Griechenland nach den Waldbränden Ein Feuerwehrmann sagt: "Meine Stiefel sind geschmolzen"

"Das Feuer lief schneller als mein Auto", sagt Evangelos Bournous, der Bürgermeister der Hafenstadt Rafina, die neben Mati liegt. Bournous raste ein Stück neben dem Feuer her, da wusste er, diese Gewalt ist nicht zu stoppen. Nun sitzt er in seinem Büro im Rathaus, ein kleiner Mann mit müden Augen. Gerade war er wieder bei einer Beerdigung. "Leider habe ich nicht genug Zeit für die Toten, ich muss mich um die Lebenden kümmern." Der Bürgermeister war der Erste, der an jenem Abend im Sender Skai von Todesopfern sprach. Dafür wurde er von Regierungspolitikern gerügt und der Sender der Schwarzmalerei bezichtigt - als dürfe es so eine Katastrophe einfach nicht geben.

Bournous ist einer, der sich nicht leicht beugt, er sagt: "Leider hatte ich nicht die Verantwortung." Eine griechische Vorschrift sagt, wenn zwei Gemeinden von einer Evakuierung betroffen wären, hier Rafina und Mati, das zur Gemeinde Marathon gehört, muss die Präfektur auf Hinweis der Feuerwehr diese anordnen. Aber die Order kam nie. Rafina hat eine eigene kleine Feuerwehr mit fünf Wagen, die soll nur der staatlichen "assistieren". Doch die war seit dem Morgen bei einem Brand in Kineta, auf der anderen Seite von Athen, im Einsatz. Da wurde evakuiert. "Die Finanzkrise hatte auch Auswirkungen auf die Ausstattung der Feuerwehr", sagt Bournous. Das erzählen auch Feuerwehrleute. Einer sagt: "Meine Stiefel sind geschmolzen."

Bürgermeister Bournous hat nun auch mit der Katastrophe nach der Katastrophe zu tun. Er macht sich Sorgen wegen des Gifts aus Batterien, Öltanks, den verbrannten Autos. "In vielen Häusern gab es noch Elenit", ein längst verbotener asbesthaltiger griechischer Baustoff. Für die riesigen Bauschuttmengen braucht man spezielle Deponien. Die Menschen sollten Masken tragen, wenn sie die Asche zusammenkehren, warnen auch Umweltingenieure.

Stiftungen der griechischen Großreeder haben Millionen für den Wiederaufbau zugesagt. Ob das reichen wird? Bournous weiß es nicht, er sagt: "Das Ganze ist eine große Tragödie, die Trauer wird lange über uns hängen."

Vor dem Rathaus haben die "Médecins du Monde" einen Container aufgebaut. Ihre Sozialarbeiterin Antonia Kasari, 30 Jahre alt, hat so viel Leid an einem Ort noch nicht gesehen. Sie sagt: "Wir gehen zu den Leuten, die nach Mati zurückkehren." Sie finden verwirrte ältere Menschen, die nicht mehr wissen, welche Medizin sie nehmen müssen, "ihre Rezepte sind verbrannt". Oder Leute, die psychologische Hilfe nötig hätten, "es aber erniedrigend finden, darum zu bitten, weil sie sich nie vorgestellt haben, so etwas zu brauchen".

Die Regierung hat die Wiederbeschaffung verlorener Papiere erleichtert

Freiwillige verteilen Essen, Wasser, Kleider, in einer Sporthalle. Jetzt funktioniert alles. Sogar Flüchtlinge brachten Plastiktüten voller Flipflops, Zahnbürsten. Männer in orangen Westen mit der Aufschrift "Australian Aid" sind in Mati unterwegs. Einer der Australier sagt: "Das Feuer hat willkürlich zugeschlagen, wie der Wind." Der Mann steht vor einem unversehrten Haus, aber daneben ist ein schwarzes Loch.

Für Rafina gab es einen Evakuierungsplan. Der hätte aber nur etwas genützt, "wenn man 90 Minuten Zeit gehabt hätte", sagt der Bürgermeister. Die Zeit gab es nicht. Das Haus des Bürgermeisters ist auch verbrannt, seine Frau rettete sich ins Meer, mit Verbrennungen am Oberkörper.

Die Regierung hat die Wiederbeschaffung verlorener Papiere erleichtert. "Das ist das einzig Gute, was sie getan hat", sagt Diamantopoulos, der Langstreckenschwimmer . "Ich hatte das Glück", sagt er, "ich habe keine Toten gesehen." Sein Cousin konnte nicht so gut schwimmen, trieb weit ab. Ein Schiff rettete ihn in der Nacht, "er hatte ein Mädchen in seinen Armen".

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