten in der Nacht raus muss?", sagt sie. Zwischen Mitternacht und ein Uhr hätten die Einsatzkräfte sturmgeklingelt. Alle seien sehr freundlich gewesen, aber "zügig" sollte es gehen. Nur gut, dass Promer immer eine gepackte Kosmetiktasche im Haus hatte, in der alles Nötige drin war. "Falls ich mal ins Krankenhaus muss."

Zurück, um die Haustiere zu füttern

Eine Frau mit welligem, grauem Haar setzt sich zu Promer. Auch sie ist in der Turnhalle untergebracht, solange das Feuer wütet. Nur ihre sieben Katzen mussten zu Hause bleiben. Immerhin darf sie sie füttern gehen - unter Aufsicht. Die Polizei bietet Zeiträume an, in denen die Anwohner in ihre Häuser zurückdürfen, um ihre Tiere zu füttern.

Aber nur unter Begleitung. Am Nachbartisch machen Polizisten gerade Mittagspause. Hilke Kortmann von den Maltesern hat ihnen Nudeln mit Tomatensoße in Aluschalen ausgegeben. Jetzt macht sie Feierabend. Sie sei um halb ein Uhr nachts aus Rostock losgefahren, um zwei Uhr nachts sei sie am Ort gewesen, erzählt Kortmann. "Das ist ganz normal bei diesen Einsätzen." Ihre Wangen glühen rot, trotz aller Müdigkeit macht sie ihre ehrenamtliche Arbeit sichtbar gern.

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